Kapitel 9 – Der Hüter ohne Gesicht

Die Ankunft bei Caer

Max fährt die letzte Strecke im Dunkeln. Das Navigationsgerät führt sie immer tiefer in eine einsame Berglandschaft. Der Rabe ist verschwunden.

Kein Vogel. Kein Wind. Kein Geräusch. Dann endet die Straße plötzlich vor einem gewaltigen Berg. In der Felswand entdecken sie einen Eingang, den es auf keiner Karte gibt. Über dem Eingang stehen Runen. Max übersetzt sie:

Wer Caer betritt, lässt die Welt hinter sich.

Lena spürt sofort, dass etwas nicht stimmt. Der Kristall in ihrer Hand wird eiskalt. Dann hören beide ein Flüstern. Nicht aus dem Berg. Sondern direkt hinter ihnen. „Ihr seid gekommen.“ Als sie sich umdrehen, ist niemand da.


Die Tür, die sich hinter ihnen schließt

Sie betreten den Tunnel. Je tiefer sie gehen, desto kälter wird es. Ihre Taschenlampen flackern. Dann hören sie hinter sich ein gewaltiges Geräusch.

Die Felswand hat sich geschlossen.

Max rennt zurück. Er schlägt gegen den Stein. Nichts. „Wir sitzen fest!“ Lena beginnt zu zittern. Nicht nur vor Angst. Sie spürt etwas in ihrem Inneren. Eine Erinnerung. Etwas, das sie vergessen hat. Dann hört sie ihre eigene Stimme. Aus der Dunkelheit.

„Lena…“

Sie dreht sich um. Am Ende des Tunnels steht ein kleines Mädchen. Ein Mädchen mit langen, hellen Haaren. Lena erkennt sie sofort.

Es ist sie selbst.

Als Kind.


Der Hüter erscheint

Max sieht gleichzeitig etwas anderes. Am Ende seines Tunnels steht ein Mann. Elias Dorn. Doch Max weiß, dass er nicht wirklich dort ist. Denn der Mann ist durchsichtig. Wie eine Erinnerung. Dann verschwindet Elias. Und an seiner Stelle steht die dunkle Gestalt. Der Hüter ohne Gesicht. Zum ersten Mal tritt er vollständig aus der Dunkelheit. Sein Körper ist menschlich. Seine Kleidung alt. Doch dort, wo ein Gesicht sein müsste, ist nur glatte, schwarze Haut. Keine Augen. Kein Mund. Keine Nase. Nur eine vollkommen leere Fläche. Lena kann kaum atmen. Der Hüter sagt:

„Ihr habt mich gerufen.“

Max antwortet:

„Wir haben dich nicht gerufen.“

Der Kopf des Hüters dreht sich langsam zu ihm.

„Doch.“

Pause.

„Jede Entscheidung, die ihr getroffen habt, hat euch zu mir geführt.“

Dann sagt er etwas, das Lena das Blut gefrieren lässt:

„Und ihr habt beide vergessen, warum.“


Die Prüfung

Der Hüter erklärt:

„Der erste Schlüssel prüft euren Mut. Der zweite prüft eure Wahrheit. Doch Caer prüft etwas anderes.“

Lena fragt: „Was?“ Der Hüter antwortet: „Ob ihr euch selbst erkennt.“

Vor ihnen erscheinen zwei Türen. Auf der ersten steht:

ERINNERUNG

Auf der zweiten:

WAHRHEIT

Der Hüter sagt:

„Einer von euch muss sich erinnern. Einer von euch muss die Wahrheit sehen. Doch keiner von euch darf wissen, was der andere erlebt.“

Dann verschwindet der Hüter. Und die Türen öffnen sich.


Lenas Prüfung – die vergessene Vergangenheit

Lena betritt die Tür. Sie findet sich in einem Wald wieder. Doch es ist nicht der Wald von heute. Sie ist ein Kind. Vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Vor ihr steht die alte Eiche. Neben ihr eine Frau. Die Frau trägt den silbernen Kristall. Lena kennt sie. Aber sie weiß nicht woher. Die Frau kniet sich zu ihr. „Du musst dich später erinnern.“

Das kleine Mädchen fragt: „Wann?“

Die Frau antwortet: „Wenn der Rabe zurückkehrt.“

Lena beginnt zu weinen. Sie versteht plötzlich:

Sie war schon einmal dort.

Sie war als Kind am Ritualplatz. Und jemand hat ihre Erinnerung daran ausgelöscht. Doch dann entdeckt Lena etwas noch Schlimmeres. Im Hintergrund steht ein junger Mann.

Elias Dorn.

Er beobachtet das Kind. Und er trägt den zweiten Schlüssel.


Max‘ Prüfung – die Wahrheit über Elias

Max betritt seine Tür. Er findet sich in einem unterirdischen Raum wieder. Vor ihm steht Elias Dorn. Doch diesmal ist er nicht jung. Er sieht aus wie heute. Max beobachtet ihn. Elias hält den zweiten Schlüssel. Vor ihm steht der Hüter ohne Gesicht. Elias sagt:

„Sie werden kommen.“

Der Hüter antwortet:

„Du hast sie hierhergeführt.“

Max erstarrt.

Elias:

„Ich hatte keine Wahl.“

Der Hüter:

„Du hattest immer eine Wahl.“

Dann dreht sich Elias plötzlich um. Er blickt direkt zu Max. Obwohl Max unsichtbar ist. Und sagt:

„Wenn du das siehst, Max, bist du bereits zu spät.“

Max bekommt keine Luft. Elias spricht weiter:

„Vertraue Lena.“

Pause.

„Aber vertraue mir nicht.“

Dann zerbricht die Vision.


Die Wiedervereinigung

Lena und Max finden sich wieder. Beide sind völlig verändert. Lena weint. Max zittert. Sie erzählen sich, was sie gesehen haben. Dann erkennen sie:

Ihre Visionen widersprechen sich. Lena sah Elias vor zwanzig Jahren. Max sah Elias heute. Das bedeutet:

Elias ist nicht gealtert.

Oder:

Elias ist seit zwanzig Jahren nicht mehr wirklich ein Mensch.


Der große Auftritt des Hüters

Der Hüter erscheint wieder. Diesmal steht er direkt hinter ihnen. Lena spürt seine Anwesenheit, bevor sie ihn sieht.

Er sagt:

„Jetzt wisst ihr genug.“

Max dreht sich um.

„Wer bist du?“

Der Hüter antwortet:

„Ich bin derjenige, der Elias Dorn aufgehalten hat.“

Lena flüstert:

„Du hast ihn gefangen.“

Der Hüter neigt den Kopf.

„Nein.“

Dann zeigt er auf eine Tür. Sie öffnet sich. Dahinter steht Elias Dorn. Lebendig. Unverändert. Mit dem zweiten Schlüssel in der Hand. Elias blickt Lena direkt an.

Und sagt:

„Ich habe zwanzig Jahre auf euch gewartet.“

Lena kann kaum stehen.

„Warum?“

Elias antwortet:

„Weil ich euch vor zwanzig Jahren schon einmal gesehen habe.“

Max tritt vor.

„Das ist unmöglich.“

Elias sieht ihn an.

„Nein, Max.“

Dann blickt er zu Lena.

„Du warst damals noch ein Kind.“

Lena beginnt am ganzen Körper zu zittern. Eine Erinnerung bricht über sie herein. Ein Mann. Eine Frau. Die silberne Eiche. Der Steinkreis. Und Elias. Doch dann erinnert sie sich an etwas, das sie bisher verdrängt hat.

Elias war nicht allein.

Neben ihm stand eine zweite Person. Eine Person ohne Gesicht.

Lena flüstert:

„Du…“

Der Hüter dreht sich langsam zu ihr.

„Jetzt erinnerst du dich.“

Elias schließt die Augen.

„Nein.“

Zum ersten Mal klingt seine Stimme nicht ruhig. Sondern voller Angst.

„Sie darf sich nicht erinnern.“

Der Hüter wendet sich Lena zu. Und dort, wo sein Gesicht sein sollte, beginnt sich etwas zu bewegen. Zum ersten Mal erscheint ein Mund. Ein schwarzer Spalt.

Und der Hüter flüstert:

„Dann beginnt die eigentliche Prüfung.“