Kapitel 6 – Der Kreis der Wächter

Max schloss den Wagen ab, obwohl ihm der Gedanke plötzlich seltsam vorkam. Was spielte ein Autoschlüssel für eine Rolle an einem Ort wie diesem?

Lena trat an den Rand des Waldweges und blickte zwischen die alten Bäume. Die Stämme waren gewaltig, ihre Kronen verschmolzen hoch über ihnen zu einem dichten Dach, das nur vereinzelte Sonnenstrahlen hindurchließ.

Dann erklang es wieder.

Krah… Krah…

Der Rabe.

Nicht weit entfernt.

„Er wartet auf uns“, sagte Lena leise.

Max wollte widersprechen, doch stattdessen nickte er nur.

„Dann sollten wir ihn nicht warten lassen.“

Gemeinsam folgten sie dem schmalen Pfad.

Mit jedem Schritt wurde der Wald stiller.

Kein Wind bewegte die Blätter.

Keine Insekten summten.

Selbst ihre eigenen Schritte klangen gedämpft, als würde der Waldboden jedes Geräusch verschlucken.

Nach einigen Minuten entdeckten sie den Raben erneut.

Er saß auf einem moosbewachsenen Stein und blickte sie aufmerksam an.

Als Lena näher kam, erhob er sich lautlos, flog einige Meter weiter und setzte sich wieder.

„Er führt uns tatsächlich“, murmelte Max.

Der Vogel wiederholte das Spiel mehrmals.

Immer nur so weit, dass sie ihm folgen mussten.

Schließlich lichtete sich der Wald.

Vor ihnen öffnete sich eine kreisrunde Lichtung.

Lena blieb wie angewurzelt stehen.

„Das…“

„…muss der Ritualplatz sein“, beendete Max ihren Satz.

Vor ihnen erhob sich ein uralter Steinkreis.

Zwölf gewaltige Monolithen ragten mehrere Meter hoch in den Himmel. Manche waren umgestürzt, andere von dichtem Moos überwachsen. Dennoch wirkten sie, als hätten sie Jahrtausende darauf gewartet, dass jemand zurückkehrte.

In der Mitte des Kreises lag eine flache Steinplatte.

Auf ihrer Oberfläche war – kaum noch erkennbar – das Symbol der silbernen Eiche eingraviert.

Genau jenes Zeichen, das sie bereits im Buch, auf dem Computer und an der alten Eiche gesehen hatten.

Ein kühler Wind strich über die Lichtung.

Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft begann sich die Luft wieder zu bewegen.


Max ging langsam von Stein zu Stein.

„Hier müssen die Runen sein.“

Er strich mit den Fingern über die verwitterten Oberflächen.

Anfangs schien jeder Monolith nur von Rissen und Flechten bedeckt zu sein.

Doch als Lena ebenfalls einen der Steine berührte, geschah etwas.

Ein feines silbernes Leuchten durchzog die Vertiefungen.

Wie von selbst erschienen uralte Runen.

„Max!“

Er eilte zu ihr.

„Sie waren eben noch nicht da.“

„Oder wir konnten sie nicht sehen.“

Nach und nach begannen auch die übrigen Monolithen zu leuchten.

Jeder trug andere Zeichen.

Einige erinnerten an Runen, andere wirkten fremdartig, als stammten sie aus einer Sprache, die längst vergessen worden war.

Max zog sein Notizbuch hervor.

„Ich schreibe alles auf.“

Er zeichnete sorgfältig jedes Symbol ab.

Dabei fiel ihm etwas auf.

„Sieh mal.“

Er zeigte auf drei Steine.

„Die Zeichen wiederholen sich nicht. Aber sie gehören irgendwie zusammen.“

Lena trat einen Schritt zurück.

Erst aus einiger Entfernung erkannte sie das Muster.

„Die Runen bilden einen Kreis.“

„Nein“, sagte Max.

„Sie bilden…“

Er stockte.

„…eine Karte.“


In diesem Moment wurde die Temperatur spürbar kälter.

Ein Schatten huschte zwischen zwei Monolithen hindurch.

Lena drehte sich sofort um.

„Hast du das gesehen?“

„Ja.“

Max war sich sicher.

Dort hatte eben jemand gestanden.

Eine hochgewachsene Gestalt.

Doch nun war sie verschwunden.

Dann erschien ein weiterer Schatten.

Und noch einer.

Lautlos glitten sie zwischen den Steinen hindurch.

Nie ganz sichtbar.

Nie völlig verborgen.

Sie schienen die beiden zu beobachten.

„Vielleicht sollten wir gehen“, flüsterte Max.

„Nein.“

Lena wusste selbst nicht, warum sie das sagte.

Aber tief in ihrem Inneren spürte sie, dass diese Wesen sie nicht vertreiben wollten.

Sie warteten.

Als würden sie prüfen, ob Lena und Max würdig waren.

Der Rabe ließ sich auf dem höchsten Monolithen nieder.

Er krächzte einmal.

Sofort verschwanden alle Schatten.

Die Lichtung lag wieder still.


Plötzlich begann die Steinplatte in der Mitte des Kreises schwach zu leuchten.

Die silberne Eiche strahlte heller als zuvor.

Aus den umliegenden Runen lösten sich feine Lichtfäden.

Sie flossen langsam auf die Mitte zu.

Dort entstanden neue Worte.

Nicht geschrieben.

Sondern aus Licht geformt.

Zwölf Wächter hüten den ersten Pfad.

Nicht ihre Namen öffnen das Tor.

Sondern ihre Ordnung.

Wo Anfang und Ende eins werden, erwacht der Schlüssel.

Die Schrift verblasste.

Zurück blieb lediglich die Zeichnung eines Kreises.

Zwölf Punkte waren darauf eingezeichnet – einer für jeden Monolithen.

Vier davon leuchteten heller als die übrigen.

Max betrachtete die Skizzen in seinem Notizbuch.

„Das ist kein Text.“

„Was meinst du?“

„Die Runen müssen in eine bestimmte Reihenfolge gebracht werden.“

„Aber wie?“

Max dachte einen Moment nach.

Dann fiel sein Blick auf die Mitte des Kreises.

„Nicht die Runen sind entscheidend.“

„Sondern die Steine.“

Lena sah ihn fragend an.

„Die Inschrift sagt: Nicht ihre Namen öffnen das Tor, sondern ihre Ordnung. Das bedeutet, wir müssen herausfinden, welche vier Monolithen zusammengehören. Vielleicht bilden sie die Himmelsrichtungen, vielleicht die Jahreszeiten oder die alten keltischen Feste. Erst wenn wir die richtige Reihenfolge erkennen und den Kreis entsprechend abschreiten, wird sich der ‚erste Schlüssel‘ zeigen.“

In diesem Augenblick begann auf einem der Monolithen eine einzelne Rune heller zu leuchten als alle anderen.

Kurz darauf antwortete ein zweiter Stein.

Dann ein dritter.

Und schließlich ein vierter.

Die vier Lichtpunkte bildeten kein Quadrat.

Sondern eine Spirale, die auf die Mitte des Steinkreises zulief.

Der Rabe erhob sich mit einem kräftigen Flügelschlag und flog genau über diese vier Steine hinweg, bevor er lautlos im Wald verschwand.

Lena und Max sahen ihm nach.

„Ich glaube“, sagte Lena mit ruhiger Stimme, „er hat uns gerade den ersten Hinweis gegeben.“

Max nickte.

„Jetzt müssen wir nur noch verstehen, was er uns zeigen wollte.“

Der Steinkreis lag wieder still da.

Doch tief unter der Erde war ein dumpfes Grollen zu hören.

Als hätte etwas uraltes begonnen, aus seinem langen Schlaf zu erwachen.