Kapitel 2 – Das Zeichen der Eiche

Der Morgen begann wie jeder andere.

Zumindest versuchte Lena, sich das einzureden.

Der Duft von frischem Kaffee erfüllte ihre kleine Wohnung, während im Radio die Nachrichten liefen. Staus auf der Autobahn, steigende Temperaturen, ein angekündigtes Stadtfest – alles klang so gewöhnlich, so beruhigend normal.

Und doch musste sie immer wieder an den Traum denken.

03:33 Uhr.

Der Wald.

Die Stimme.

Sie nahm ihre Tasse und setzte sich ans Fenster. Als sie den ersten Schluck trinken wollte, fiel ihr etwas auf.

Auf der Fensterscheibe hatte sich über Nacht ein feiner Abdruck gebildet, als wäre jemand mit dem Finger über das beschlagene Glas gefahren.

Es war kein Wort.

Kein Symbol, das sie kannte.

Es sah aus wie die Umrisse einer Eiche.

Sie blinzelte.

Langsam verblasste das Zeichen, bis nichts mehr davon übrig blieb.

„Jetzt werde ich wirklich verrückt“, flüsterte sie.


Zur gleichen Zeit betrat Max das Büro seiner Firma.

„Du siehst aus, als hättest du die ganze Nacht gearbeitet“, sagte seine Kollegin Sarah grinsend.

„Fast.“

„Schon wieder ein Hackerangriff?“

Max schüttelte den Kopf.

„Das wäre mir lieber.“

Er erzählte ihr nichts von dem Symbol oder der rätselhaften Nachricht. Sie würde ihn auslachen – und ehrlich gesagt hätte er sich selbst ausgelacht.

Während er seinen Rechner einschaltete, öffnete er aus Gewohnheit die Überwachungssysteme des Unternehmens.

Alles war normal.

Bis auf einen einzigen Datenstrom.

Er kam von einer Adresse, die es gar nicht geben konnte.

Keine IP.

Kein Server.

Keine Verbindung.

Und dennoch erschienen Daten.

Immer dieselbe Zeichenfolge.

ᛖ

Ein einzelnes Runenzeichen.

Immer wieder. Sekunde für Sekunde. Max machte einen Screenshot.

Als er die Datei öffnen wollte, war sie verschwunden. Nicht gelöscht.

Nie erstellt. Er lehnte sich zurück.

Zum ersten Mal seit Jahren hatte er das Gefühl, dass die Technik ihm keine Antworten geben konnte.


Am Nachmittag beschloss Lena, spazieren zu gehen.

Sie hoffte, den Kopf freizubekommen.

Sie ließ die Innenstadt hinter sich und gelangte in einen alten Stadtpark, den sie seit ihrer Kindheit kannte.

Die Bäume rauschten leise im Wind. Ein paar Kinder spielten auf der Wiese.

Ein älterer Mann fütterte Enten am kleinen Weiher. Alles wirkte friedlich.

Bis sie an einer uralten Eiche vorbeikam. Der Baum musste mehrere hundert Jahre alt sein. Sein Stamm war so breit, dass ihn vier Menschen kaum hätten umfassen können.

Als Lena die raue Rinde berührte, schoss plötzlich eine eisige Kälte durch ihren Körper.

Vor ihren Augen veränderte sich die Welt.

Der Himmel wurde dunkel. Die spielenden Kinder verschwanden.

Der Weiher trocknete aus. Die Eiche war nicht mehr grün.

Ihre Äste waren schwarz wie verbrannt. Zwischen den Wurzeln stand eine Gestalt.

Hochgewachsen.

In einen langen Mantel gehüllt.

Das Gesicht lag vollständig im Schatten.

Die Gestalt hob langsam den Kopf.

„Du bist endlich hier.“

Die Stimme war dieselbe wie in ihrem Traum.

Lena wollte antworten.

Doch kein Laut kam über ihre Lippen.

Die Gestalt streckte eine Hand nach ihr aus.

„Die Zeit wird knapp.“

Ein heftiger Windstoß fegte durch den Park.

Lena stolperte zurück.

Mit einem Mal war alles wieder normal.

Kinder lachten.

Vögel zwitscherten.

Der Weiher glitzerte im Sonnenlicht.

Die schwarze Gestalt war verschwunden.

Nur auf der Rinde der alten Eiche befand sich nun ein eingeritztes Symbol.

Ein Kreis.

Darin eine silberne Eiche.

Genau dasselbe Zeichen, das Max in der Nacht auf seinem Monitor gesehen hatte.

Lena machte ein Foto.

Als sie es kontrollierte, war auf dem Bild nichts zu erkennen.

Nur gewöhnliche Baumrinde.

Sie steckte das Handy langsam wieder ein.

Irgendetwas spielte mit ihr.

Oder jemand.

Und zum ersten Mal fragte sie sich nicht mehr, ob all das wirklich geschah.

Sondern warum ausgerechnet sie.