Die Stimmen zwischen den Welten

Prolog

Es gibt Orte, die auf keiner Karte verzeichnet sind.

Nicht, weil sie verborgen liegen, sondern weil sie sich erst zeigen, wenn sie gefunden werden wollen.

Seit Jahrhunderten erzählen Menschen von flüsternden Wäldern, Seen ohne Grund und Schatten, die keinen Besitzer haben. Die meisten halten diese Geschichten für Märchen.

Sie irren sich.

Manche Türen öffnen sich nicht mit einem Schlüssel.

Sondern mit einem Menschen.

Und manchmal genügt eine einzige Begegnung, damit etwas erwacht, das besser für immer geschlafen hätte.

Kapitel 1 – Der erste Traum

Lena schreckte mitten in der Nacht hoch.

Nicht wegen eines Geräusches.

Sondern wegen der vollkommenen Stille.

Ihr Herz raste. Das Zimmer lag im schwachen Licht der Straßenlaternen, die sich durch den Vorhang drängten. Alles war vertraut – der Kleiderschrank, das Bücherregal, die halb geöffnete Balkontür.

Und doch fühlte sich etwas anders an.

Sie sah zur Uhr.

03:33 Uhr.

Schon wieder.

Zum dritten Mal in dieser Woche.

Sie strich sich ihre langen, hellblonden Haare aus dem Gesicht und versuchte, sich an ihren Traum zu erinnern.

Ein Wald.

Schwarze Bäume.

Nebel.

Und eine Stimme.

Nicht laut.

Nicht leise.

Sie hatte ihren Namen ausgesprochen.

„Lena…“

Nur dieses eine Wort.

Doch es war ihr durch Mark und Bein gegangen.

Sie stand auf, trat auf den Balkon und atmete die kühle Nachtluft ein. Unter ihr schlief die Stadt. Autos waren kaum unterwegs, nur irgendwo in der Ferne sirrte eine Straßenbahn durch die Dunkelheit.

Plötzlich bemerkte sie eine Bewegung.

Am anderen Ende der Straße stand jemand.

Eine große Gestalt.

Regungslos.

Als sie genauer hinsah, war niemand mehr dort.

Lena schüttelte den Kopf.

„Ich brauche dringend weniger Kaffee“, murmelte sie.

Sie ahnte nicht, dass dies erst der Anfang war.


Zur gleichen Zeit saß Max in seiner kleinen Wohnung vor dem Computer.

Er arbeitete als IT-Sicherheitsexperte und glaubte ausschließlich an Dinge, die sich messen, berechnen oder beweisen ließen.

Geister?

Unsinn.

Magie?

Kindergeschichten.

Übernatürliches?

Psychologie.

Er fuhr sich durch sein helles Haar und strich sich über seinen gepflegten Bart, während auf seinem Bildschirm Logdateien vorbeiliefen.

Dann flackerte der Monitor.

Einmal.

Zweimal.

Schließlich wurde der Bildschirm schwarz.

Mitten auf der dunklen Fläche erschien ein einzelnes Symbol.

Ein Kreis.


Darin eine silberne Eiche.

Max runzelte die Stirn.

Das Symbol verschwand.

Der Computer startete neu.

Kein Virus.

Keine Fehlermeldung.

Keine Spur eines Fremdzugriffs.

Er überprüfte sämtliche Protokolle.

Nichts.

Nicht ein einziger Eintrag erklärte, was gerade geschehen war.

„Unmöglich…“

Genau in diesem Moment vibrierte sein Handy.

Keine Telefonnummer.

Keine Absenderkennung.

Nur eine Nachricht.

Sie hat den Ruf gehört.

Max starrte auf den Bildschirm.

Bevor er reagieren konnte, löschte sich die Nachricht von selbst.

Er glaubte an Zufälle.

Noch.

Doch irgendwo, weit außerhalb der Stadt, begann tief unter den Wurzeln eines uralten Waldes etwas zu pulsieren.

Etwas hatte zwei Namen gehört.

Lena.

Und Max.

Kapitel 2 – Das Zeichen der Eiche

Der Morgen begann wie jeder andere.

Zumindest versuchte Lena, sich das einzureden.

Der Duft von frischem Kaffee erfüllte ihre kleine Wohnung, während im Radio die Nachrichten liefen. Staus auf der Autobahn, steigende Temperaturen, ein angekündigtes Stadtfest – alles klang so gewöhnlich, so beruhigend normal.

Und doch musste sie immer wieder an den Traum denken.

03:33 Uhr.

Der Wald.

Die Stimme.

Sie nahm ihre Tasse und setzte sich ans Fenster. Als sie den ersten Schluck trinken wollte, fiel ihr etwas auf.

Auf der Fensterscheibe hatte sich über Nacht ein feiner Abdruck gebildet, als wäre jemand mit dem Finger über das beschlagene Glas gefahren.

Es war kein Wort.

Kein Symbol, das sie kannte.

Es sah aus wie die Umrisse einer Eiche.

Sie blinzelte.

Langsam verblasste das Zeichen, bis nichts mehr davon übrig blieb.

„Jetzt werde ich wirklich verrückt“, flüsterte sie.


Zur gleichen Zeit betrat Max das Büro seiner Firma.

„Du siehst aus, als hättest du die ganze Nacht gearbeitet“, sagte seine Kollegin Sarah grinsend.

„Fast.“

„Schon wieder ein Hackerangriff?“

Max schüttelte den Kopf.

„Das wäre mir lieber.“

Er erzählte ihr nichts von dem Symbol oder der rätselhaften Nachricht. Sie würde ihn auslachen – und ehrlich gesagt hätte er sich selbst ausgelacht.

Während er seinen Rechner einschaltete, öffnete er aus Gewohnheit die Überwachungssysteme des Unternehmens.

Alles war normal.

Bis auf einen einzigen Datenstrom.

Er kam von einer Adresse, die es gar nicht geben konnte.

Keine IP.

Kein Server.

Keine Verbindung.

Und dennoch erschienen Daten.

Immer dieselbe Zeichenfolge.

ᛖ

Ein einzelnes Runenzeichen.

Immer wieder. Sekunde für Sekunde. Max machte einen Screenshot.

Als er die Datei öffnen wollte, war sie verschwunden. Nicht gelöscht.

Nie erstellt. Er lehnte sich zurück.

Zum ersten Mal seit Jahren hatte er das Gefühl, dass die Technik ihm keine Antworten geben konnte.


Am Nachmittag beschloss Lena, spazieren zu gehen.

Sie hoffte, den Kopf freizubekommen.

Sie ließ die Innenstadt hinter sich und gelangte in einen alten Stadtpark, den sie seit ihrer Kindheit kannte.

Die Bäume rauschten leise im Wind. Ein paar Kinder spielten auf der Wiese.

Ein älterer Mann fütterte Enten am kleinen Weiher. Alles wirkte friedlich.

Bis sie an einer uralten Eiche vorbeikam. Der Baum musste mehrere hundert Jahre alt sein. Sein Stamm war so breit, dass ihn vier Menschen kaum hätten umfassen können.

Als Lena die raue Rinde berührte, schoss plötzlich eine eisige Kälte durch ihren Körper.

Vor ihren Augen veränderte sich die Welt.

Der Himmel wurde dunkel. Die spielenden Kinder verschwanden.

Der Weiher trocknete aus. Die Eiche war nicht mehr grün.

Ihre Äste waren schwarz wie verbrannt. Zwischen den Wurzeln stand eine Gestalt.

Hochgewachsen.

In einen langen Mantel gehüllt.

Das Gesicht lag vollständig im Schatten.

Die Gestalt hob langsam den Kopf.

„Du bist endlich hier.“

Die Stimme war dieselbe wie in ihrem Traum.

Lena wollte antworten.

Doch kein Laut kam über ihre Lippen.

Die Gestalt streckte eine Hand nach ihr aus.

„Die Zeit wird knapp.“

Ein heftiger Windstoß fegte durch den Park.

Lena stolperte zurück.

Mit einem Mal war alles wieder normal.

Kinder lachten.

Vögel zwitscherten.

Der Weiher glitzerte im Sonnenlicht.

Die schwarze Gestalt war verschwunden.

Nur auf der Rinde der alten Eiche befand sich nun ein eingeritztes Symbol.

Ein Kreis.

Darin eine silberne Eiche.

Genau dasselbe Zeichen, das Max in der Nacht auf seinem Monitor gesehen hatte.

Lena machte ein Foto.

Als sie es kontrollierte, war auf dem Bild nichts zu erkennen.

Nur gewöhnliche Baumrinde.

Sie steckte das Handy langsam wieder ein.

Irgendetwas spielte mit ihr.

Oder jemand.

Und zum ersten Mal fragte sie sich nicht mehr, ob all das wirklich geschah.

Sondern warum ausgerechnet sie.

Kapitel 3 – Das Buch ohne Namen

Lena hatte die halbe Nacht kaum geschlafen.

Immer wieder betrachtete sie das Foto der alten Eiche auf ihrem Handy. Sie wusste genau, dass das eingeritzte Symbol dort gewesen war. Doch auf dem Bild zeigte sich nichts außer der rauen Rinde.

Am nächsten Morgen fasste sie einen Entschluss.

Wenn das Zeichen alt war, musste es irgendwo beschrieben sein.

Und wenn es einen Ort gab, an dem jahrhundertealtes Wissen gesammelt wurde, dann war es die Stadtbibliothek.


Das moderne Gebäude wirkte freundlich und hell, doch Lena steuerte zielstrebig in den ältesten Teil des Hauses. Dort roch es nach Leder, Holz und vergilbtem Papier. Hohe Regale reichten bis unter die Decke, und auf den massiven Eichentischen standen grün schimmernde Leselampen.

Sie sprach eine ältere Bibliothekarin an.

„Entschuldigung. Ich suche Bücher über alte Symbole. Vielleicht über Runen, vergessene Zeichen oder Legenden.“

Die Frau lächelte freundlich.

„Das kommt darauf an, wie alt die Zeichen sind.“

„Ich weiß es nicht.“

Die Bibliothekarin musterte sie einen Moment, als überlege sie, ob Lena es ernst meinte.

„Im Untergeschoss gibt es ein Archiv. Dort stehen einige sehr alte Sammlungen. Allerdings werden sie kaum noch ausgeliehen.“

„Darf ich sie ansehen?“

„Natürlich. Melden Sie sich einfach dort unten.“


Zur gleichen Zeit saß Max in seiner Wohnung vor drei Bildschirmen.

Das Symbol ließ ihm keine Ruhe.

Er hatte es aus dem Gedächtnis dutzendfach nachgezeichnet und in jede Suchmaschine eingegeben, die er kannte.

Nichts.

Er durchsuchte Datenbanken für historische Zeichen.

Nichts.

Runenlexika.

Nichts.

Universitätsarchive.

Nichts.

Selbst spezialisierte Foren, in denen sich Historiker und Archäologen über seltene Funde austauschten, lieferten kein Ergebnis.

Es war, als hätte dieses Symbol niemals existiert.

„Das ergibt keinen Sinn“, murmelte er.

Frustriert lehnte er sich zurück.

Wenn das Internet keine Antwort kannte, blieb nur eine Möglichkeit.

Alte Bücher.

Widerwillig griff er nach seiner Jacke.

„Na gut“, sagte er zu sich selbst. „Dann eben auf die altmodische Art.“


Das Untergeschoss der Bibliothek war überraschend kühl.

Die dicken Steinmauern dämpften jedes Geräusch. Nur das leise Ticken einer antiken Standuhr war zu hören.

Lena stöberte bereits seit einer Stunde in Büchern über Mythologie, mittelalterliche Zeichen und vergessene Orden.

Nichts passte.

Gerade wollte sie aufgeben, als ihr Blick auf ein schmales Regal fiel, das etwas abseits in einer dunklen Nische stand.

Es wirkte älter als alle anderen.

Fast unscheinbar.

Zwischen den staubigen Bänden lag ein einzelnes Buch, das weder Titel noch Autor trug.

Der Einband bestand aus dunkelgrauem Leder und fühlte sich überraschend warm an.

Als Lena das Buch berührte, schien für den Bruchteil einer Sekunde ein kaum hörbares Flüstern durch den Raum zu ziehen.

Sie zog erschrocken die Hand zurück.

Dann öffnete sie vorsichtig den Einband.

Die erste Seite war leer.

Auch die zweite.

Erst auf der dritten erschien langsam eine Zeichnung, als würde Tinte direkt vor ihren Augen in das Papier fließen.

Ein Kreis.

In seiner Mitte eine Eiche.

Genau das Symbol.

Lena hielt unwillkürlich den Atem an.

Unter dem Zeichen erschienen weitere Zeilen. Nicht gedruckt, sondern in einer geschwungenen Handschrift.

Nur jene, die gerufen wurden, vermögen das Zeichen zu sehen.

Sie blätterte hastig weiter.

Das Buch beschrieb uralte Wächter, verborgene Pfade und Orte, die zwischen zwei Welten existierten. Manche Seiten waren jedoch vollkommen leer, als warteten sie darauf, erst noch beschrieben zu werden.

„Unmöglich…“, flüsterte sie.


In diesem Moment betrat Max das Archiv.

Er meldete sich beim Archivar, einem schmalen Mann mit silbergrauem Haar.

„Ich suche historische Werke über unbekannte Symbole.“

Der Mann lächelte kaum merklich.

„Das tun heute erstaunlich viele.“

„Wie bitte?“

„Vor wenigen Minuten stellte eine junge Dame dieselbe Frage.“

Max runzelte die Stirn.

„Ist sie noch hier?“

Der Archivar nickte in Richtung der hinteren Regalreihen.

„Ganz hinten. Aber wundern Sie sich nicht. Manche Bücher finden ihre Leser selbst.“

Max wollte nachfragen, doch der Archivar hatte sich bereits wieder seiner Arbeit zugewandt.


Zwischen den hohen Regalen entdeckte Max schließlich eine junge Frau mit langen, hellen Haaren.

Sie saß allein an einem schweren Holztisch.

Vor ihr lag ein altes Buch.

Sein Herz setzte einen Schlag aus.

Auf der geöffneten Seite war das Symbol der silbernen Eiche zu erkennen.

Genau dasselbe Zeichen, das auf seinem Monitor erschienen war.

„Entschuldigen Sie …“, sagte Max vorsichtig.

Lena blickte auf.

Für einen kurzen Moment schien die Zeit stillzustehen.

Sie erkannte ihn nicht. Er erkannte sie nicht. Doch beide hatten denselben Gedanken. Woher kennt diese fremde Person dieses Zeichen?

Lena legte instinktiv eine Hand auf das Buch. „Suchen Sie auch danach?“

Max nickte langsam. „Ich glaube … ja.“

Noch bevor einer von beiden etwas hinzufügen konnte, schlugen die Seiten des Buches wie von selbst um.

Ein kalter Luftzug strich durch das Archiv.

Die Lampen flackerten.

Mitten auf der neu aufgeschlagenen Seite erschien ein Satz, der wenige Augenblicke zuvor noch nicht dort gestanden hatte.

Die Suchenden haben sich gefunden. Nun beginnt der Weg.

Lena und Max sahen sich schweigend an. Niemand hatte die Seite berührt.

Und tief im Inneren der Bibliothek, verborgen hinter meterdicken Mauern, war ein leises, kaum hörbares Knarren zu vernehmen – als hätte sich irgendwo eine uralte Tür geöffnet.

Kapitel 4 – Der Ruf des Steinkreises

Einen langen Moment sagte keiner von beiden ein Wort.

Die Luft im Archiv schien schwer geworden zu sein. Selbst das leise Ticken der alten Standuhr war verstummt. Vor ihnen lag das geheimnisvolle Buch, dessen Seiten sich eben noch wie von Geisterhand bewegt hatten.

Max brach schließlich das Schweigen.

„Ich heiße Max.“

„Lena.“

Sie schüttelten sich kurz die Hand. Beide bemerkten, wie kühl die Finger des anderen waren.

„Du hast das Symbol schon einmal gesehen, oder?“, fragte Max.

Lena nickte.

„An einer uralten Eiche im Stadtpark. Zumindest glaube ich, dass es dort war. Als ich ein Foto gemacht habe, war das Zeichen verschwunden.“

Max zog sein Handy hervor.

„Bei mir ist es auf meinem Computer erschienen. Danach bekam ich eine Nachricht von einem unbekannten Absender.“

„Welche Nachricht?“

Max zögerte.

„Sie hat den Ruf gehört.“

Lena wurde blass.

„Dann… war ich gemeint.“

Er nickte langsam.

„Das vermute ich inzwischen auch.“

Lena erzählte ihm von ihren Träumen, von der Gestalt im Wald und von der Stimme, die ihren Namen gerufen hatte. Max berichtete von den unerklärlichen Datenströmen, den verschwindenden Dateien und dem Symbol, das in keiner Datenbank existierte.

Als sie geendet hatten, herrschte erneut Stille.

„Das ergibt überhaupt keinen Sinn“, sagte Max schließlich.

„Vielleicht nicht nach den Gesetzen, die wir kennen“, antwortete Lena leise. „Aber offenbar gelten hier andere.“

Max sah auf das geheimnisvolle Buch.

„Eines weiß ich inzwischen sicher.“

„Was?“

„Alleine kommen wir nicht weiter.“

Lena lächelte zum ersten Mal.

„Das wollte ich gerade auch sagen.“


In diesem Moment begann das Buch erneut zu reagieren.

Die Seiten raschelten, obwohl kein Luftzug zu spüren war. Langsam blätterte es weiter, bis es auf einer Doppelseite zum Stillstand kam.

Beide beugten sich darüber.

Die linke Seite zeigte eine kunstvoll gezeichnete Karte.

Dichte Wälder.

Ein Fluss.

Mehrere Hügel.

Und in der Mitte ein Kreis aus gewaltigen Steinen.

Die rechte Seite war mit Symbolen und Runen bedeckt.

Max erkannte einige Zeichen aus nordischen Runenalphabeten, doch viele waren ihm völlig unbekannt.

Lena strich vorsichtig mit den Fingern über eine der Runen.

Augenblicklich begannen einzelne Zeichen schwach silbern zu leuchten.

Zwischen ihnen erschienen Zeilen, die zuvor nicht vorhanden gewesen waren.

Der erste Schlüssel ruht dort, wo die Alten den Himmel berührten.

Sucht den Kreis aus Stein.

Nur wer gemeinsam den Ruf trägt, wird den Pfad erkennen.

Der Wächter öffnet den Weg, doch nur den Würdigen.

Unter dem Text entstand langsam eine weitere Zeichnung.

Sie zeigte einen uralten keltischen Ritualplatz.

Ein Ring aus mächtigen Monolithen.

In seiner Mitte befand sich das Symbol der silbernen Eiche.

„Ein Steinkreis“, flüsterte Lena.

Max betrachtete die Karte genauer.

„Moment… ich kenne diesen Ort.“

Sie sah ihn überrascht an.

„Wirklich?“

„Nicht persönlich. Aber ich habe vor Jahren einen Artikel darüber gelesen. Irgendwo außerhalb der Stadt gibt es einen kaum bekannten keltischen Ritualplatz. Die meisten Touristen kennen ihn gar nicht.“

Lena deutete auf die Zeichnung.

„Glaubst du, dass es derselbe Ort ist?“

Max nickte langsam.

„Ich würde fast darauf wetten.“


Sie schlossen das Buch.

Im selben Augenblick erlosch das silberne Leuchten der Runen.

Lena wollte den Band vorsichtig zurück in das Regal stellen.

Doch als sie sich umdrehte, war die dunkle Nische verschwunden.

Dort standen nur gewöhnliche Bücher über Geschichte und Archäologie.

Verwirrt blickte sie sich um.

„Wo ist das Regal?“

Max trat neben sie.

„Welches Regal?“

„Das, aus dem ich das Buch genommen habe.“

Er sah sich ebenfalls um.

„Hier war keins.“

Lena blickte auf das Buch in ihren Händen.

„Aber…“

Noch bevor sie den Satz beenden konnte, löste sich der Einband langsam auf.

Das Leder zerfiel zu feinem silbrigen Staub, der lautlos zu Boden rieselte.

Zwischen ihren Fingern blieb nichts zurück.

Das Buch war verschwunden.

Nur die Erinnerung an seinen Inhalt blieb.

Max starrte auf den leeren Platz.

„Jetzt kann ich endgültig vergessen, dafür eine logische Erklärung zu finden.“

Lena musste trotz allem lächeln.

„Vielleicht ist das der erste Schritt.“

„Welcher?“

„Zu akzeptieren, dass nicht alles logisch sein muss.“


Als sie das Archiv verließen, wartete der alte Archivar hinter seinem Schreibtisch.

Er sah sie an, als hätte er längst gewusst, was geschehen war.

„Sie haben gefunden, wonach Sie gesucht haben?“

Max wollte antworten.

Doch der Mann hob nur leicht die Hand.

„Nein“, sagte er mit ruhiger Stimme.

„Sie haben erst den Anfang gefunden.“

„Kennen Sie dieses Buch?“, fragte Lena.

Der Archivar lächelte geheimnisvoll.

„Ich kenne viele Bücher.“

„Woher wussten Sie, dass wir zusammenarbeiten würden?“

Sein Blick wurde ernst.

„Manche Wege werden nicht gewählt.“

Er machte eine kurze Pause. „Sie erinnern sich nur daran.“

Bevor einer von beiden eine weitere Frage stellen konnte, wandte sich der Archivar wieder seinen Unterlagen zu, als wäre das Gespräch beendet.


Draußen empfing sie die warme Nachmittagssonne. Autos fuhren vorbei, Menschen lachten in den Cafés, Fahrräder klingelten. Die Welt schien völlig normal. Und doch wusste Lena, dass sich etwas verändert hatte. Sie war nicht länger allein.

Max zog sein Handy hervor und öffnete eine Karte.

„Der Ritualplatz liegt etwa vierzig Kilometer von hier, mitten in einem Waldgebiet.“

„Kommen wir heute noch hin?“

„Wenn wir sofort losfahren.“

Lena blickte noch einmal zurück zur Bibliothek.

Ein Gefühl sagte ihr, dass sie erst dann Antworten finden würden, wenn sie den Steinkreis erreichten.

Oder neue Fragen.

„Dann gehen wir“, sagte sie entschlossen.

Gemeinsam machten sie sich auf den Weg.

Hinter ihnen schlug die schwere Eingangstür der Bibliothek langsam zu.

Im obersten Fenster stand für den Bruchteil einer Sekunde die dunkle Gestalt aus Lenas Träumen.

Reglos beobachtete sie die beiden.

Als Max sich noch einmal umdrehte, war das Fenster leer.

Nur ein einzelner Rabe erhob sich lautlos vom Dach und flog in Richtung des Waldes.

Als würde er ihnen den Weg weisen.

Kapitel 5 – Der Weg des Raben

Max entriegelte seinen dunkelgrauen Kombi und öffnete Lena die Beifahrertür.

„Nicht besonders spektakulär“, sagte er mit einem schiefen Lächeln. „Aber er bringt uns überall hin.“

„Das muss er heute wohl beweisen.“

Sie stieg ein und schloss die Tür. Im Wagen roch es nach Kaffee und einem Hauch von Leder. Max startete den Motor, während das Display des Infotainmentsystems langsam hochfuhr.

„Dann sehen wir mal, ob dieser Ort überhaupt existiert.“

Er öffnete das Navigationssystem und gab die Koordinaten ein, die er aus einer archäologischen Datenbank notiert hatte.

51.248…

Er kontrollierte die Zahlen ein zweites Mal und bestätigte die Eingabe.

Einen Augenblick blieb der Bildschirm schwarz.

Dann erschien die Route.

Ziel gefunden.

Fahrzeit: 47 Minuten.

Max runzelte die Stirn.

„Das ging erstaunlich problemlos.“

„Vielleicht möchte uns der Ort finden“, sagte Lena nachdenklich.

„Bitte fang nicht damit an.“

Sie lächelte.

„Du glaubst doch selbst nicht mehr, dass das alles Zufall ist.“

Max antwortete nicht.

Insgeheim wusste er, dass sie recht hatte.


Die Stadt blieb langsam hinter ihnen zurück.

Hohe Bürogebäude wichen Wohnhäusern, die wiederum Feldern und kleinen Wäldern Platz machten. Der Himmel war wolkenlos, und die Nachmittagssonne tauchte die Landschaft in warmes Licht.

Im Radio lief leise Musik.

Niemand sprach.

Beide hingen ihren Gedanken nach.

Nach einigen Kilometern bemerkte Lena eine Bewegung am Straßenrand.

„Max…“

„Hm?“

„Siehst du den Raben?“

Max blickte nach vorne.

Auf einem Leitpfosten saß ein großer schwarzer Rabe.

Im selben Moment breitete er seine Flügel aus und flog los.

Nicht davon.

Sondern genau in ihre Fahrtrichtung.

„Seltsamer Zufall“, murmelte Max.

„Findest du?“

Der Vogel flog immer gerade weit genug voraus, dass er nicht aus dem Blickfeld verschwand.

Immer wenn Max an einer Kreuzung oder Gabelung ankam, wechselte der Rabe seine Richtung – noch bevor das Navigationsgerät eine Abbiegeanweisung gab.

„Das bildet ihr euch ein“, sagte Max mehr zu sich selbst als zu Lena.

„Vielleicht.“

Doch auch er glaubte seine eigenen Worte nicht mehr.


Nach einer halben Stunde wurde die Straße immer schmaler.

Dichte Wälder umgaben sie.

Der Handyempfang verschwand.

Eine Meldung erschien auf dem Display.

Kein Mobilfunknetz verfügbar.

„Na toll“, sagte Max.

„Jetzt sind wir wirklich abgeschnitten.“

Lena blickte aus dem Fenster.

Zwischen den Bäumen glaubte sie, immer wieder hohe Steine zu erkennen.

Doch wenn sie genauer hinsah, waren es nur Felsen oder alte Baumstämme.

„Hast du das Gefühl…“, begann sie.

„…dass der Wald uns beobachtet?“

Sie nickte.

„Genau das.“

Max lachte nervös.

„Früher hätte ich dich für diesen Satz ausgelacht.“

„Und heute?“

„Heute hoffe ich einfach, dass der Wald freundlich ist.“


Nur noch drei Kilometer.

Das Navi kündigte die letzte Abbiegung an.

„In dreihundert Metern links abbiegen.“

Max setzte den Blinker.

Plötzlich flackerte das Display.

Einmal.

Zweimal.

Dann wurde die Kartenansicht schwarz.

„Nicht jetzt…“

Statt der Straße erschienen feine silberne Linien.

Sie bewegten sich über den Bildschirm wie flüssige Tinte.

Lena hielt den Atem an.

„Das sind Runen.“

Immer mehr Zeichen entstanden.

Sie drehten sich langsam umeinander und bildeten ein Muster.

Max fuhr vorsichtig weiter.

„Bitte sag mir, dass das irgendein Softwarefehler ist.“

Doch niemand antwortete.

Die Runen begannen zu leuchten.

Das Navigationssystem gab nun keine Straßennamen mehr aus.

Stattdessen erschien Zeile für Zeile eine Botschaft.

ᛖ ᚨ ᛚ ᚷ ᛁ ᛉ

Weitere Zeichen folgten.

Sie waren älter als jede Rune, die Max jemals gesehen hatte.

Das Display summte leise.

Dann wechselten die Zeichen plötzlich in eine Sprache, die beide lesen konnten.

Der Pfad endet.

Der Weg beginnt.

Im selben Augenblick verstummte die elektronische Stimme des Navigationsgeräts.

Die Positionsanzeige verschwand.

Die Karte löste sich vollständig auf.

An ihrer Stelle war nur noch das Symbol der silbernen Eiche zu sehen.

Ein Kreis.

Eine Eiche.

Und darunter ein einzelner, pulsierender Punkt.

„Das ist… unser Standort“, flüsterte Max.

Der Punkt bewegte sich langsam auf den Mittelpunkt des Symbols zu.

„Wir sind fast da“, sagte Lena.

Kaum hatte sie den Satz beendet, erhob sich der Rabe erneut aus den Baumwipfeln.

Er flog direkt über die Motorhaube hinweg und verschwand zwischen den Bäumen zu ihrer Linken.

Gleichzeitig fiel das Navigationssystem vollständig aus.

Der Bildschirm wurde schwarz.

Der Motor lief weiter, doch alle Anzeigen des Infotainments waren erloschen.

Max trat auf die Bremse.

Vor ihnen endete der Asphalt.

Ein schmaler, überwucherter Waldweg führte tiefer zwischen die uralten Bäume.

Kein Schild.

Keine Absperrung.

Nichts deutete darauf hin, dass hier jemals Menschen unterwegs gewesen waren.

Lena öffnete langsam die Tür.

Eine ungewohnte Stille lag über dem Wald.

Nicht einmal Vögel waren zu hören.

Sie blickte zu Max.

„Ich glaube, ab hier führt uns kein Navi mehr.“

Max nickte und sah auf den dunklen Waldweg.

„Nein“, sagte er leise.

„Ab hier führt uns etwas anderes.“

Hoch über ihnen erklang das raue Krächzen des Raben.

Es hallte zwischen den Bäumen wider, als würde der Wald selbst ihre Ankunft begrüßen.

Kapitel 6 – Der Kreis der Wächter

Max schloss den Wagen ab, obwohl ihm der Gedanke plötzlich seltsam vorkam. Was spielte ein Autoschlüssel für eine Rolle an einem Ort wie diesem?

Lena trat an den Rand des Waldweges und blickte zwischen die alten Bäume. Die Stämme waren gewaltig, ihre Kronen verschmolzen hoch über ihnen zu einem dichten Dach, das nur vereinzelte Sonnenstrahlen hindurchließ.

Dann erklang es wieder.

Krah… Krah…

Der Rabe.

Nicht weit entfernt.

„Er wartet auf uns“, sagte Lena leise.

Max wollte widersprechen, doch stattdessen nickte er nur.

„Dann sollten wir ihn nicht warten lassen.“

Gemeinsam folgten sie dem schmalen Pfad.

Mit jedem Schritt wurde der Wald stiller.

Kein Wind bewegte die Blätter.

Keine Insekten summten.

Selbst ihre eigenen Schritte klangen gedämpft, als würde der Waldboden jedes Geräusch verschlucken.

Nach einigen Minuten entdeckten sie den Raben erneut.

Er saß auf einem moosbewachsenen Stein und blickte sie aufmerksam an.

Als Lena näher kam, erhob er sich lautlos, flog einige Meter weiter und setzte sich wieder.

„Er führt uns tatsächlich“, murmelte Max.

Der Vogel wiederholte das Spiel mehrmals.

Immer nur so weit, dass sie ihm folgen mussten.

Schließlich lichtete sich der Wald.

Vor ihnen öffnete sich eine kreisrunde Lichtung.

Lena blieb wie angewurzelt stehen.

„Das…“

„…muss der Ritualplatz sein“, beendete Max ihren Satz.

Vor ihnen erhob sich ein uralter Steinkreis.

Zwölf gewaltige Monolithen ragten mehrere Meter hoch in den Himmel. Manche waren umgestürzt, andere von dichtem Moos überwachsen. Dennoch wirkten sie, als hätten sie Jahrtausende darauf gewartet, dass jemand zurückkehrte.

In der Mitte des Kreises lag eine flache Steinplatte.

Auf ihrer Oberfläche war – kaum noch erkennbar – das Symbol der silbernen Eiche eingraviert.

Genau jenes Zeichen, das sie bereits im Buch, auf dem Computer und an der alten Eiche gesehen hatten.

Ein kühler Wind strich über die Lichtung.

Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft begann sich die Luft wieder zu bewegen.


Max ging langsam von Stein zu Stein.

„Hier müssen die Runen sein.“

Er strich mit den Fingern über die verwitterten Oberflächen.

Anfangs schien jeder Monolith nur von Rissen und Flechten bedeckt zu sein.

Doch als Lena ebenfalls einen der Steine berührte, geschah etwas.

Ein feines silbernes Leuchten durchzog die Vertiefungen.

Wie von selbst erschienen uralte Runen.

„Max!“

Er eilte zu ihr.

„Sie waren eben noch nicht da.“

„Oder wir konnten sie nicht sehen.“

Nach und nach begannen auch die übrigen Monolithen zu leuchten.

Jeder trug andere Zeichen.

Einige erinnerten an Runen, andere wirkten fremdartig, als stammten sie aus einer Sprache, die längst vergessen worden war.

Max zog sein Notizbuch hervor.

„Ich schreibe alles auf.“

Er zeichnete sorgfältig jedes Symbol ab.

Dabei fiel ihm etwas auf.

„Sieh mal.“

Er zeigte auf drei Steine.

„Die Zeichen wiederholen sich nicht. Aber sie gehören irgendwie zusammen.“

Lena trat einen Schritt zurück.

Erst aus einiger Entfernung erkannte sie das Muster.

„Die Runen bilden einen Kreis.“

„Nein“, sagte Max.

„Sie bilden…“

Er stockte.

„…eine Karte.“


In diesem Moment wurde die Temperatur spürbar kälter.

Ein Schatten huschte zwischen zwei Monolithen hindurch.

Lena drehte sich sofort um.

„Hast du das gesehen?“

„Ja.“

Max war sich sicher.

Dort hatte eben jemand gestanden.

Eine hochgewachsene Gestalt.

Doch nun war sie verschwunden.

Dann erschien ein weiterer Schatten.

Und noch einer.

Lautlos glitten sie zwischen den Steinen hindurch.

Nie ganz sichtbar.

Nie völlig verborgen.

Sie schienen die beiden zu beobachten.

„Vielleicht sollten wir gehen“, flüsterte Max.

„Nein.“

Lena wusste selbst nicht, warum sie das sagte.

Aber tief in ihrem Inneren spürte sie, dass diese Wesen sie nicht vertreiben wollten.

Sie warteten.

Als würden sie prüfen, ob Lena und Max würdig waren.

Der Rabe ließ sich auf dem höchsten Monolithen nieder.

Er krächzte einmal.

Sofort verschwanden alle Schatten.

Die Lichtung lag wieder still.


Plötzlich begann die Steinplatte in der Mitte des Kreises schwach zu leuchten.

Die silberne Eiche strahlte heller als zuvor.

Aus den umliegenden Runen lösten sich feine Lichtfäden.

Sie flossen langsam auf die Mitte zu.

Dort entstanden neue Worte.

Nicht geschrieben.

Sondern aus Licht geformt.

Zwölf Wächter hüten den ersten Pfad.

Nicht ihre Namen öffnen das Tor.

Sondern ihre Ordnung.

Wo Anfang und Ende eins werden, erwacht der Schlüssel.

Die Schrift verblasste.

Zurück blieb lediglich die Zeichnung eines Kreises.

Zwölf Punkte waren darauf eingezeichnet – einer für jeden Monolithen.

Vier davon leuchteten heller als die übrigen.

Max betrachtete die Skizzen in seinem Notizbuch.

„Das ist kein Text.“

„Was meinst du?“

„Die Runen müssen in eine bestimmte Reihenfolge gebracht werden.“

„Aber wie?“

Max dachte einen Moment nach.

Dann fiel sein Blick auf die Mitte des Kreises.

„Nicht die Runen sind entscheidend.“

„Sondern die Steine.“

Lena sah ihn fragend an.

„Die Inschrift sagt: Nicht ihre Namen öffnen das Tor, sondern ihre Ordnung. Das bedeutet, wir müssen herausfinden, welche vier Monolithen zusammengehören. Vielleicht bilden sie die Himmelsrichtungen, vielleicht die Jahreszeiten oder die alten keltischen Feste. Erst wenn wir die richtige Reihenfolge erkennen und den Kreis entsprechend abschreiten, wird sich der ‚erste Schlüssel‘ zeigen.“

In diesem Augenblick begann auf einem der Monolithen eine einzelne Rune heller zu leuchten als alle anderen.

Kurz darauf antwortete ein zweiter Stein.

Dann ein dritter.

Und schließlich ein vierter.

Die vier Lichtpunkte bildeten kein Quadrat.

Sondern eine Spirale, die auf die Mitte des Steinkreises zulief.

Der Rabe erhob sich mit einem kräftigen Flügelschlag und flog genau über diese vier Steine hinweg, bevor er lautlos im Wald verschwand.

Lena und Max sahen ihm nach.

„Ich glaube“, sagte Lena mit ruhiger Stimme, „er hat uns gerade den ersten Hinweis gegeben.“

Max nickte.

„Jetzt müssen wir nur noch verstehen, was er uns zeigen wollte.“

Der Steinkreis lag wieder still da.

Doch tief unter der Erde war ein dumpfes Grollen zu hören.

Als hätte etwas uraltes begonnen, aus seinem langen Schlaf zu erwachen.

Kapitel 7 – Die Prüfung der vier Wächter

Lena und Max standen schweigend in der Mitte des Steinkreises.

Der Wind war verstummt.

Die vier Monolithen, die zuvor nacheinander aufgeleuchtet hatten, strahlten nun in einem sanften silbrigen Licht. Die übrigen acht Steine lagen wieder im Schatten.

Max schlug sein Notizbuch auf.

Auf jeder Seite hatte er die Runen sorgfältig abgezeichnet. Er verglich sie mit den Zeichen auf den vier leuchtenden Monolithen.

„Sie gehören zusammen“, murmelte er.

„Aber warum genau diese vier?“

Lena trat neben ihn.

„Vielleicht erzählen sie eine Geschichte.“

Max betrachtete die Runen genauer.

Auf dem ersten Stein war ein Zeichen eingeritzt, das an Wurzeln erinnerte.

Der zweite zeigte geschwungene Linien wie fließendes Wasser.

Auf dem dritten erkannte er spitze Formen, die an Flammen erinnerten.

Der vierte trug eine Rune, deren Linien sich wie Windböen über den Stein zogen.

„Die Elemente“, sagte Max plötzlich.

„Erde… Wasser… Feuer… Luft.“

Lena erinnerte sich an die Seiten des geheimnisvollen Buches.

Sie schloss für einen Moment die Augen.

Vor ihrem inneren Blick erschien wieder die vergilbte Seite.

Nicht das ganze Bild.

Nur ein einzelner Satz.

Der Kreis beginnt mit der Wurzel und endet mit dem Wind.

Sie öffnete die Augen.

„Max.“

„Ja?“

„Ich glaube, ich weiß die Reihenfolge.“

Sie zeigte auf den ersten Stein.

„Erde.“

Dann auf den zweiten.

„Wasser.“

Den dritten.

„Feuer.“

Und schließlich den vierten.

„Luft.“

Max nickte langsam.

„Das passt zur Inschrift. Nicht die Namen öffnen das Tor, sondern ihre Ordnung.“

Sie sahen sich an.

„Dann gibt es wohl nur einen Weg, das herauszufinden.“


Lena trat vorsichtig an den ersten Monolithen heran.

Sie legte ihre Hand auf die kalte Oberfläche.

Im selben Augenblick begann die Rune hell zu leuchten.

Ein tiefes Grollen ging durch den Boden.

Der gesamte Steinkreis erwachte.

Silberne Lichtlinien verbanden die zwölf Monolithen miteinander.

„Das war richtig“, sagte Max.

Nun trat er zum zweiten Stein.

Als seine Finger die Rune berührten, erklang ein dumpfer Ton, der durch den ganzen Wald hallte.

Zwischen den Monolithen begann feiner Nebel aufzusteigen.

Lena spürte eine Gänsehaut.

„Weiter.“

Sie gingen zum dritten Stein.

Kaum hatte Lena die Feuer-Rune berührt, schossen winzige goldene Funken über die Oberfläche des Monolithen.

Sie verbrannten nichts.

Sie fühlten sich warm an.

Lebendig.

Jetzt blieb nur noch der vierte Stein.

Max atmete tief durch.

„Wenn das falsch ist…“

„Dann finden wir es heraus.“

Er legte seine Hand auf die Luft-Rune.

Für einen Herzschlag geschah nichts.

Dann brach ein gleißender Lichtstrahl aus der Mitte des Steinkreises hervor.

Alle zwölf Monolithen leuchteten gleichzeitig auf.

Der Boden bebte.

Ein gewaltiger Wind erhob sich und kreiste über der Lichtung, ohne auch nur ein einziges Blatt zu bewegen.

Mitten auf der Steinplatte erschien erneut das Symbol der silbernen Eiche.

Dieses Mal begann es sich langsam zu drehen.

Ein leises Knacken war zu hören.

Die Platte bewegte sich.

Millimeter für Millimeter glitt sie zur Seite.

Darunter öffnete sich eine kleine steinerne Kammer.


Beide traten vorsichtig näher.

In der Vertiefung lag kein Gold.

Keine Waffen.

Kein Schmuck.

Nur ein einzelner Gegenstand.

Ein Anhänger aus silbrig schimmerndem Kristall.

Er war ungefähr so groß wie eine Münze.

In seinem Inneren schien ein winziger Lichtfunke zu schweben.

Auf seiner Oberfläche war die silberne Eiche eingraviert.

Lena kniete sich nieder.

„Glaubst du…“

Max antwortete leise.

„Ich glaube, er hat auf uns gewartet.“

Als Lena den Anhänger berührte, durchfuhr sie ein warmer Lichtstrom.

Die Welt um sie herum verschwand.


Die Monolithen waren unbeschädigt.

Überall brannten Feuer.

Frauen und Männer in langen keltischen Gewändern standen im Kreis.

Sie sangen eine fremde Melodie.

In ihrer Mitte erhob sich eine gewaltige Eiche.

Ihre Blätter schimmerten silbern im Mondlicht.

Ein alter Druide trat vor.

Er hob den Kristall in den Himmel.

Seine Stimme hallte über die Lichtung.

„Möge der Bund bestehen, solange die vier Schlüssel bewahrt werden.“

Die Menschen antworteten gemeinsam.

„Bis die Erben zurückkehren.“

Plötzlich verdunkelte sich der Himmel.

Schwarzer Nebel kroch zwischen den Bäumen hervor.

Die Menschen verstummten.

Der Druide blickte direkt zu Lena.

Nicht durch sie hindurch.

Sondern direkt in ihre Augen.

Als könne er sie sehen.

Mit ruhiger Stimme sprach er:

„Der erste Schlüssel ist erwacht.“

Er machte eine kurze Pause.

„Drei weitere warten auf die Erben des Bundes.“

Die Vision zerbrach wie Glas.


Lena fiel einen Schritt zurück.

Max fing sie auf.

„Alles in Ordnung?“

Sie atmete schwer.

„Ich… ich habe sie gesehen.“

„Wen?“

„Die Menschen, die diesen Ort erschaffen haben.“

Sie erzählte ihm von der Vision.

Max hörte aufmerksam zu.

Während Lena sprach, war sein Blick auf die geöffnete Steinkammer gefallen.

An ihrer Unterseite befanden sich feine Gravuren.

Er kniete sich hin.

„Lena… schau dir das an.“

In den Stein war eine Sternenkarte gemeißelt.

Zwischen den Sternbildern verliefen Linien.

Eine davon endete an einem einzelnen Symbol.

Nicht der silbernen Eiche.

Sondern einem alten Turm auf einem Hügel.

Darunter stand in alter Schrift nur ein Wort.

Caer.

Max machte vorsichtig ein Foto.

Er hielt den Atem an.

Diesmal blieb das Bild auf seinem Handy.

„Zum ersten Mal verschwindet nichts.“

„Vielleicht dürfen wir diesen Hinweis behalten.“


Gerade wollte Max die Steinplatte wieder schließen, als der Rabe laut krächzte.

Einmal.

Dann noch einmal.

Nicht rufend.

Warnend.

Beide drehten sich gleichzeitig um.

Am Rand der Lichtung stand eine Gestalt. Groß. In einen dunklen Mantel gehüllt.

Das Gesicht lag im Schatten. Doch diesmal blieb sie nicht stumm.

Mit ruhiger Stimme sagte sie: „Ihr seid schneller als erwartet.“

Lena spürte sofort, dass es dieselbe Stimme war wie in ihrem Traum.

„Wer seid Ihr?“, rief sie.

Die Gestalt machte einen einzigen Schritt nach vorne.

Genau in diesem Moment erloschen sämtliche Lichter des Steinkreises.

Ein eisiger Wind fegte über die Lichtung.

Die Schatten zwischen den Monolithen wurden dichter.

Max hob schützend den Arm vor Lena.

Als der Wind nach wenigen Sekunden nachließ, war die Gestalt verschwunden.

Nur ihre Fußspuren waren noch im feuchten Moos zu erkennen.

Der Rabe saß regungslos auf dem höchsten Monolithen.

Er blickte in die Richtung, in der die Gestalt verschwunden war.

Dann stieß er einen langen, rauen Warnruf aus, der weit durch den Wald hallte.

Lena umklammerte den Kristallanhänger.

„Was immer gerade begonnen hat“, sagte sie leise, „es wird uns nicht mehr loslassen.“

Max nickte. Sein Blick fiel auf das Foto der Sternenkarte.

„Dann sollten wir herausfinden, was ‚Caer‘ bedeutet.“

Über ihnen zogen dunkle Wolken auf und verdeckten die Abendsonne.

Die Reise hatte gerade erst begonnen.

Kapitel 8 – Der Name auf der Seite

Der Wind war kälter geworden.

Lena stand noch immer neben der geöffneten Steinplatte und hielt den silbern schimmernden Kristallanhänger in ihrer Hand. Das Licht der zwölf Monolithen war erloschen. Nur die letzten Reste eines silbernen Leuchtens lagen wie Nebel über dem Steinkreis.

Max blickte in die Richtung, in der die geheimnisvolle Gestalt verschwunden war.

„Wir sollten gehen.“ Lena antwortete nicht. „Lena.“ Sie sah ihn an.

In seinem Gesicht lag etwas, das sie bisher noch nicht gesehen hatte.

Angst. Nicht die Angst vor einem unbekannten Geräusch oder einer unheimlichen Erscheinung.

Es war die Angst eines Menschen, der begriffen hatte, dass etwas existierte, das er nicht verstehen konnte.

Lena schloss ihre Hand um den Kristall. „Ja“, sagte sie leise. „Wir sollten gehen.“ Sie wandten sich ab.

Der Rabe saß noch immer auf dem höchsten Monolithen. Sein schwarzes Gefieder hob sich deutlich gegen den dunkler werdenden Himmel ab.

Er beobachtete sie. Als Lena den ersten Schritt machte, erhob er sich.

Mit kräftigen Flügelschlägen flog er über die Lichtung hinweg und verschwand zwischen den Bäumen. „Er zeigt uns den Weg zurück“, sagte Lena. Max sah ihm nach. „Hoffentlich.“


Sie gingen den schmalen Pfad entlang. Zuerst war alles still. Zu still.

Lena hörte nur ihre eigenen Schritte und Max‘ Atem. Nach einigen Minuten blieb sie stehen. „Warte.“ Max drehte sich um. „Was ist?“

Lena lauschte. Da war etwas. Ein Geräusch. Ganz leise. Knack. Ein Ast.

Dann noch einer. Knack. Diesmal näher. Max blickte zurück. Zwischen den Bäumen war nichts zu erkennen. „Vielleicht ein Tier.“ „Nein.“

Lena wusste nicht, woher sie diese Gewissheit nahm. Aber sie war sich sicher. „Das ist kein Tier.“ Sie gingen schneller. Hinter ihnen erklang ein weiterer Schritt. Dann noch einer. Max drehte sich um. „Wir sind nicht allein.“ Lena spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog. „Lauf.“ Sie rannten.


Der Wald schien sich verändert zu haben. Der Weg war verschwunden.

Dort, wo vor wenigen Minuten noch ein schmaler Pfad zwischen den Bäumen verlaufen war, standen nun dicht an dicht gewachsene Stämme.

„Das kann nicht sein“, keuchte Max. „Wir sind hier entlanggekommen!“

„Ich weiß.“ Er zog sein Handy aus der Tasche.

Kein Empfang. Max öffnete die Karten-App. Der Standortpunkt begann sich zu bewegen. Er sprang hin und her.

Mal zeigte er ihre Position mehrere Kilometer entfernt. Dann erschien plötzlich ein Punkt mitten auf der Karte. Standort unbekannt.

„Das GPS funktioniert nicht.“ Lena blickte sich um. „Vielleicht will der Wald nicht, dass wir gehen.“ „Das ist jetzt nicht besonders hilfreich.“

Hinter ihnen knackte erneut ein Ast. Diesmal waren es mehrere Geräusche.

Gleichzeitig. Max steckte das Handy ein. „Wir müssen weiter.“ Sie rannten. Doch dann sah Lena etwas zwischen den Bäumen.

Eine Gestalt. Hochgewachsen. Dunkel. Regungslos. „Max.“ Er blieb stehen. Vor ihnen stand eine zweite Gestalt. Dann eine dritte. Und eine vierte. Schatten. Sie waren überall. Zwischen den Bäumen. Hinter den Stämmen. Am Rand des Weges. Dutzende dunkle Silhouetten standen lautlos im Wald. Lena blieb wie erstarrt stehen. „Was wollen sie?“

Max wusste keine Antwort. Eine der Gestalten bewegte sich.

Nur einen Schritt. Dann noch einen. Die anderen folgten. Langsam kamen sie näher.

Lena spürte plötzlich eine Wärme in ihrer Hand. Der Kristall.

Er begann zu leuchten. Die Schatten hielten inne.

Max sah auf den Anhänger. „Sie haben Angst davor.“

„Oder sie erkennen ihn.“ Lena hob den Kristall etwas höher.

Die Schatten wichen zurück. Einen Moment lang glaubte Lena, sie hätten gewonnen. Dann geschah etwas. Der Kristall glitt aus ihrer Hand.

Er fiel in das feuchte Laub. Das Licht erlosch. Sofort veränderten sich die Schatten. Sie bewegten sich schneller. Viel schneller. „Lena!“

Eine der Gestalten stürmte auf sie zu. Lena wich zurück. Max stellte sich zwischen sie. Doch der Schatten war bereits unmittelbar vor ihm.

Eine schwarze Hand schoss nach vorne. Lena schrie. „MAX!“

Sie sprang auf den Kristall zu. Ihre Finger berührten ihn. Ein gewaltiger Lichtstoß explodierte. Die Schatten wurden zurückgeschleudert.

Ein Schrei ging durch den Wald. Nicht menschlich. Nicht tierisch.

Etwas dazwischen. Lena wurde zu Boden gerissen. Als sie wieder aufblickte, war der Wald still. Die Schatten waren verschwunden.

Nur die Bäume standen dort. Reglos. „Max?“ Er lag wenige Meter entfernt auf dem Boden. „Ich lebe.“ Er setzte sich auf. „Das ist gut“, sagte Lena.

„Ich hatte eigentlich nicht vor, heute zu sterben.“ Trotz der Angst musste Lena kurz lachen. Dann verstummte sie. Eine Stimme hatte in ihrem Kopf gesprochen. Ganz deutlich.

Ihr hättet den ersten Schlüssel niemals nehmen dürfen.

Lena wurde blass. „Max.“ „Was?“ „Ich habe sie gehört.“ „Wen?“ Sie sah in den Wald. „Die Gestalt.“ Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.

„Sie war hier.“


Sie fanden schließlich den Weg zurück. Der Wald gab sie frei, als hätte er genug von ihnen. Nach wenigen Minuten erreichten sie den verlassenen Waldweg. Dort stand Max‘ Auto. Unversehrt. Lena blieb stehen. „Wie kann das sein?“ Max blickte auf die Uhr. „Was?“ „Wir waren doch viel länger unterwegs.“ Max sah auf seine Armbanduhr. Sein Gesicht veränderte sich. „Nein.“ „Was?“ „Wir waren nicht lange unterwegs.“ Er zeigte ihr die Uhr. Seit ihrer Abfahrt vom Ritualplatz waren gerade einmal neunundzwanzig Minuten vergangen. Lena sah ihn an. „Das ist unmöglich.“ Max antwortete nicht. Er öffnete das Auto. Beide stiegen ein.


Max startete den Motor. Das Auto sprang sofort an. Das Navigationssystem blieb schwarz. „Wenigstens das funktioniert nicht mehr“, sagte Max. „Vielleicht ist das besser.“ Er legte den Rückwärtsgang ein. Da bemerkte Lena etwas auf der Rückbank. „Max.“ „Was?“ „Da liegt etwas.“ Max drehte sich um. Auf dem Sitz lag ein altes Stück Papier.

Es war an den Rändern verbrannt. Lena nahm es vorsichtig hoch. „Das war vorher nicht da.“ Max sah sie an. „Ganz sicher?“ „Ja.“ Sie entfaltete das Papier. Es war eine Seite. Aus einem Buch. Aus dem Buch.

Lena erkannte die Schrift sofort. Ihr Herz begann zu rasen. Auf der Seite standen drei Namen.

LENA

MAX

ELIAS DORN

Darunter befand sich eine weitere Nachricht.

Caer – der Ort unter dem Berg.

Dort ruht der zweite Schlüssel.

Doch hütet euch vor dem Hüter ohne Gesicht.

Er kennt eure Namen.

Er kennt eure Vergangenheit.

Und er wartet bereits auf euch.

Max nahm Lena die Seite aus der Hand. „Elias Dorn.“ „Kennst du den Namen?“ „Nein.“ Max zog sein Handy hervor. Er öffnete eine Suchmaschine. „Warte.“ Die Verbindung war plötzlich wieder da. Er gab den Namen ein. Die Ergebnisse erschienen. Max wurde still. Lena sah ihn an. „Was ist?“ „Es gibt einen Elias Dorn.“ „Wer ist er?“ Max scrollte. „Archäologe. Spezialgebiet: vorchristliche Kulturen und keltische Ritualstätten.“ „Das klingt nach einem Zufall.“ „Vielleicht.“ Er öffnete einen alten Zeitungsartikel. Das Foto zeigte einen jungen Mann mit dunklem Haar und schmalem Gesicht. Darunter stand:

Archäologe Elias Dorn seit 20 Jahren vermisst.

Lena starrte auf das Bild. „Vermisst?“ Max nickte. „Er verschwand vor zwanzig Jahren während einer Forschungsreise.“ „Wo?“ Max las weiter. Dann wurde er blass. „Hier.“ Lena beugte sich zu ihm. „Wo?“ Max drehte das Handy zu ihr. „In der Nähe von Caer.“ Eine lange Stille folgte. Lena sah auf die alte Seite. Drei Namen. Ihr Name. Max‘ Name. Und der Name eines Mannes, der seit zwanzig Jahren verschwunden war. „Das kann kein Zufall sein.“ Max schüttelte den Kopf. „Nein.“ Lena drehte die Seite um. Auf der Rückseite befand sich eine weitere Inschrift. Sie war kaum lesbar. Doch langsam erschienen neue Buchstaben. Als würde unsichtbare Tinte aus dem Papier hervortreten.

Er hat den ersten Schlüssel gesucht.

Lena hielt den Atem an. Eine zweite Zeile erschien.

Er hat den zweiten Schlüssel gefunden.

Max sah sie an. „Das kann nicht sein.“ Die dritte Zeile erschien.

Doch er konnte Caer nicht verlassen.

Lena ließ die Seite beinahe fallen. „Was bedeutet das?“ Max antwortete nicht. Er sah auf den Wald. Dann auf die Karte. „Vielleicht lebt Elias Dorn noch.“


In diesem Moment erwachte das Navigationssystem. Beide zuckten zusammen. Der Bildschirm flackerte. Dann erschien eine Karte. Eine Route wurde automatisch berechnet. Max beugte sich vor. „Das habe ich nicht eingegeben.“ Lena blickte auf das Display. Die Route führte nicht zurück in die Stadt. Sie führte tiefer in die Wildnis. Zu einem Ort, der auf keiner aktuellen Karte verzeichnet war.

CAER

Max wollte das System ausschalten. Doch bevor er den Knopf drücken konnte, ertönte eine Stimme aus den Lautsprechern. Eine Frauenstimme.

Leise. Verzerrt. Lena erstarrte. Sie kannte diese Stimme. „Das…“

Max sah sie an. „Was?“ Lena flüsterte: „Das bin ich.“ Aus den Lautsprechern ertönte ihre eigene Stimme.

„Fahrt nicht nach Caer.“

Max wurde bleich. Die Stimme wiederholte sich. Diesmal lauter.

„Fahrt nicht nach Caer.“

Lena griff nach Max‘ Arm. „Schalt es aus.“ Max drückte den Ausschalter. Nichts geschah. Die Stimme flüsterte weiter. „Er wartet dort auf euch.“ Dann wurde es still. Das Display wechselte. Ein neuer Satz erschien.

ELIAS DORN WAR NICHT DER ERSTE.

Lena sah Max an. „Was soll das bedeuten?“ Max konnte nur den Kopf schütteln. Plötzlich erklang ein Krächzen. Draußen. Auf dem Dach des Autos saß der Rabe. Er blickte durch die Windschutzscheibe direkt zu Lena. Dann flog er davon. Ein zweiter Rabe erschien. Dann ein dritter. Bald war der Himmel über dem Wald voller schwarzer Vögel. Lena blickte ihnen nach. „Sie wollen, dass wir nach Caer gehen.“ Max sah auf den Kristallanhänger. Er pulsierte. Einmal. Zweimal. Dreimal. Dann viermal. Max nahm die alte Seite in die Hand. „Dann sollten wir herausfinden, was Elias Dorn dort gesucht hat.“ Lena sah ihn ernst an. „Und warum er auf uns gewartet hat.“ Max startete den Wagen. Vor ihnen lag die Straße. Hinter ihnen der Wald. Und irgendwo dort draußen, verborgen unter einem Berg, wartete ein Mann, der vor zwanzig Jahren auf der Suche nach den vier Schlüsseln verschwunden war.

Elias Dorn.

Doch keiner von beiden bemerkte die dunkle Gestalt, die hoch oben zwischen den Bäumen stand.

Sie beobachtete, wie das Auto davonfuhr.

Dann hob sie langsam den Kopf.

Unter der Kapuze war kein Gesicht.

Nur Dunkelheit.

Und eine Stimme flüsterte:

„Endlich.“

Die Gestalt wandte sich ab.

In ihrer Hand hielt sie etwas.

Einen zweiten Kristall.

Doch dieser war schwarz.

Kapitel 9 – Der Hüter ohne Gesicht

Die Ankunft bei Caer

Max fährt die letzte Strecke im Dunkeln. Das Navigationsgerät führt sie immer tiefer in eine einsame Berglandschaft. Der Rabe ist verschwunden.

Kein Vogel. Kein Wind. Kein Geräusch. Dann endet die Straße plötzlich vor einem gewaltigen Berg. In der Felswand entdecken sie einen Eingang, den es auf keiner Karte gibt. Über dem Eingang stehen Runen. Max übersetzt sie:

Wer Caer betritt, lässt die Welt hinter sich.

Lena spürt sofort, dass etwas nicht stimmt. Der Kristall in ihrer Hand wird eiskalt. Dann hören beide ein Flüstern. Nicht aus dem Berg. Sondern direkt hinter ihnen. „Ihr seid gekommen.“ Als sie sich umdrehen, ist niemand da.


Die Tür, die sich hinter ihnen schließt

Sie betreten den Tunnel. Je tiefer sie gehen, desto kälter wird es. Ihre Taschenlampen flackern. Dann hören sie hinter sich ein gewaltiges Geräusch.

Die Felswand hat sich geschlossen.

Max rennt zurück. Er schlägt gegen den Stein. Nichts. „Wir sitzen fest!“ Lena beginnt zu zittern. Nicht nur vor Angst. Sie spürt etwas in ihrem Inneren. Eine Erinnerung. Etwas, das sie vergessen hat. Dann hört sie ihre eigene Stimme. Aus der Dunkelheit.

„Lena…“

Sie dreht sich um. Am Ende des Tunnels steht ein kleines Mädchen. Ein Mädchen mit langen, hellen Haaren. Lena erkennt sie sofort.

Es ist sie selbst.

Als Kind.


Der Hüter erscheint

Max sieht gleichzeitig etwas anderes. Am Ende seines Tunnels steht ein Mann. Elias Dorn. Doch Max weiß, dass er nicht wirklich dort ist. Denn der Mann ist durchsichtig. Wie eine Erinnerung. Dann verschwindet Elias. Und an seiner Stelle steht die dunkle Gestalt. Der Hüter ohne Gesicht. Zum ersten Mal tritt er vollständig aus der Dunkelheit. Sein Körper ist menschlich. Seine Kleidung alt. Doch dort, wo ein Gesicht sein müsste, ist nur glatte, schwarze Haut. Keine Augen. Kein Mund. Keine Nase. Nur eine vollkommen leere Fläche. Lena kann kaum atmen. Der Hüter sagt:

„Ihr habt mich gerufen.“

Max antwortet:

„Wir haben dich nicht gerufen.“

Der Kopf des Hüters dreht sich langsam zu ihm.

„Doch.“

Pause.

„Jede Entscheidung, die ihr getroffen habt, hat euch zu mir geführt.“

Dann sagt er etwas, das Lena das Blut gefrieren lässt:

„Und ihr habt beide vergessen, warum.“


Die Prüfung

Der Hüter erklärt:

„Der erste Schlüssel prüft euren Mut. Der zweite prüft eure Wahrheit. Doch Caer prüft etwas anderes.“

Lena fragt: „Was?“ Der Hüter antwortet: „Ob ihr euch selbst erkennt.“

Vor ihnen erscheinen zwei Türen. Auf der ersten steht:

ERINNERUNG

Auf der zweiten:

WAHRHEIT

Der Hüter sagt:

„Einer von euch muss sich erinnern. Einer von euch muss die Wahrheit sehen. Doch keiner von euch darf wissen, was der andere erlebt.“

Dann verschwindet der Hüter. Und die Türen öffnen sich.


Lenas Prüfung – die vergessene Vergangenheit

Lena betritt die Tür. Sie findet sich in einem Wald wieder. Doch es ist nicht der Wald von heute. Sie ist ein Kind. Vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Vor ihr steht die alte Eiche. Neben ihr eine Frau. Die Frau trägt den silbernen Kristall. Lena kennt sie. Aber sie weiß nicht woher. Die Frau kniet sich zu ihr. „Du musst dich später erinnern.“

Das kleine Mädchen fragt: „Wann?“

Die Frau antwortet: „Wenn der Rabe zurückkehrt.“

Lena beginnt zu weinen. Sie versteht plötzlich:

Sie war schon einmal dort.

Sie war als Kind am Ritualplatz. Und jemand hat ihre Erinnerung daran ausgelöscht. Doch dann entdeckt Lena etwas noch Schlimmeres. Im Hintergrund steht ein junger Mann.

Elias Dorn.

Er beobachtet das Kind. Und er trägt den zweiten Schlüssel.


Max‘ Prüfung – die Wahrheit über Elias

Max betritt seine Tür. Er findet sich in einem unterirdischen Raum wieder. Vor ihm steht Elias Dorn. Doch diesmal ist er nicht jung. Er sieht aus wie heute. Max beobachtet ihn. Elias hält den zweiten Schlüssel. Vor ihm steht der Hüter ohne Gesicht. Elias sagt:

„Sie werden kommen.“

Der Hüter antwortet:

„Du hast sie hierhergeführt.“

Max erstarrt.

Elias:

„Ich hatte keine Wahl.“

Der Hüter:

„Du hattest immer eine Wahl.“

Dann dreht sich Elias plötzlich um. Er blickt direkt zu Max. Obwohl Max unsichtbar ist. Und sagt:

„Wenn du das siehst, Max, bist du bereits zu spät.“

Max bekommt keine Luft. Elias spricht weiter:

„Vertraue Lena.“

Pause.

„Aber vertraue mir nicht.“

Dann zerbricht die Vision.


Die Wiedervereinigung

Lena und Max finden sich wieder. Beide sind völlig verändert. Lena weint. Max zittert. Sie erzählen sich, was sie gesehen haben. Dann erkennen sie:

Ihre Visionen widersprechen sich. Lena sah Elias vor zwanzig Jahren. Max sah Elias heute. Das bedeutet:

Elias ist nicht gealtert.

Oder:

Elias ist seit zwanzig Jahren nicht mehr wirklich ein Mensch.


Der große Auftritt des Hüters

Der Hüter erscheint wieder. Diesmal steht er direkt hinter ihnen. Lena spürt seine Anwesenheit, bevor sie ihn sieht.

Er sagt:

„Jetzt wisst ihr genug.“

Max dreht sich um.

„Wer bist du?“

Der Hüter antwortet:

„Ich bin derjenige, der Elias Dorn aufgehalten hat.“

Lena flüstert:

„Du hast ihn gefangen.“

Der Hüter neigt den Kopf.

„Nein.“

Dann zeigt er auf eine Tür. Sie öffnet sich. Dahinter steht Elias Dorn. Lebendig. Unverändert. Mit dem zweiten Schlüssel in der Hand. Elias blickt Lena direkt an.

Und sagt:

„Ich habe zwanzig Jahre auf euch gewartet.“

Lena kann kaum stehen.

„Warum?“

Elias antwortet:

„Weil ich euch vor zwanzig Jahren schon einmal gesehen habe.“

Max tritt vor.

„Das ist unmöglich.“

Elias sieht ihn an.

„Nein, Max.“

Dann blickt er zu Lena.

„Du warst damals noch ein Kind.“

Lena beginnt am ganzen Körper zu zittern. Eine Erinnerung bricht über sie herein. Ein Mann. Eine Frau. Die silberne Eiche. Der Steinkreis. Und Elias. Doch dann erinnert sie sich an etwas, das sie bisher verdrängt hat.

Elias war nicht allein.

Neben ihm stand eine zweite Person. Eine Person ohne Gesicht.

Lena flüstert:

„Du…“

Der Hüter dreht sich langsam zu ihr.

„Jetzt erinnerst du dich.“

Elias schließt die Augen.

„Nein.“

Zum ersten Mal klingt seine Stimme nicht ruhig. Sondern voller Angst.

„Sie darf sich nicht erinnern.“

Der Hüter wendet sich Lena zu. Und dort, wo sein Gesicht sein sollte, beginnt sich etwas zu bewegen. Zum ersten Mal erscheint ein Mund. Ein schwarzer Spalt.

Und der Hüter flüstert:

„Dann beginnt die eigentliche Prüfung.“