Lena und Max standen schweigend in der Mitte des Steinkreises.
Der Wind war verstummt.
Die vier Monolithen, die zuvor nacheinander aufgeleuchtet hatten, strahlten nun in einem sanften silbrigen Licht. Die übrigen acht Steine lagen wieder im Schatten.
Max schlug sein Notizbuch auf.
Auf jeder Seite hatte er die Runen sorgfältig abgezeichnet. Er verglich sie mit den Zeichen auf den vier leuchtenden Monolithen.
„Sie gehören zusammen“, murmelte er.
„Aber warum genau diese vier?“
Lena trat neben ihn.
„Vielleicht erzählen sie eine Geschichte.“
Max betrachtete die Runen genauer.
Auf dem ersten Stein war ein Zeichen eingeritzt, das an Wurzeln erinnerte.
Der zweite zeigte geschwungene Linien wie fließendes Wasser.
Auf dem dritten erkannte er spitze Formen, die an Flammen erinnerten.
Der vierte trug eine Rune, deren Linien sich wie Windböen über den Stein zogen.
„Die Elemente“, sagte Max plötzlich.
„Erde… Wasser… Feuer… Luft.“
Lena erinnerte sich an die Seiten des geheimnisvollen Buches.
Sie schloss für einen Moment die Augen.
Vor ihrem inneren Blick erschien wieder die vergilbte Seite.
Nicht das ganze Bild.
Nur ein einzelner Satz.
Der Kreis beginnt mit der Wurzel und endet mit dem Wind.
Sie öffnete die Augen.
„Max.“
„Ja?“
„Ich glaube, ich weiß die Reihenfolge.“
Sie zeigte auf den ersten Stein.
„Erde.“
Dann auf den zweiten.
„Wasser.“
Den dritten.
„Feuer.“
Und schließlich den vierten.
„Luft.“
Max nickte langsam.
„Das passt zur Inschrift. Nicht die Namen öffnen das Tor, sondern ihre Ordnung.“
Sie sahen sich an.
„Dann gibt es wohl nur einen Weg, das herauszufinden.“
Lena trat vorsichtig an den ersten Monolithen heran.
Sie legte ihre Hand auf die kalte Oberfläche.
Im selben Augenblick begann die Rune hell zu leuchten.
Ein tiefes Grollen ging durch den Boden.
Der gesamte Steinkreis erwachte.
Silberne Lichtlinien verbanden die zwölf Monolithen miteinander.
„Das war richtig“, sagte Max.
Nun trat er zum zweiten Stein.
Als seine Finger die Rune berührten, erklang ein dumpfer Ton, der durch den ganzen Wald hallte.
Zwischen den Monolithen begann feiner Nebel aufzusteigen.
Lena spürte eine Gänsehaut.
„Weiter.“
Sie gingen zum dritten Stein.
Kaum hatte Lena die Feuer-Rune berührt, schossen winzige goldene Funken über die Oberfläche des Monolithen.
Sie verbrannten nichts.
Sie fühlten sich warm an.
Lebendig.
Jetzt blieb nur noch der vierte Stein.
Max atmete tief durch.
„Wenn das falsch ist…“
„Dann finden wir es heraus.“
Er legte seine Hand auf die Luft-Rune.
Für einen Herzschlag geschah nichts.
Dann brach ein gleißender Lichtstrahl aus der Mitte des Steinkreises hervor.
Alle zwölf Monolithen leuchteten gleichzeitig auf.
Der Boden bebte.
Ein gewaltiger Wind erhob sich und kreiste über der Lichtung, ohne auch nur ein einziges Blatt zu bewegen.
Mitten auf der Steinplatte erschien erneut das Symbol der silbernen Eiche.
Dieses Mal begann es sich langsam zu drehen.
Ein leises Knacken war zu hören.
Die Platte bewegte sich.
Millimeter für Millimeter glitt sie zur Seite.
Darunter öffnete sich eine kleine steinerne Kammer.
Beide traten vorsichtig näher.
In der Vertiefung lag kein Gold.
Keine Waffen.
Kein Schmuck.
Nur ein einzelner Gegenstand.
Ein Anhänger aus silbrig schimmerndem Kristall.
Er war ungefähr so groß wie eine Münze.
In seinem Inneren schien ein winziger Lichtfunke zu schweben.
Auf seiner Oberfläche war die silberne Eiche eingraviert.
Lena kniete sich nieder.
„Glaubst du…“
Max antwortete leise.
„Ich glaube, er hat auf uns gewartet.“
Als Lena den Anhänger berührte, durchfuhr sie ein warmer Lichtstrom.
Die Welt um sie herum verschwand.

Die Monolithen waren unbeschädigt.
Überall brannten Feuer.
Frauen und Männer in langen keltischen Gewändern standen im Kreis.
Sie sangen eine fremde Melodie.
In ihrer Mitte erhob sich eine gewaltige Eiche.
Ihre Blätter schimmerten silbern im Mondlicht.
Ein alter Druide trat vor.
Er hob den Kristall in den Himmel.
Seine Stimme hallte über die Lichtung.
„Möge der Bund bestehen, solange die vier Schlüssel bewahrt werden.“
Die Menschen antworteten gemeinsam.
„Bis die Erben zurückkehren.“
Plötzlich verdunkelte sich der Himmel.
Schwarzer Nebel kroch zwischen den Bäumen hervor.
Die Menschen verstummten.
Der Druide blickte direkt zu Lena.
Nicht durch sie hindurch.
Sondern direkt in ihre Augen.
Als könne er sie sehen.
Mit ruhiger Stimme sprach er:
„Der erste Schlüssel ist erwacht.“
Er machte eine kurze Pause.
„Drei weitere warten auf die Erben des Bundes.“
Die Vision zerbrach wie Glas.
Lena fiel einen Schritt zurück.
Max fing sie auf.
„Alles in Ordnung?“
Sie atmete schwer.
„Ich… ich habe sie gesehen.“
„Wen?“
„Die Menschen, die diesen Ort erschaffen haben.“
Sie erzählte ihm von der Vision.
Max hörte aufmerksam zu.
Während Lena sprach, war sein Blick auf die geöffnete Steinkammer gefallen.
An ihrer Unterseite befanden sich feine Gravuren.
Er kniete sich hin.
„Lena… schau dir das an.“
In den Stein war eine Sternenkarte gemeißelt.
Zwischen den Sternbildern verliefen Linien.
Eine davon endete an einem einzelnen Symbol.
Nicht der silbernen Eiche.
Sondern einem alten Turm auf einem Hügel.
Darunter stand in alter Schrift nur ein Wort.
Caer.
Max machte vorsichtig ein Foto.
Er hielt den Atem an.
Diesmal blieb das Bild auf seinem Handy.
„Zum ersten Mal verschwindet nichts.“
„Vielleicht dürfen wir diesen Hinweis behalten.“
Gerade wollte Max die Steinplatte wieder schließen, als der Rabe laut krächzte.
Einmal.
Dann noch einmal.
Nicht rufend.
Warnend.
Beide drehten sich gleichzeitig um.
Am Rand der Lichtung stand eine Gestalt. Groß. In einen dunklen Mantel gehüllt.
Das Gesicht lag im Schatten. Doch diesmal blieb sie nicht stumm.
Mit ruhiger Stimme sagte sie: „Ihr seid schneller als erwartet.“
Lena spürte sofort, dass es dieselbe Stimme war wie in ihrem Traum.
„Wer seid Ihr?“, rief sie.
Die Gestalt machte einen einzigen Schritt nach vorne.
Genau in diesem Moment erloschen sämtliche Lichter des Steinkreises.
Ein eisiger Wind fegte über die Lichtung.
Die Schatten zwischen den Monolithen wurden dichter.
Max hob schützend den Arm vor Lena.
Als der Wind nach wenigen Sekunden nachließ, war die Gestalt verschwunden.
Nur ihre Fußspuren waren noch im feuchten Moos zu erkennen.
Der Rabe saß regungslos auf dem höchsten Monolithen.
Er blickte in die Richtung, in der die Gestalt verschwunden war.
Dann stieß er einen langen, rauen Warnruf aus, der weit durch den Wald hallte.
Lena umklammerte den Kristallanhänger.
„Was immer gerade begonnen hat“, sagte sie leise, „es wird uns nicht mehr loslassen.“
Max nickte. Sein Blick fiel auf das Foto der Sternenkarte.
„Dann sollten wir herausfinden, was ‚Caer‘ bedeutet.“
Über ihnen zogen dunkle Wolken auf und verdeckten die Abendsonne.
Die Reise hatte gerade erst begonnen.
