Einen langen Moment sagte keiner von beiden ein Wort.
Die Luft im Archiv schien schwer geworden zu sein. Selbst das leise Ticken der alten Standuhr war verstummt. Vor ihnen lag das geheimnisvolle Buch, dessen Seiten sich eben noch wie von Geisterhand bewegt hatten.
Max brach schließlich das Schweigen.
„Ich heiße Max.“
„Lena.“
Sie schüttelten sich kurz die Hand. Beide bemerkten, wie kühl die Finger des anderen waren.
„Du hast das Symbol schon einmal gesehen, oder?“, fragte Max.
Lena nickte.
„An einer uralten Eiche im Stadtpark. Zumindest glaube ich, dass es dort war. Als ich ein Foto gemacht habe, war das Zeichen verschwunden.“
Max zog sein Handy hervor.
„Bei mir ist es auf meinem Computer erschienen. Danach bekam ich eine Nachricht von einem unbekannten Absender.“
„Welche Nachricht?“
Max zögerte.
„Sie hat den Ruf gehört.“
Lena wurde blass.
„Dann… war ich gemeint.“
Er nickte langsam.
„Das vermute ich inzwischen auch.“
Lena erzählte ihm von ihren Träumen, von der Gestalt im Wald und von der Stimme, die ihren Namen gerufen hatte. Max berichtete von den unerklärlichen Datenströmen, den verschwindenden Dateien und dem Symbol, das in keiner Datenbank existierte.
Als sie geendet hatten, herrschte erneut Stille.
„Das ergibt überhaupt keinen Sinn“, sagte Max schließlich.
„Vielleicht nicht nach den Gesetzen, die wir kennen“, antwortete Lena leise. „Aber offenbar gelten hier andere.“
Max sah auf das geheimnisvolle Buch.
„Eines weiß ich inzwischen sicher.“
„Was?“
„Alleine kommen wir nicht weiter.“
Lena lächelte zum ersten Mal.
„Das wollte ich gerade auch sagen.“
In diesem Moment begann das Buch erneut zu reagieren.
Die Seiten raschelten, obwohl kein Luftzug zu spüren war. Langsam blätterte es weiter, bis es auf einer Doppelseite zum Stillstand kam.
Beide beugten sich darüber.
Die linke Seite zeigte eine kunstvoll gezeichnete Karte.
Dichte Wälder.
Ein Fluss.
Mehrere Hügel.
Und in der Mitte ein Kreis aus gewaltigen Steinen.
Die rechte Seite war mit Symbolen und Runen bedeckt.
Max erkannte einige Zeichen aus nordischen Runenalphabeten, doch viele waren ihm völlig unbekannt.
Lena strich vorsichtig mit den Fingern über eine der Runen.
Augenblicklich begannen einzelne Zeichen schwach silbern zu leuchten.
Zwischen ihnen erschienen Zeilen, die zuvor nicht vorhanden gewesen waren.
Der erste Schlüssel ruht dort, wo die Alten den Himmel berührten.
Sucht den Kreis aus Stein.
Nur wer gemeinsam den Ruf trägt, wird den Pfad erkennen.
Der Wächter öffnet den Weg, doch nur den Würdigen.
Unter dem Text entstand langsam eine weitere Zeichnung.
Sie zeigte einen uralten keltischen Ritualplatz.
Ein Ring aus mächtigen Monolithen.
In seiner Mitte befand sich das Symbol der silbernen Eiche.

„Ein Steinkreis“, flüsterte Lena.
Max betrachtete die Karte genauer.
„Moment… ich kenne diesen Ort.“
Sie sah ihn überrascht an.
„Wirklich?“
„Nicht persönlich. Aber ich habe vor Jahren einen Artikel darüber gelesen. Irgendwo außerhalb der Stadt gibt es einen kaum bekannten keltischen Ritualplatz. Die meisten Touristen kennen ihn gar nicht.“
Lena deutete auf die Zeichnung.
„Glaubst du, dass es derselbe Ort ist?“
Max nickte langsam.
„Ich würde fast darauf wetten.“
Sie schlossen das Buch.
Im selben Augenblick erlosch das silberne Leuchten der Runen.
Lena wollte den Band vorsichtig zurück in das Regal stellen.
Doch als sie sich umdrehte, war die dunkle Nische verschwunden.
Dort standen nur gewöhnliche Bücher über Geschichte und Archäologie.
Verwirrt blickte sie sich um.
„Wo ist das Regal?“
Max trat neben sie.
„Welches Regal?“
„Das, aus dem ich das Buch genommen habe.“
Er sah sich ebenfalls um.
„Hier war keins.“
Lena blickte auf das Buch in ihren Händen.
„Aber…“
Noch bevor sie den Satz beenden konnte, löste sich der Einband langsam auf.
Das Leder zerfiel zu feinem silbrigen Staub, der lautlos zu Boden rieselte.
Zwischen ihren Fingern blieb nichts zurück.
Das Buch war verschwunden.
Nur die Erinnerung an seinen Inhalt blieb.
Max starrte auf den leeren Platz.
„Jetzt kann ich endgültig vergessen, dafür eine logische Erklärung zu finden.“
Lena musste trotz allem lächeln.
„Vielleicht ist das der erste Schritt.“
„Welcher?“
„Zu akzeptieren, dass nicht alles logisch sein muss.“
Als sie das Archiv verließen, wartete der alte Archivar hinter seinem Schreibtisch.
Er sah sie an, als hätte er längst gewusst, was geschehen war.
„Sie haben gefunden, wonach Sie gesucht haben?“
Max wollte antworten.
Doch der Mann hob nur leicht die Hand.
„Nein“, sagte er mit ruhiger Stimme.
„Sie haben erst den Anfang gefunden.“
„Kennen Sie dieses Buch?“, fragte Lena.
Der Archivar lächelte geheimnisvoll.
„Ich kenne viele Bücher.“
„Woher wussten Sie, dass wir zusammenarbeiten würden?“
Sein Blick wurde ernst.
„Manche Wege werden nicht gewählt.“
Er machte eine kurze Pause. „Sie erinnern sich nur daran.“
Bevor einer von beiden eine weitere Frage stellen konnte, wandte sich der Archivar wieder seinen Unterlagen zu, als wäre das Gespräch beendet.
Draußen empfing sie die warme Nachmittagssonne. Autos fuhren vorbei, Menschen lachten in den Cafés, Fahrräder klingelten. Die Welt schien völlig normal. Und doch wusste Lena, dass sich etwas verändert hatte. Sie war nicht länger allein.
Max zog sein Handy hervor und öffnete eine Karte.
„Der Ritualplatz liegt etwa vierzig Kilometer von hier, mitten in einem Waldgebiet.“
„Kommen wir heute noch hin?“
„Wenn wir sofort losfahren.“
Lena blickte noch einmal zurück zur Bibliothek.
Ein Gefühl sagte ihr, dass sie erst dann Antworten finden würden, wenn sie den Steinkreis erreichten.
Oder neue Fragen.
„Dann gehen wir“, sagte sie entschlossen.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg.
Hinter ihnen schlug die schwere Eingangstür der Bibliothek langsam zu.
Im obersten Fenster stand für den Bruchteil einer Sekunde die dunkle Gestalt aus Lenas Träumen.
Reglos beobachtete sie die beiden.
Als Max sich noch einmal umdrehte, war das Fenster leer.
Nur ein einzelner Rabe erhob sich lautlos vom Dach und flog in Richtung des Waldes.
Als würde er ihnen den Weg weisen.
