Kapitel 3 – Das Buch ohne Namen

Lena hatte die halbe Nacht kaum geschlafen.

Immer wieder betrachtete sie das Foto der alten Eiche auf ihrem Handy. Sie wusste genau, dass das eingeritzte Symbol dort gewesen war. Doch auf dem Bild zeigte sich nichts außer der rauen Rinde.

Am nächsten Morgen fasste sie einen Entschluss.

Wenn das Zeichen alt war, musste es irgendwo beschrieben sein.

Und wenn es einen Ort gab, an dem jahrhundertealtes Wissen gesammelt wurde, dann war es die Stadtbibliothek.


Das moderne Gebäude wirkte freundlich und hell, doch Lena steuerte zielstrebig in den ältesten Teil des Hauses. Dort roch es nach Leder, Holz und vergilbtem Papier. Hohe Regale reichten bis unter die Decke, und auf den massiven Eichentischen standen grün schimmernde Leselampen.

Sie sprach eine ältere Bibliothekarin an.

„Entschuldigung. Ich suche Bücher über alte Symbole. Vielleicht über Runen, vergessene Zeichen oder Legenden.“

Die Frau lächelte freundlich.

„Das kommt darauf an, wie alt die Zeichen sind.“

„Ich weiß es nicht.“

Die Bibliothekarin musterte sie einen Moment, als überlege sie, ob Lena es ernst meinte.

„Im Untergeschoss gibt es ein Archiv. Dort stehen einige sehr alte Sammlungen. Allerdings werden sie kaum noch ausgeliehen.“

„Darf ich sie ansehen?“

„Natürlich. Melden Sie sich einfach dort unten.“


Zur gleichen Zeit saß Max in seiner Wohnung vor drei Bildschirmen.

Das Symbol ließ ihm keine Ruhe.

Er hatte es aus dem Gedächtnis dutzendfach nachgezeichnet und in jede Suchmaschine eingegeben, die er kannte.

Nichts.

Er durchsuchte Datenbanken für historische Zeichen.

Nichts.

Runenlexika.

Nichts.

Universitätsarchive.

Nichts.

Selbst spezialisierte Foren, in denen sich Historiker und Archäologen über seltene Funde austauschten, lieferten kein Ergebnis.

Es war, als hätte dieses Symbol niemals existiert.

„Das ergibt keinen Sinn“, murmelte er.

Frustriert lehnte er sich zurück.

Wenn das Internet keine Antwort kannte, blieb nur eine Möglichkeit.

Alte Bücher.

Widerwillig griff er nach seiner Jacke.

„Na gut“, sagte er zu sich selbst. „Dann eben auf die altmodische Art.“


Das Untergeschoss der Bibliothek war überraschend kühl.

Die dicken Steinmauern dämpften jedes Geräusch. Nur das leise Ticken einer antiken Standuhr war zu hören.

Lena stöberte bereits seit einer Stunde in Büchern über Mythologie, mittelalterliche Zeichen und vergessene Orden.

Nichts passte.

Gerade wollte sie aufgeben, als ihr Blick auf ein schmales Regal fiel, das etwas abseits in einer dunklen Nische stand.

Es wirkte älter als alle anderen.

Fast unscheinbar.

Zwischen den staubigen Bänden lag ein einzelnes Buch, das weder Titel noch Autor trug.

Der Einband bestand aus dunkelgrauem Leder und fühlte sich überraschend warm an.

Als Lena das Buch berührte, schien für den Bruchteil einer Sekunde ein kaum hörbares Flüstern durch den Raum zu ziehen.

Sie zog erschrocken die Hand zurück.

Dann öffnete sie vorsichtig den Einband.

Die erste Seite war leer.

Auch die zweite.

Erst auf der dritten erschien langsam eine Zeichnung, als würde Tinte direkt vor ihren Augen in das Papier fließen.

Ein Kreis.

In seiner Mitte eine Eiche.

Genau das Symbol.

Lena hielt unwillkürlich den Atem an.

Unter dem Zeichen erschienen weitere Zeilen. Nicht gedruckt, sondern in einer geschwungenen Handschrift.

Nur jene, die gerufen wurden, vermögen das Zeichen zu sehen.

Sie blätterte hastig weiter.

Das Buch beschrieb uralte Wächter, verborgene Pfade und Orte, die zwischen zwei Welten existierten. Manche Seiten waren jedoch vollkommen leer, als warteten sie darauf, erst noch beschrieben zu werden.

„Unmöglich…“, flüsterte sie.


In diesem Moment betrat Max das Archiv.

Er meldete sich beim Archivar, einem schmalen Mann mit silbergrauem Haar.

„Ich suche historische Werke über unbekannte Symbole.“

Der Mann lächelte kaum merklich.

„Das tun heute erstaunlich viele.“

„Wie bitte?“

„Vor wenigen Minuten stellte eine junge Dame dieselbe Frage.“

Max runzelte die Stirn.

„Ist sie noch hier?“

Der Archivar nickte in Richtung der hinteren Regalreihen.

„Ganz hinten. Aber wundern Sie sich nicht. Manche Bücher finden ihre Leser selbst.“

Max wollte nachfragen, doch der Archivar hatte sich bereits wieder seiner Arbeit zugewandt.


Zwischen den hohen Regalen entdeckte Max schließlich eine junge Frau mit langen, hellen Haaren.

Sie saß allein an einem schweren Holztisch.

Vor ihr lag ein altes Buch.

Sein Herz setzte einen Schlag aus.

Auf der geöffneten Seite war das Symbol der silbernen Eiche zu erkennen.

Genau dasselbe Zeichen, das auf seinem Monitor erschienen war.

„Entschuldigen Sie …“, sagte Max vorsichtig.

Lena blickte auf.

Für einen kurzen Moment schien die Zeit stillzustehen.

Sie erkannte ihn nicht. Er erkannte sie nicht. Doch beide hatten denselben Gedanken. Woher kennt diese fremde Person dieses Zeichen?

Lena legte instinktiv eine Hand auf das Buch. „Suchen Sie auch danach?“

Max nickte langsam. „Ich glaube … ja.“

Noch bevor einer von beiden etwas hinzufügen konnte, schlugen die Seiten des Buches wie von selbst um.

Ein kalter Luftzug strich durch das Archiv.

Die Lampen flackerten.

Mitten auf der neu aufgeschlagenen Seite erschien ein Satz, der wenige Augenblicke zuvor noch nicht dort gestanden hatte.

Die Suchenden haben sich gefunden. Nun beginnt der Weg.

Lena und Max sahen sich schweigend an. Niemand hatte die Seite berührt.

Und tief im Inneren der Bibliothek, verborgen hinter meterdicken Mauern, war ein leises, kaum hörbares Knarren zu vernehmen – als hätte sich irgendwo eine uralte Tür geöffnet.