Kapitel 8 – Der Name auf der Seite

Der Wind war kälter geworden.

Lena stand noch immer neben der geöffneten Steinplatte und hielt den silbern schimmernden Kristallanhänger in ihrer Hand. Das Licht der zwölf Monolithen war erloschen. Nur die letzten Reste eines silbernen Leuchtens lagen wie Nebel über dem Steinkreis.

Max blickte in die Richtung, in der die geheimnisvolle Gestalt verschwunden war.

„Wir sollten gehen.“ Lena antwortete nicht. „Lena.“ Sie sah ihn an.

In seinem Gesicht lag etwas, das sie bisher noch nicht gesehen hatte.

Angst. Nicht die Angst vor einem unbekannten Geräusch oder einer unheimlichen Erscheinung.

Es war die Angst eines Menschen, der begriffen hatte, dass etwas existierte, das er nicht verstehen konnte.

Lena schloss ihre Hand um den Kristall. „Ja“, sagte sie leise. „Wir sollten gehen.“ Sie wandten sich ab.

Der Rabe saß noch immer auf dem höchsten Monolithen. Sein schwarzes Gefieder hob sich deutlich gegen den dunkler werdenden Himmel ab.

Er beobachtete sie. Als Lena den ersten Schritt machte, erhob er sich.

Mit kräftigen Flügelschlägen flog er über die Lichtung hinweg und verschwand zwischen den Bäumen. „Er zeigt uns den Weg zurück“, sagte Lena. Max sah ihm nach. „Hoffentlich.“


Sie gingen den schmalen Pfad entlang. Zuerst war alles still. Zu still.

Lena hörte nur ihre eigenen Schritte und Max‘ Atem. Nach einigen Minuten blieb sie stehen. „Warte.“ Max drehte sich um. „Was ist?“

Lena lauschte. Da war etwas. Ein Geräusch. Ganz leise. Knack. Ein Ast.

Dann noch einer. Knack. Diesmal näher. Max blickte zurück. Zwischen den Bäumen war nichts zu erkennen. „Vielleicht ein Tier.“ „Nein.“

Lena wusste nicht, woher sie diese Gewissheit nahm. Aber sie war sich sicher. „Das ist kein Tier.“ Sie gingen schneller. Hinter ihnen erklang ein weiterer Schritt. Dann noch einer. Max drehte sich um. „Wir sind nicht allein.“ Lena spürte, wie sich ihr Herz zusammenzog. „Lauf.“ Sie rannten.


Der Wald schien sich verändert zu haben. Der Weg war verschwunden.

Dort, wo vor wenigen Minuten noch ein schmaler Pfad zwischen den Bäumen verlaufen war, standen nun dicht an dicht gewachsene Stämme.

„Das kann nicht sein“, keuchte Max. „Wir sind hier entlanggekommen!“

„Ich weiß.“ Er zog sein Handy aus der Tasche.

Kein Empfang. Max öffnete die Karten-App. Der Standortpunkt begann sich zu bewegen. Er sprang hin und her.

Mal zeigte er ihre Position mehrere Kilometer entfernt. Dann erschien plötzlich ein Punkt mitten auf der Karte. Standort unbekannt.

„Das GPS funktioniert nicht.“ Lena blickte sich um. „Vielleicht will der Wald nicht, dass wir gehen.“ „Das ist jetzt nicht besonders hilfreich.“

Hinter ihnen knackte erneut ein Ast. Diesmal waren es mehrere Geräusche.

Gleichzeitig. Max steckte das Handy ein. „Wir müssen weiter.“ Sie rannten. Doch dann sah Lena etwas zwischen den Bäumen.

Eine Gestalt. Hochgewachsen. Dunkel. Regungslos. „Max.“ Er blieb stehen. Vor ihnen stand eine zweite Gestalt. Dann eine dritte. Und eine vierte. Schatten. Sie waren überall. Zwischen den Bäumen. Hinter den Stämmen. Am Rand des Weges. Dutzende dunkle Silhouetten standen lautlos im Wald. Lena blieb wie erstarrt stehen. „Was wollen sie?“

Max wusste keine Antwort. Eine der Gestalten bewegte sich.

Nur einen Schritt. Dann noch einen. Die anderen folgten. Langsam kamen sie näher.

Lena spürte plötzlich eine Wärme in ihrer Hand. Der Kristall.

Er begann zu leuchten. Die Schatten hielten inne.

Max sah auf den Anhänger. „Sie haben Angst davor.“

„Oder sie erkennen ihn.“ Lena hob den Kristall etwas höher.

Die Schatten wichen zurück. Einen Moment lang glaubte Lena, sie hätten gewonnen. Dann geschah etwas. Der Kristall glitt aus ihrer Hand.

Er fiel in das feuchte Laub. Das Licht erlosch. Sofort veränderten sich die Schatten. Sie bewegten sich schneller. Viel schneller. „Lena!“

Eine der Gestalten stürmte auf sie zu. Lena wich zurück. Max stellte sich zwischen sie. Doch der Schatten war bereits unmittelbar vor ihm.

Eine schwarze Hand schoss nach vorne. Lena schrie. „MAX!“

Sie sprang auf den Kristall zu. Ihre Finger berührten ihn. Ein gewaltiger Lichtstoß explodierte. Die Schatten wurden zurückgeschleudert.

Ein Schrei ging durch den Wald. Nicht menschlich. Nicht tierisch.

Etwas dazwischen. Lena wurde zu Boden gerissen. Als sie wieder aufblickte, war der Wald still. Die Schatten waren verschwunden.

Nur die Bäume standen dort. Reglos. „Max?“ Er lag wenige Meter entfernt auf dem Boden. „Ich lebe.“ Er setzte sich auf. „Das ist gut“, sagte Lena.

„Ich hatte eigentlich nicht vor, heute zu sterben.“ Trotz der Angst musste Lena kurz lachen. Dann verstummte sie. Eine Stimme hatte in ihrem Kopf gesprochen. Ganz deutlich.

Ihr hättet den ersten Schlüssel niemals nehmen dürfen.

Lena wurde blass. „Max.“ „Was?“ „Ich habe sie gehört.“ „Wen?“ Sie sah in den Wald. „Die Gestalt.“ Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.

„Sie war hier.“


Sie fanden schließlich den Weg zurück. Der Wald gab sie frei, als hätte er genug von ihnen. Nach wenigen Minuten erreichten sie den verlassenen Waldweg. Dort stand Max‘ Auto. Unversehrt. Lena blieb stehen. „Wie kann das sein?“ Max blickte auf die Uhr. „Was?“ „Wir waren doch viel länger unterwegs.“ Max sah auf seine Armbanduhr. Sein Gesicht veränderte sich. „Nein.“ „Was?“ „Wir waren nicht lange unterwegs.“ Er zeigte ihr die Uhr. Seit ihrer Abfahrt vom Ritualplatz waren gerade einmal neunundzwanzig Minuten vergangen. Lena sah ihn an. „Das ist unmöglich.“ Max antwortete nicht. Er öffnete das Auto. Beide stiegen ein.


Max startete den Motor. Das Auto sprang sofort an. Das Navigationssystem blieb schwarz. „Wenigstens das funktioniert nicht mehr“, sagte Max. „Vielleicht ist das besser.“ Er legte den Rückwärtsgang ein. Da bemerkte Lena etwas auf der Rückbank. „Max.“ „Was?“ „Da liegt etwas.“ Max drehte sich um. Auf dem Sitz lag ein altes Stück Papier.

Es war an den Rändern verbrannt. Lena nahm es vorsichtig hoch. „Das war vorher nicht da.“ Max sah sie an. „Ganz sicher?“ „Ja.“ Sie entfaltete das Papier. Es war eine Seite. Aus einem Buch. Aus dem Buch.

Lena erkannte die Schrift sofort. Ihr Herz begann zu rasen. Auf der Seite standen drei Namen.

LENA

MAX

ELIAS DORN

Darunter befand sich eine weitere Nachricht.

Caer – der Ort unter dem Berg.

Dort ruht der zweite Schlüssel.

Doch hütet euch vor dem Hüter ohne Gesicht.

Er kennt eure Namen.

Er kennt eure Vergangenheit.

Und er wartet bereits auf euch.

Max nahm Lena die Seite aus der Hand. „Elias Dorn.“ „Kennst du den Namen?“ „Nein.“ Max zog sein Handy hervor. Er öffnete eine Suchmaschine. „Warte.“ Die Verbindung war plötzlich wieder da. Er gab den Namen ein. Die Ergebnisse erschienen. Max wurde still. Lena sah ihn an. „Was ist?“ „Es gibt einen Elias Dorn.“ „Wer ist er?“ Max scrollte. „Archäologe. Spezialgebiet: vorchristliche Kulturen und keltische Ritualstätten.“ „Das klingt nach einem Zufall.“ „Vielleicht.“ Er öffnete einen alten Zeitungsartikel. Das Foto zeigte einen jungen Mann mit dunklem Haar und schmalem Gesicht. Darunter stand:

Archäologe Elias Dorn seit 20 Jahren vermisst.

Lena starrte auf das Bild. „Vermisst?“ Max nickte. „Er verschwand vor zwanzig Jahren während einer Forschungsreise.“ „Wo?“ Max las weiter. Dann wurde er blass. „Hier.“ Lena beugte sich zu ihm. „Wo?“ Max drehte das Handy zu ihr. „In der Nähe von Caer.“ Eine lange Stille folgte. Lena sah auf die alte Seite. Drei Namen. Ihr Name. Max‘ Name. Und der Name eines Mannes, der seit zwanzig Jahren verschwunden war. „Das kann kein Zufall sein.“ Max schüttelte den Kopf. „Nein.“ Lena drehte die Seite um. Auf der Rückseite befand sich eine weitere Inschrift. Sie war kaum lesbar. Doch langsam erschienen neue Buchstaben. Als würde unsichtbare Tinte aus dem Papier hervortreten.

Er hat den ersten Schlüssel gesucht.

Lena hielt den Atem an. Eine zweite Zeile erschien.

Er hat den zweiten Schlüssel gefunden.

Max sah sie an. „Das kann nicht sein.“ Die dritte Zeile erschien.

Doch er konnte Caer nicht verlassen.

Lena ließ die Seite beinahe fallen. „Was bedeutet das?“ Max antwortete nicht. Er sah auf den Wald. Dann auf die Karte. „Vielleicht lebt Elias Dorn noch.“


In diesem Moment erwachte das Navigationssystem. Beide zuckten zusammen. Der Bildschirm flackerte. Dann erschien eine Karte. Eine Route wurde automatisch berechnet. Max beugte sich vor. „Das habe ich nicht eingegeben.“ Lena blickte auf das Display. Die Route führte nicht zurück in die Stadt. Sie führte tiefer in die Wildnis. Zu einem Ort, der auf keiner aktuellen Karte verzeichnet war.

CAER

Max wollte das System ausschalten. Doch bevor er den Knopf drücken konnte, ertönte eine Stimme aus den Lautsprechern. Eine Frauenstimme.

Leise. Verzerrt. Lena erstarrte. Sie kannte diese Stimme. „Das…“

Max sah sie an. „Was?“ Lena flüsterte: „Das bin ich.“ Aus den Lautsprechern ertönte ihre eigene Stimme.

„Fahrt nicht nach Caer.“

Max wurde bleich. Die Stimme wiederholte sich. Diesmal lauter.

„Fahrt nicht nach Caer.“

Lena griff nach Max‘ Arm. „Schalt es aus.“ Max drückte den Ausschalter. Nichts geschah. Die Stimme flüsterte weiter. „Er wartet dort auf euch.“ Dann wurde es still. Das Display wechselte. Ein neuer Satz erschien.

ELIAS DORN WAR NICHT DER ERSTE.

Lena sah Max an. „Was soll das bedeuten?“ Max konnte nur den Kopf schütteln. Plötzlich erklang ein Krächzen. Draußen. Auf dem Dach des Autos saß der Rabe. Er blickte durch die Windschutzscheibe direkt zu Lena. Dann flog er davon. Ein zweiter Rabe erschien. Dann ein dritter. Bald war der Himmel über dem Wald voller schwarzer Vögel. Lena blickte ihnen nach. „Sie wollen, dass wir nach Caer gehen.“ Max sah auf den Kristallanhänger. Er pulsierte. Einmal. Zweimal. Dreimal. Dann viermal. Max nahm die alte Seite in die Hand. „Dann sollten wir herausfinden, was Elias Dorn dort gesucht hat.“ Lena sah ihn ernst an. „Und warum er auf uns gewartet hat.“ Max startete den Wagen. Vor ihnen lag die Straße. Hinter ihnen der Wald. Und irgendwo dort draußen, verborgen unter einem Berg, wartete ein Mann, der vor zwanzig Jahren auf der Suche nach den vier Schlüsseln verschwunden war.

Elias Dorn.

Doch keiner von beiden bemerkte die dunkle Gestalt, die hoch oben zwischen den Bäumen stand.

Sie beobachtete, wie das Auto davonfuhr.

Dann hob sie langsam den Kopf.

Unter der Kapuze war kein Gesicht.

Nur Dunkelheit.

Und eine Stimme flüsterte:

„Endlich.“

Die Gestalt wandte sich ab.

In ihrer Hand hielt sie etwas.

Einen zweiten Kristall.

Doch dieser war schwarz.

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