Das Amulett des letzten Kelten


Prolog – Vor zweitausend Jahren

Der Wald brannte.

Roter Feuerschein wanderte über die Stämme der alten Eichen und spiegelte sich auf den Schilden der Männer, die zwischen den Bäumen kämpften.

Es war das Jahr, in dem das Schicksal des Stammes entschieden werden sollte.

Auf der Anhöhe stand Fürst Artan.

Sein Schwert war blutig, sein Mantel zerrissen. Hinter ihm sammelten sich die letzten Krieger seines Stammes.

Ihnen gegenüber standen die Männer von Fürst Movran.

Movran hatte Artan einst seinen Bruder genannt.

Nun wollte er dessen Land.

Und etwas, das noch wertvoller war.

Ein Geheimnis.

Seit Generationen bewahrte Artans Familie etwas, von dem nur wenige wussten.

Etwas, das niemals in die Hände eines Feindes gelangen durfte.

Neben Artan stand die Druidin Rowanna.

Ihr langes, graues Haar bewegte sich im Wind. In ihrer Hand hielt sie einen Stab aus Eichenholz.

„Du musst fliehen“, sagte sie leise.

Artan schüttelte den Kopf.

„Ein Fürst flieht nicht, wenn sein Volk hinter ihm steht.“

Rowanna sah ihn lange an.

„Dann wirst du heute sterben.“

Artan blickte in ihre Augen.

„Vielleicht.“

Er griff unter seinen Mantel und holte ein kleines Amulett hervor.

Es bestand aus dunklem Silber.

Auf seiner Oberfläche befanden sich mehrere geheimnisvolle Zeichen.

Rowanna nahm es entgegen.

„Du weißt, was darauf steht?“

Artan nickte.

„Nicht alles.“

Die Druidin betrachtete die Zeichen.

„Dann ist es gut.“

Artan sah sie fragend an.

„Warum?“

Rowanna schloss ihre Finger um das Amulett.

„Weil niemand das Geheimnis finden kann, solange er die Zeichen nicht versteht.“

In diesem Augenblick ertönte ein Horn.

Movrans Männer griffen an.

Artan zog sein Schwert.

Der Kampf begann.


Stunden später war der Wald still.

Artan lag auf einer Lichtung.

Sein Schwert lag wenige Schritte entfernt.

Movran stand über ihm.

„Wo ist es?“, fragte er.

Artan antwortete nicht.

Movran kniete sich hin.

„Das Geheimnis deiner Familie. Wo ist es?“

Artan lächelte schwach.

„Du wirst es niemals finden.“

Movrans Gesicht verhärtete sich.

Dann stieß er sein Schwert in Artans Brust.

Der Fürst starb ohne ein weiteres Wort.

Doch Movran hatte nicht gewonnen.

Denn Rowanna hatte gesehen, was geschehen war.

Sie wartete, bis Movran und seine Männer verschwunden waren.

Dann ging sie zu Artan.

Sie kniete neben seinem Körper nieder.

Eine Träne lief über ihre Wange.

„Du hast dein Wort gehalten.“

Sie nahm das Amulett aus ihrer Tasche.

Dann setzte sie sich unter die älteste Eiche des Waldes.

Mit einem kleinen Messer begann sie, die Zeichen auf dem Amulett zu verändern.

Nicht die Runen selbst.

Sie fügte ihnen etwas hinzu.

Eine verborgene Ordnung.

Eine Folge.

Eine Bedeutung, die nur jemand erkennen konnte, der wusste, wonach er suchen musste.

Schließlich hielt Rowanna das Amulett gegen das Mondlicht.

Nun war ein Satz darin verborgen.

Doch kein Mensch konnte ihn einfach lesen.

Er musste die Zeichen verstehen.

Und genau darin lag Artans letztes Geheimnis.

Rowanna stand auf.

Sie ging zu einem abgelegenen Hügel tief im Wald.

Dort lagen drei gewaltige Steine.

Zwischen ihnen befand sich eine schmale Öffnung.

Rowanna legte das Amulett hinein.

Bevor sie den Eingang mit Steinen verschloss, flüsterte sie:

„Du hast gesagt, die Wahrheit müsse warten.“

Sie blickte zum Mond.

„Dann soll sie warten.“

Ein letzter Stein fiel an seinen Platz.

Das Grab verschwand.

Und mit ihm das Geheimnis von Fürst Artan.


Kapitel 1 – Das Vermächtnis

Eva

Der Regen hatte gerade aufgehört, als Eva die Tür der Buchhandlung abschloss.

Sie zog den Schlüssel aus dem Schloss und blieb einen Moment stehen. Die nasse Straße glänzte im Licht der Laternen. Es war ein kühler Herbstabend, und aus den Schornsteinen der alten Häuser stieg bereits der erste Rauch.

Eva mochte diese Stunden.

Wenn die Stadt langsam stiller wurde und die Bücher hinter ihr in ihren Regalen ruhten.

Seit fast sechs Jahren arbeitete sie in der kleinen Buchhandlung. Sie liebte alte Bücher, ihren Geruch, die vergilbten Seiten und die kleinen Spuren, die frühere Besitzer hinterlassen hatten.

Doch mit Geschichte hatte sie eigentlich wenig zu tun.

Schon gar nicht mit der keltischen Kultur.

Für Eva waren Kelten bisher hauptsächlich eine Mischung aus alten Steinkreisen, geheimnisvollen Druiden und Geschichten, die man auf Mittelaltermärkten erzählte.

Mehr wusste sie nicht darüber.

An diesem Abend sollte sich das ändern.

Als sie noch einmal durch das Schaufenster sah, bemerkte sie ein Paket auf dem Verkaufstresen.

Eva runzelte die Stirn.

Das war merkwürdig.

Sie war allein gewesen, als sie vor zehn Minuten die Kasse geschlossen hatte.

Das Paket war definitiv vorher nicht dort gewesen.

Sie schloss die Tür wieder auf.

Auf dem braunen Packpapier stand nur ein Name.

Eva.

Kein Absender.

Keine Adresse.

Nur ihr Name.

Sie nahm das Paket und stellte es auf den Tresen.

„Sehr lustig“, murmelte sie.

Vielleicht hatte einer ihrer Kollegen es dort hingelegt.

Sie öffnete die Schnur.

Zum Vorschein kam ein altes Buch.

Der Einband war dunkelbraun und an den Ecken stark abgenutzt. Es war schwerer, als es aussah.

Eva drehte es um.

Kein Titel.

Sie schlug die erste Seite auf.

Nichts.

Die zweite.

Wieder nichts.

Dann bemerkte sie auf der dritten Seite eine handgeschriebene Zeile.

Die Tinte war bereits verblasst.

„Was verborgen wurde, wird eines Tages wiedergefunden.“

Eva lächelte unsicher.

„Na toll.“

Sie blätterte weiter.

Viele Seiten waren leer.

Andere enthielten Zeichnungen, die sie nicht verstand.

Kreise.

Linien.

Seltsame Zeichen.

Und dann fiel etwas aus dem Buch.

Ein leises metallisches Klirren.

Eva blickte nach unten.

Ein kleines Amulett lag auf dem Holzboden.

Sie hob es auf.

Es war dunkel angelaufen und hing an einer alten Lederschnur.

Auf der Vorderseite befanden sich mehrere Zeichen.

Eva betrachtete sie.

Sie hatte keine Ahnung, was sie bedeuteten.

Runen vielleicht.

Oder irgendeine alte Schrift.

Sie drehte das Amulett um.

Auf der Rückseite war ein einziges Wort eingeritzt.

Eva konnte es lesen.

ARTAN

„Artan?“

Der Name sagte ihr nichts.

Sie legte das Amulett neben das Buch.

Dann bemerkte sie etwas.

Auf einer der letzten Seiten befand sich eine Zeichnung.

Drei große Steine.

Dahinter ein Hügel.

Und unter der Zeichnung standen vier Worte:

„Wo der Stein schweigt.“

Eva schloss das Buch.

Sie wusste nicht, warum.

Aber plötzlich hatte sie das Gefühl, als würde sie etwas in der Hand halten, das sie besser nicht hätte finden sollen.


Tim

Fast zur gleichen Zeit brannte im Archiv der Universität noch Licht.

Tim saß allein an einem langen Holztisch.

Vor ihm lagen mehrere Bücher, Kopien alter Dokumente und Fotografien archäologischer Fundstücke.

Er arbeitete seit Jahren über die keltische Kultur Mitteleuropas.

Nicht über die romantische Vorstellung von Druiden und geheimnisvollen Zauberwäldern.

Tim interessierte sich für die Menschen selbst.

Ihre Siedlungen.

Ihre religiösen Vorstellungen.

Ihre Bestattungsrituale.

Ihre Schriftzeugnisse.

Und besonders für die Frage, wie viel von ihrer Geschichte tatsächlich verloren gegangen war.

Vor ihm lag ein Dokument, das er erst am Nachmittag aus einem bislang kaum beachteten Universitätsbestand erhalten hatte.

Ein Bericht aus dem späten 19. Jahrhundert.

Tim las die letzten Zeilen erneut.

Dann hielt er inne.

Dort standen zwei Namen.

Artan.

Und:

Rowanna.

Tim lehnte sich zurück.

Diese Namen kannte er nicht.

Zumindest nicht aus den bekannten Quellen.

Er griff nach einem Notizbuch und schrieb sie auf.

ARTAN – Fürst?

ROWANNA – Druidin?

Daneben setzte er ein Fragezeichen.

Er las weiter.

Der alte Bericht erwähnte eine mündliche Überlieferung über einen keltischen Fürsten, der während eines Stammeskonflikts getötet worden sein sollte.

Der Name seines Gegners:

Movran.

Tim wurde aufmerksam.

Er suchte in seinen Datenbanken.

Nichts.

Er nahm ein weiteres Buch aus dem Regal.

Dann noch eines.

Er verglich Namen, Ortsangaben und alte Fundberichte.

Immer wieder tauchte eine ähnliche Geschichte auf.

Ein Fürst.

Ein Verrat.

Eine Druidin.

Ein verborgenes Grab.

Aber keine dieser Quellen verriet, wo das Grab gelegen hatte.

Tim stand auf und ging zu einem alten Kartenschrank.

Nach einigen Minuten fand er eine historische Karte des Gebietes.

Er breitete sie auf dem Tisch aus.

Mit einem Bleistift markierte er die wenigen Stellen, an denen in alten Aufzeichnungen keltische Gräber erwähnt wurden.

Dann entdeckte er einen handschriftlichen Vermerk am Rand der Karte.

Er stammte nicht aus dem 19. Jahrhundert.

Er war deutlich älter.

Tim beugte sich darüber.

Die Schrift war kaum zu entziffern.

Doch ein Wort konnte er erkennen.

Rowanna.

Darunter befand sich ein Zeichen.

Tim kannte es.

Eine alte keltische Darstellung, deren genaue Bedeutung bis heute nicht eindeutig geklärt war.

Er setzte sich wieder.

Langsam begann er, die verstreuten Hinweise zusammenzufügen.

Artan.

Rowanna.

Movran.

Ein verschwundenes Grab.

Und immer wieder ein Hinweis auf einen Schlüssel.

Tim schrieb das Wort auf ein frisches Blatt.

SCHLÜSSEL

Darunter:

Was sollte geöffnet werden?

Er starrte auf seine Notizen.

Zum ersten Mal hatte er das Gefühl, dass sich hinter der alten Geschichte mehr verbarg als eine überlieferte Stammesfehde.

Vielleicht hatte jemand absichtlich dafür gesorgt, dass die Geschichte vergessen wurde.


Zwei Wege

Eva saß inzwischen zu Hause an ihrem Küchentisch.

Das alte Buch lag vor ihr.

Das Amulett daneben.

Sie hatte es mehrmals fotografiert und versucht, die Zeichen im Internet zu finden.

Ohne Erfolg.

Schließlich nahm sie ihr Handy.

Sie tippte:

„Artan keltisch“

Die Suchergebnisse waren enttäuschend.

Ein paar moderne Namen.

Einige Fantasyfiguren.

Nichts, was mit ihrem Fund zu tun hatte.

Eva legte das Handy weg.

Sie nahm das Amulett in die Hand.

Das Metall war kalt.

Sie betrachtete die Zeichen.

Noch wusste sie nicht, dass zur gleichen Zeit ein Mann an einer Universität über genau diese Zeichen nachdachte.

Sie wusste nichts von Artan.

Nichts von Rowanna.

Nichts von Movran.

Und schon gar nichts von dem Grab.

Tim wiederum wusste nicht, dass sich das Amulett, nach dem er gerade suchte, bereits in den Händen einer jungen Frau befand.

Zwei Menschen.

Zwei völlig unterschiedliche Leben.

Und zwischen ihnen ein Geheimnis, das fast zweitausend Jahre gewartet hatte.

Eva legte das Amulett zurück auf das Buch.

In diesem Augenblick glaubte sie, aus dem Inneren des alten Einbands ein leises Geräusch zu hören.

Ein Kratzen.

Sie hielt den Atem an.

Dann war es wieder still.

Kapitel 2 – Der alte Zettel

Eva war noch immer nicht aufgestanden.

Das alte Buch lag vor ihr auf dem Küchentisch.

Daneben das Amulett.

ARTAN, stand auf seiner Rückseite.

Und darunter, auf der letzten Seite des Buches:

Wo der Stein schweigt.

Eva hatte den Satz bestimmt zehnmal gelesen.

Er ergab keinen Sinn.

Sie kannte keinen Artan. Sie wusste nicht, was es mit den seltsamen Zeichen auf dem Amulett auf sich hatte, und mit Steinen konnte sie überhaupt nichts anfangen.

Dann war da noch dieses Geräusch.

Ein leises Kratzen aus dem Inneren des Buches.

Eva nahm es wieder in die Hand.

Sie drehte es herum und klopfte vorsichtig gegen den hinteren Einband.

Klopf.

Diesmal war das Geräusch deutlich zu hören.

Eva sah das Buch misstrauisch an.

„Da ist doch irgendetwas drin.“

Sie strich mit dem Finger über die Kante des Einbands. An einer Stelle hatte sich das Leder gelöst. Darunter zeichnete sich ein schmaler Spalt ab.

Vorsichtig schob sie den Fingernagel hinein.

Das Leder gab nach.

Eva zog daran.

Ein kleines Stück Papier kam zum Vorschein.

Sie hielt den Atem an.

Langsam zog sie den Zettel heraus.

Er war dünn, brüchig und an mehreren Stellen eingerissen. Die Schrift darauf war kaum noch lesbar.

Eva legte ihn unter die Lampe.

Zunächst konnte sie nur einzelne Buchstaben erkennen.

Dann ein Wort.

Artan.

Ihr Herz schlug schneller.

Sie sah zum Amulett.

„Du schon wieder.“

Sie legte den Zettel neben das Amulett und begann erneut zu lesen.

„Artan …“

Danach fehlten mehrere Wörter.

Dann:

„… wenn er fällt …“

Eva fröstelte.

Sie las weiter.

„Rowanna …“

Der Name sagte ihr nichts.

Aber er stand eindeutig dort.

Darunter befand sich eine Zeichnung.

Eva beugte sich näher heran.

Ein Kreis.

Vier Linien.

Und in seiner Mitte ein Zeichen.

Eva nahm das Amulett.

Sie hielt es über die Zeichnung.

Ihre Finger wurden plötzlich kalt.

Die Zeichnung auf dem Papier und die Zeichen auf dem Amulett waren identisch.

Nicht ähnlich.

Identisch.

Eva legte das Amulett direkt auf die Zeichnung.

Es passte genau darauf.

Für einen Augenblick sagte sie nichts.

Das bedeutete, dass der Zettel nicht zufällig im Buch gesteckt hatte.

Er gehörte zum Amulett.

Und wahrscheinlich auch zu Artan.

Eva nahm die Lupe.

Unter der Zeichnung konnte sie weitere Wörter erkennen.

„… das Zeichen bewahren …“

Eine Lücke.

Dann:

„… bis der Weg gefunden wird …“

Und darunter, fast vollständig verblasst:

„… wo der Stein schweigt.“

Eva erstarrte.

Sie kannte diese Worte.

Sie standen bereits im Buch.

Genau dieselben Worte.

Sie griff nach dem Buch und schlug die letzte Seite auf.

Dort stand:

WO DER STEIN SCHWEIGT.

Sie sah zwischen Buch, Zettel und Amulett hin und her.

Jetzt war sie sicher.

Das waren keine drei voneinander unabhängigen Dinge.

Das Buch führte zu dem Zettel.

Der Zettel führte zum Amulett.

Und das Amulett führte offenbar zu einem Ort.

Zu einem Ort, an dem ein Stein schwieg.

Eva wusste nicht, was das bedeutete.

Aber plötzlich erschien ihr der Satz nicht mehr poetisch.

Vielleicht war er eine Wegbeschreibung.

Vielleicht war er ein Hinweis auf einen Ort.

Vielleicht sogar auf ein Grab.

Sie nahm den Zettel erneut.

Ganz unten befand sich eine letzte Zeile.

Sie war fast vollständig zerstört.

Eva konnte nur noch einige Worte entziffern:

„Wenn Artan fällt … Rowanna wird …“

Der Rest fehlte.

Doch direkt darunter war ein einziges Wort noch deutlich lesbar.

BEWAHREN.

Eva sah das Amulett an.

Sie verstand noch immer nicht, was die Zeichen bedeuteten.

Aber eines begann sie zu begreifen:

Rowanna hatte etwas bewahrt.

Etwas, das mit Artan zu tun hatte.

Etwas, das mit seinem Tod verbunden war.

Und jemand hatte dafür gesorgt, dass dieses Wissen fast zweitausend Jahre lang verborgen blieb.

Eva nahm das Amulett in die Hand.

„Was hast du mit Artan zu tun?“

Natürlich antwortete es nicht.

Doch als ihre Finger über die eingravierten Zeichen glitten, hatte Eva für einen kurzen Moment das Gefühl, dass sie nicht einfach einen alten Gegenstand gefunden hatte.

Sie hatte etwas gefunden, das darauf gewartet hatte, gefunden zu werden.

Und zum ersten Mal dachte sie daran, dass sie vielleicht jemanden brauchte, der diese Zeichen lesen konnte.

Jemanden, der wusste, was sie bedeuteten.

Jemanden, der sich mit alten Kulturen auskannte.

Sie wusste noch nicht, dass es an der Universität einen Historiker gab, der seit Wochen nach genau diesen beiden Namen suchte.

Artan.

Rowanna.

Kapitel 3 – Die Namen aus der Vergangenheit

Am nächsten Morgen lag das Amulett noch immer auf Evas Küchentisch.

Sie hatte kaum geschlafen.

Immer wieder hatte sie den alten Zettel gelesen. Die wenigen Worte gingen ihr nicht aus dem Kopf.

Artan.

Rowanna.

Wo der Stein schweigt.

Und dann dieser merkwürdige Satz:

Wenn Artan fällt … Rowanna wird … bewahren.

Eva wusste, dass sie allein nicht weiterkommen würde.

Sie brauchte jemanden, der sich mit alten Schriften und Geschichte auskannte.

Nach kurzer Suche fand sie heraus, dass an der Universität ein Institut für Alte Geschichte und Archäologie existierte. Dort beschäftigte sich ein Wissenschaftler mit keltischer Kultur.

Sein Name war Tim Berger.

Eva steckte das Buch, den Zettel und das Amulett vorsichtig in ihre Tasche.

Dann machte sie sich auf den Weg.


Die Universität war größer, als Eva erwartet hatte.

Sie fragte sich bis zum historischen Institut durch und blieb schließlich vor einer Tür stehen.

Dr. Tim Berger
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Alte Geschichte – Keltische Kultur

Eva atmete tief durch und klopfte.

„Herein.“

Sie öffnete die Tür.

Ein Mann Anfang dreißig saß hinter einem Schreibtisch. Vor ihm lagen Bücher, alte Karten und mehrere Ausdrucke.

Tim sah auf.

„Ja?“

„Entschuldigung. Ich hoffe, ich störe nicht.“

„Eigentlich immer“, sagte er mit einem leichten Lächeln. „Aber das gehört zum Beruf.“

Eva musste ebenfalls lächeln.

„Ich suche jemanden, der sich mit keltischer Geschichte auskennt.“

Tim deutete auf den Stuhl.

„Dann sind Sie vermutlich richtig.“

Eva setzte sich.

Sie öffnete ihre Tasche.

„Ich habe etwas gefunden.“

Tim sah zunächst nur auf das alte Buch.

Doch als Eva das Amulett danebenlegte, veränderte sich sein Gesichtsausdruck.

Er beugte sich vor.

„Woher haben Sie das?“

„Aus dem Buch.“

„Was für ein Buch?“

„Das weiß ich nicht.“

Eva erzählte ihm von dem Paket, das plötzlich in der Buchhandlung gelegen hatte. Sie erzählte von dem Buch, den Zeichnungen und dem Satz „Wo der Stein schweigt.“

Tim hörte aufmerksam zu.

Als sie schließlich den alten Zettel hervorholte, nahm er ihn vorsichtig entgegen.

Er las.

Dann noch einmal.

„Artan“, sagte er leise.

Eva sah ihn an.

„Sie kennen den Namen?“

Tim antwortete nicht sofort.

Stattdessen stand er auf und ging zu einem Regal.

Er zog einen Ordner heraus.

Dann noch einen.

„Ich habe diesen Namen gestern Abend gelesen.“

Eva sah ihn überrascht an.

„Artan?“

Tim nickte.

„Und Rowanna.“

Jetzt wurde Eva aufmerksam.

„Sie haben nach ihnen gesucht?“

„Seit gestern.“

Er legte einige Kopien auf den Tisch.

„Ich bin auf einen alten Bericht gestoßen. Darin werden beide Namen erwähnt. Allerdings ist die Geschichte sehr lückenhaft.“

Eva sah auf die Dokumente.

„Was wissen Sie über sie?“

Tim nahm das Amulett noch einmal in die Hand, ohne die Oberfläche zu berühren.

„Nicht genug.“

Dann sagte er:

„Aber ich kenne jemanden, der Ihnen mehr darüber erzählen kann.“


Wenige Minuten später gingen sie gemeinsam durch einen langen Korridor.

Tim blieb vor einer Tür stehen.

Prof. Dr. Friedrich Albrecht
Lehrstuhl für Alte Geschichte und Archäologie

Er klopfte.

„Herein.“

Im Büro saß ein älterer Mann mit grauem Haar hinter einem Schreibtisch. An den Wänden standen Regale voller Bücher. Alte Karten hingen eingerahmt neben Fotografien archäologischer Fundstätten.

Der Professor blickte zunächst zu Tim.

„Was gibt es?“

„Ich glaube, wir haben etwas gefunden.“

Der Professor lächelte.

„Das sagst du jedes Mal.“

„Diesmal meine ich es ernst.“

Tim legte den Zettel auf den Tisch.

Der Professor nahm seine Brille ab.

Er las.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Woher haben Sie das?“

Eva trat näher.

„Ich habe es gefunden.“

Der Professor sah sie lange an.

Dann nahm er das Amulett.

Er drehte es vorsichtig um.

Als er den Namen auf der Rückseite sah, wurde er plötzlich sehr still.

ARTAN

„Das ist unmöglich“, sagte er.

Tim sah ihn an.

„Sie kennen ihn.“

Der Professor legte das Amulett langsam zurück.

„Artan ist eine der rätselhaftesten Gestalten in unseren regionalen Überlieferungen.“

Er ging zu einem Schrank und holte ein altes Buch heraus.

„Es gibt keine zeitgenössische schriftliche Quelle, die seine Geschichte vollständig bestätigt. Das meiste, was wir wissen, stammt aus späteren Aufzeichnungen und mündlichen Überlieferungen.“

Er schlug das Buch auf.

„Artan soll ein keltischer Fürst gewesen sein. Ein Stammesführer. Einer Überlieferung zufolge geriet er in einen Konflikt mit einem anderen Fürsten namens Movran.“

Eva erinnerte sich an den Zettel.

„Und Rowanna?“

Der Professor sah sie an.

„Eine Druidin.“

Tim trat näher.

„Was ist über sie bekannt?“

„Sehr wenig. Aber sie scheint in den Überlieferungen eine ungewöhnlich wichtige Rolle zu spielen.“

Der Professor blätterte einige Seiten weiter.

„Nach der Legende wurde Artan während eines Kampfes getötet. Angeblich nicht im offenen Zweikampf, sondern durch Verrat.“

Eva sah auf das Amulett.

„Von Movran?“

Der Professor nickte langsam.

„So erzählt es die Geschichte.“

Er zeigte auf eine Zeichnung in dem Buch.

Ein Hügel.

Drei Steine.

Und ein Kreis.

Eva bekam eine Gänsehaut.

Es war dieselbe Darstellung, die sie in ihrem Buch gesehen hatte.

„Das ist es“, flüsterte sie.

Tim sah sie an.

„Was?“

Eva holte ihr eigenes Buch aus der Tasche und schlug es auf.

Sie zeigte die Zeichnung.

Der Professor beugte sich darüber.

Sein Gesicht wurde ernst.

„Woher haben Sie dieses Buch?“

„Das weiß ich nicht.“

„Und das Amulett?“

„Es lag darin.“

Der Professor schwieg lange.

Dann sagte er:

„Dann haben Sie etwas gefunden, nach dem andere Menschen seit mehr als hundert Jahren suchen.“

Eva sah ihn fragend an.

„Was?“

Der Professor deutete auf das Amulett.

„Artans Grab.“

Tim atmete tief ein.

„Das Grab wurde nie gefunden.“

„Offiziell nicht.“

Der Professor ging zum Fenster.

„Die Überlieferung erzählt, dass Rowanna nach Artans Tod etwas vor Movran verbarg. Etwas, das Artan zu Lebzeiten bewahrt hatte.“

„Was?“, fragte Eva.

Der Professor schüttelte den Kopf.

„Das ist das eigentliche Rätsel.“

Er drehte sich zu ihr um.

„Man spricht von einem Geheimnis. Manche Quellen nennen es einen Schatz. Andere sprechen von Wissen. Wieder andere behaupten, Artan habe etwas hinterlassen, das niemals in die Hände seines Feindes gelangen durfte.“

Tim nahm den alten Zettel.

„Und das Amulett?“

Der Professor sah auf die Runen.

„Es soll der Schlüssel gewesen sein.“

Eva spürte, wie ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief.

„Der Schlüssel zu seinem Grab?“

„Vielleicht.“

Der Professor deutete auf die Inschrift.

„Aber wahrscheinlich nicht im wörtlichen Sinne.“

Er betrachtete die Zeichen genauer.

„Diese Runen sind nicht einfach eine Wegbeschreibung.“

Tim sah ihn überrascht an.

„Was dann?“

Der Professor antwortete leise:

„Eine Botschaft.“

Im Raum wurde es still.

Eva sah auf das Amulett.

Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, dass sie vielleicht nicht zufällig auf dieses Buch gestoßen war.

Der Professor legte den Zettel neben das Amulett.

„Wenn diese Überlieferung stimmt, dann hat Rowanna das Geheimnis nach Artans Tod verschlüsselt.“

Tim nahm seine Notizen.

„Und wir müssen die Runen verstehen, bevor wir herausfinden können, wo das Grab liegt.“

Der Professor nickte.

„Genau.“

Er sah Eva und Tim an.

„Aber eines sollten Sie beide verstehen.“

Sein Blick blieb auf dem Amulett.

„Wenn dieses Stück wirklich zweitausend Jahre alt ist und tatsächlich zu Artan gehört, dann haben wir es nicht mit einer gewöhnlichen archäologischen Spur zu tun.“

Eva fragte:

„Warum?“

Der Professor antwortete erst nach einigen Sekunden.

„Weil die Überlieferung behauptet, dass Rowanna dafür gesorgt hat, dass das Geheimnis nur von denjenigen gefunden werden kann, die die Bedeutung der Zeichen verstehen.“

Tim sah Eva an.

Eva sah Tim an.

Keiner von beiden sagte etwas.

Doch beide wussten in diesem Moment:

Ihre Suche hatte gerade erst begonnen.

Kapitel 4 – Die Spur des Fürsten

Der Regen hatte aufgehört.

Doch die dunklen Wolken hingen noch immer tief über der Stadt, als Eva am nächsten Morgen die Universität betrat.

Sie hatte kaum geschlafen.

Immer wieder war sie in Gedanken zu dem Moment zurückgekehrt, in dem sie das Amulett berührt hatte.

Rowanna.

Dieser Name ließ sie nicht los.

Und noch weniger die Stimme, die ihn ausgesprochen hatte.

Artan … mein Fürst …

Es war kein Traum gewesen.

Davon war Eva inzwischen überzeugt.

Trotzdem wusste sie nicht, was sie davon halten sollte.

Vielleicht gab es eine vollkommen natürliche Erklärung.

Vielleicht war sie einfach übermüdet.

Vielleicht hatte ihr Verstand aus den wenigen Informationen, die sie inzwischen kannte, ein Bild zusammengesetzt.

Aber eines wusste sie sicher:

Das Amulett war nicht einfach nur ein altes Schmuckstück.

Und die Geschichte von Artan und Rowanna war offenbar noch lange nicht erzählt.

Tim wartete bereits vor Professor Albrechts Büro.

„Du siehst aus, als hättest du überhaupt nicht geschlafen.“

Eva lächelte müde.

„Habe ich auch nicht.“

„Wegen Rowanna?“

Eva nickte.

„Und wegen dem Amulett.“

Tim sah sie einen Moment lang schweigend an.

„Ich habe gestern Abend noch einmal alles durchgesehen, was ich über Artan finden konnte.“

„Und?“

„Nicht viel. Zumindest nichts, was uns direkt weiterbringt.“

Er öffnete die Tür zum Büro.

Professor Albrecht saß bereits an seinem Schreibtisch. Vor ihm lagen mehrere Bücher, alte Kopien von Karten und einige handschriftliche Notizen.

Das Amulett lag in der Mitte des Tisches.

Eva blieb stehen.

„Sie haben es aus meiner Tasche genommen?“

Der Professor sah sie ruhig an.

„Nein. Sie haben es gestern hier liegen lassen.“

Eva war sich sicher, dass sie es eingesteckt hatte.

Aber sie sagte nichts.

Professor Albrecht deutete auf einen Stuhl.

„Setzen Sie sich.“

Tim nahm neben Eva Platz.

Der Professor schob ihnen ein vergilbtes Blatt Papier entgegen.

„Ich habe die Nacht damit verbracht, die Hinweise aus Ihrem Buch mit verschiedenen historischen Quellen zu vergleichen.“

Eva sah auf das Blatt.

Darauf waren mehrere Namen vermerkt.

ARTAN

MOVRAN

ROWANNA

Darunter stand ein weiterer Name:

ARDANN

„Was ist Ardann?“, fragte Eva.

„Das wissen wir nicht genau.“

Tim beugte sich über das Blatt.

„Ich habe diesen Namen gestern schon auf einer alten Karte gesehen.“

Professor Albrecht nickte.

„Richtig. Das Problem ist, dass sich die Schreibweise im Laufe der Jahrhunderte verändert hat. Ardann, Ardan, Ardainn. In einigen Abschriften taucht sogar eine Form auf, die kaum noch Ähnlichkeit mit dem ursprünglichen Namen besitzt.“

Eva betrachtete die Karte.

Ein Fluss zog sich durch eine bewaldete Landschaft.

Nördlich davon erhob sich ein Hügel.

Und dort, zwischen Wald und Fluss, stand ein kleines Zeichen.

Drei Steine.

Drei senkrechte Linien, die durch eine waagerechte Linie verbunden waren.

Eva erstarrte.

„Das.“

Tim sah sie an.

„Was?“

Sie holte ihr Buch hervor.

Vorsichtig schlug sie es auf.

Auf der Zeichnung, die sie am Tag zuvor entdeckt hatte, war dasselbe Symbol zu sehen.

Drei Steine.

Genau wie auf der Karte.

„Das ist das Zeichen aus dem Buch.“

Professor Albrecht nahm die Karte und verglich sie mit der Zeichnung.

Sein Gesicht wurde ernst.

„Dann haben wir möglicherweise endlich eine Verbindung.“

„Zu Artan?“, fragte Eva.

„Vielleicht.“

Der Professor breitete eine weitere Karte aus.

„Diese Gegend war vor ungefähr zweitausend Jahren Teil eines größeren Siedlungsraumes. Wir wissen, dass dort mehrere befestigte Anlagen existierten. Von einer davon gibt es nur noch wenige Hinweise.“

„Ardann?“

„Möglicherweise.“

Tim zeigte auf den Hügel.

„Und was ist dort?“

„Heute? Ein Waldgebiet.“

„Und damals?“

Professor Albrecht schwieg einen Augenblick.

„Das ist die interessante Frage.“

Eva spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

„Sie glauben, dort könnte Artan gewesen sein?“

„Ich glaube, dass wir einen Ort gefunden haben, der in mehreren voneinander unabhängigen Quellen mit seiner Geschichte verbunden werden kann.“

„Das klingt fast wie dasselbe.“

Der Professor lächelte schwach.

„In unserer Arbeit ist ein Unterschied zwischen möglich und bewiesen manchmal lebenswichtig.“

Tim griff nach einer Kopie.

„Hier steht etwas über Artans Tod.“

Professor Albrecht nickte.

„Eine spätere Chronik berichtet, dass Artan während eines Treffens mit Movran getötet wurde.“

„Von Movran?“

„Das wird behauptet.“

„Aber Sie glauben es nicht?“

Der Professor lehnte sich zurück.

„Ich glaube, dass wir sehr vorsichtig sein müssen. Die meisten Quellen über Artan wurden erst Jahrhunderte später niedergeschrieben. Und je älter eine Geschichte wird, desto stärker vermischen sich Wahrheit, Erinnerung und Legende.“

Eva dachte an Rowanna.

„Und sie?“

„Rowanna taucht in mehreren Überlieferungen auf.“

„Als seine Druidin?“

„Ja. Aber nicht nur.“

Professor Albrecht nahm ein weiteres Blatt.

„In manchen Fragmenten wird sie als Beraterin bezeichnet. In anderen als Hüterin seines Wissens. Und in einer besonders interessanten Überlieferung heißt es, Rowanna sei die einzige Person gewesen, der Artan vor seinem Tod vollständig vertraute.“

Eva sagte nichts.

Das Bild vom vergangenen Abend erschien wieder vor ihren Augen.

Eine Frau mit langen dunklen Haaren.

Artan in ihren Armen.

Blut auf seiner Brust.

Verzweiflung in ihrem Gesicht.

Und ihre Stimme:

Artan … mein Fürst …

„Was wissen wir über ihre Beziehung?“, fragte Eva schließlich.

Professor Albrecht sah sie aufmerksam an.

„Historisch? Sehr wenig.“

„Und die Legenden?“

„Sie sprechen von einer außergewöhnlich engen Verbindung.“

Tim hob den Blick.

„Politisch?“

Der Professor zögerte.

„Vielleicht. Aber manche Texte klingen persönlicher.“

Eva sah auf das Amulett.

„Vielleicht hat sie sein Geheimnis bewahrt.“

Professor Albrecht antwortete nicht sofort.

„Das ist möglich.“

„Und wenn sie wusste, wo er begraben wurde?“

„Dann könnte sie diejenige gewesen sein, die den Ort verborgen hat.“

Eva nahm das Amulett vorsichtig zwischen zwei Finger.

„Dann könnte dieses Amulett von ihr stammen.“

Tim sah auf die Zeichen.

„Oder von jemandem, der später versucht hat, ihre Botschaft zu bewahren.“

Eine Weile sagte niemand etwas.

Dann nahm Professor Albrecht eine Lupe und untersuchte die Zeichen.

„Wir müssen versuchen, die Inschrift zu entschlüsseln.“

Sie verbrachten die nächsten Stunden damit.

Ogham-Zeichen.

Frühe keltische Schriftformen.

Abweichungen durch spätere Abschriften.

Professor Albrecht verglich jedes einzelne Zeichen mit historischen Beispielen.

Doch je länger sie suchten, desto weniger schien sich die Inschrift erklären zu lassen.

„Es ergibt keinen Sinn“, sagte Tim schließlich.

Eva sah ihn an.

„Gar keinen?“

„Einzelne Zeichen lassen sich zuordnen. Aber als Satz funktioniert es nicht.“

Professor Albrecht legte die Lupe beiseite.

„Weil es möglicherweise gar kein Satz ist.“

„Was dann?“

„Eine Verschlüsselung.“

Eva blickte auf.

„Rowanna hat die Botschaft verschlüsselt?“

„Vielleicht.“

„Warum?“

Der Professor sah sie ernst an.

„Wenn sie wusste, dass jemand nach Artans Geheimnis suchen würde, wäre eine einfache Inschrift zu gefährlich gewesen.“

Tim fuhr mit dem Finger über die Karte.

„Dann müssen wir nicht die Zeichen lesen.“

„Sondern?“

„Verstehen, worauf sie verweisen.“

Professor Albrecht nickte.

„Genau.“

Sie begannen, die Geschichte rückwärts zu rekonstruieren.

Artan.

Movran.

Rowanna.

Der Streit zwischen den beiden Fürsten.

Die Machtkämpfe innerhalb der Stämme.

Die letzte Reise Artans.

Und schließlich sein Verschwinden.

Immer wieder tauchte dieselbe Gegend auf.

Der Fluss.

Der Hügel.

Der Wald.

Ardann.

Eva betrachtete die Karte.

„Wenn Artan dort getötet wurde, müsste es doch irgendeinen Hinweis auf sein Grab geben.“

„Das wäre zu erwarten“, sagte Professor Albrecht.

„Aber?“

„Es gibt keinen.“

Tim runzelte die Stirn.

„Gar keinen?“

„Keinen eindeutigen.“

Professor Albrecht zog eine weitere Karte hervor.

„Allerdings gibt es etwas Merkwürdiges.“

Er legte sie neben die erste.

Auf beiden Karten war derselbe Hügel eingezeichnet.

Und auf beiden fand sich das Symbol der drei Steine.

„Das kann kein Zufall sein“, sagte Tim.

Eva berührte die Zeichnung.

„Vielleicht sind die drei Steine der Ort.“

„Oder der Weg dorthin“, sagte Professor Albrecht.

Eva dachte an den Satz im Buch.

Wo der Stein schweigt.

Plötzlich schien alles miteinander verbunden.

Das Buch.

Der Zettel.

Das Amulett.

Die drei Steine.

Ardann.

Artan.

Rowanna.

„Wir müssen dorthin“, sagte sie.

Professor Albrecht sah sie lange an.

„Das wollte ich gerade vorschlagen.“

Tim stand auf.

„Wann?“

„Morgen.“

Eva sah ihn überrascht an.

„So schnell?“

„Wenn wir tatsächlich eine Spur gefunden haben, sollten wir sie verfolgen, solange sie noch nachvollziehbar ist.“

Professor Albrecht begann, die Karten zusammenzulegen.

„Aber Sie beide bleiben zusammen. Keine Alleingänge.“

Tim nickte.

Eva steckte das Amulett wieder ein.

Da fiel ihr Blick auf den alten Zettel.

Sie nahm ihn heraus.

„Professor.“

„Ja?“

„Sie sagten gestern, der Zettel sei vollständig untersucht worden.“

„Ja.“

„Dann erklären Sie mir bitte das.“

Sie drehte den Zettel um.

Professor Albrecht nahm ihn.

Er hielt ihn gegen das Licht.

Zuerst war nichts zu erkennen.

Dann bewegte er das Papier langsam.

Sein Gesicht veränderte sich.

„Das war vorher nicht sichtbar.“

„Was?“, fragte Tim.

Professor Albrecht legte den Zettel unter die Lampe.

Ganz schwach erschienen auf der Rückseite zusätzliche Linien.

Ein Satz.

Verblasst.

Fast unsichtbar.

Der Professor las ihn langsam.

„Wer den Stein findet …“

Er hielt inne.

Eva beugte sich näher.

„… weckt, was darunter schläft.“

Niemand sagte etwas.

Tim sah Professor Albrecht an.

„Was soll das bedeuten?“

Der Professor antwortete nicht.

Eva spürte plötzlich wieder dieses unangenehme Kribbeln in ihren Fingern.

Das Amulett.

Es war warm geworden.

Sie zog es aus ihrer Tasche.

„Es reagiert.“

Tim trat näher.

„Worauf?“

Eva sah auf die Karte.

Das Symbol der drei Steine schien für einen Moment heller zu werden.

Nur für einen Augenblick.

Dann war alles wieder normal.

Professor Albrecht stand auf.

„Wir sollten für heute Schluss machen.“

Eva wollte gerade antworten, als sie eine Stimme hörte.

Ganz leise.

Direkt neben ihrem Ohr.

„Rowanna.“

Eva fuhr herum.

Niemand stand hinter ihr.

„Was ist?“, fragte Tim.

Sie sah ihn an.

„Nichts.“

Doch dann hörte sie die Stimme erneut.

Noch leiser.

Fast wie ein Atemzug.

„Findet ihn.“

Eva griff nach dem Amulett.

„Wen?“, flüsterte sie.

Keine Antwort.

Stattdessen wurde das Metall plötzlich eiskalt.

Professor Albrecht sah sie aufmerksam an.

„Eva?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Ich glaube … ich habe nur etwas gehört.“

„Was?“

Eva zögerte.

„Ihre Stimme.“

„Wessen?“

Sie sah auf das Amulett.

„Rowannas.“

Stille.

Dann geschah etwas, das keiner von ihnen erwartet hatte.

Das alte Buch, das die ganze Zeit unbeachtet auf dem Tisch gelegen hatte, begann sich zu bewegen.

Ganz langsam.

Die Seiten flatterten.

Obwohl kein Fenster geöffnet war.

Eine Seite schlug um.

Dann noch eine.

Bis das Buch von selbst auf der letzten Seite liegen blieb.

Dort, wo zuvor nur das verblasste Papier gewesen war, erschien eine feine dunkle Linie.

Eva trat näher.

Die Linie bewegte sich.

Langsam.

Als würde eine unsichtbare Hand schreiben.

Ein zweiter Strich entstand.

Dann ein dritter.

Die Linien verbanden sich.

Ein Zeichen entstand.

Drei Steine.

Tim wich einen Schritt zurück.

„Das war eben noch nicht da.“

Professor Albrecht wurde bleich.

„Nein.“

Eva starrte auf das Zeichen.

„Was bedeutet es?“

Der Professor antwortete zunächst nicht.

Dann sagte er leise:

„Das ist nicht das Zeichen der drei Steine.“

Tim sah ihn an.

„Was dann?“

Professor Albrecht hob langsam den Kopf.

„Das Zeichen für ein Grab.“

In diesem Moment wurde das Amulett heiß.

Eva schrie leise auf und ließ es beinahe fallen.

Und wieder hörte sie Rowannas Stimme.

Diesmal so deutlich, als würde die Frau direkt neben ihr stehen.

„Findet ihn …“

Eva presste die Hand auf den Mund.

Dann kam der zweite Satz.

Nur zwei Worte.

Aber sie ließen ihr das Blut in den Adern gefrieren.

„Bevor er erwacht.“

Das Amulett wurde schlagartig kalt.

Im selben Augenblick schlug irgendwo auf dem Flur eine Tür zu.

Hart.

Einmal.

Alle drei fuhren herum.

Dann hörten sie Schritte.

Langsam.

Schwer.

Einen Schritt.

Dann noch einen.

Sie kamen näher.

Professor Albrecht trat von der Tür zurück.

Tim stellte sich neben Eva.

Die Schritte verstummten.

Direkt vor dem Büro.

Stille.

Niemand bewegte sich.

Dann senkte sich langsam der Türgriff.

Eva hielt den Atem an.

Die Tür begann sich zu öffnen.

Und in diesem Augenblick wusste sie:

Sie waren nicht allein.

Fortsetzung folgt