Kapitel 11 – Das Erwachen unter dem Berg

Die Dunkelheit war vollkommen. Lena konnte ihre eigene Hand nicht mehr sehen.

Nicht einmal Max. „Max?“ Ihre Stimme zitterte.

Keine Antwort. „Max!“

Dann spürte sie seine Hand. Er griff nach ihrer.

Seine Finger waren eiskalt. „Ich bin hier.“

Lena schloss ihre Hand um seine. Sie spürte, dass er zitterte.

Nicht nur ein wenig. Sein ganzer Körper bebte.

Und plötzlich wusste sie, dass es nicht nur die Kälte war.

Max hatte Angst. Echte Angst. Eine Angst, die tiefer ging als alles, was sie bisher gemeinsam erlebt hatten.

„Was hast du?“

„Nichts.“

„Du lügst.“

„Lena…“

„Du zitterst.“

Max schwieg. Dann sagte er etwas, das Lena nicht erwartet hatte.

„Ich kenne diesen Ort.“

Lena erstarrte. „Was?“

„Ich weiß nicht woher.“

Er nahm ihre Hand noch fester. „Aber ich kenne ihn.“

Aus der Dunkelheit kam ein Geräusch. Ein langsames Kratzen.

Etwas zog über Stein. Ganz in ihrer Nähe. Lena hielt den Atem an. „Max…“

„Nicht bewegen.“

Das Kratzen hörte auf. Stille. Dann ein Flüstern. Direkt hinter ihnen.

„Max.“

Lena fuhr herum. Nichts. Nur Dunkelheit. „Hat es deinen Namen gesagt?“

Max antwortete nicht. „Max!“

Er sah sie an. Sein Gesicht war bleich. „Ja.“

Dann hörten sie die Stimme erneut. Diesmal aus einer anderen Richtung.

„Max.“

Noch einmal. Von links.

„Max.“

Und dann von rechts.

„Max.“

Lena drückte sich näher an ihn. „Was ist hier los?“

Max schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht.“

Doch tief in seinem Inneren wusste er, dass das nicht stimmte. Denn irgendwo in seinem Gedächtnis war eine Tür. Eine Tür, die seit seiner Kindheit verschlossen war. Und jetzt begann sie sich zu öffnen.


Plötzlich flammte ein Licht auf. Elias stand einige Meter entfernt. In seiner Hand hielt er eine Fackel. „Wir müssen weiter.“

Lena blickte ihn wütend an. „Was war das?“ Elias antwortete nicht.

„Du weißt es.“ „Lena…“ „Du weißt genau, was hier unten ist!“

Elias‘ Blick wanderte zu Max. „Wir haben keine Zeit.“

Max trat vor. „Du hast gesagt, du würdest uns die Wahrheit erzählen.“

„Das habe ich.“ „Dann fang an!“ Elias sah ihn lange an. „Noch nicht.“

Max erstarrte. „Noch nicht?“ Seine Stimme wurde lauter. „Wann dann? Wenn wir tot sind?“ Elias antwortete: „Wenn du dich erinnerst.“

Max wich zurück. Lena sah ihn an. „Woran soll er sich erinnern?“

Elias schwieg. Dann begann der Kristall in Lenas Hand zu leuchten. Ein schwaches silbernes Licht. Doch diesmal geschah etwas Seltsames. Das Licht wanderte von Lenas Hand über ihren Arm. Dann zu Max. Als ihre Hände sich berührten, erschien auf Max‘ Handfläche ein Zeichen.

Die silberne Eiche.

Lena wich erschrocken zurück. Max starrte auf seine Hand. „Das war vorher nicht da.“ Elias wurde kreidebleich. „Nein.“

„Was?“ Elias trat einen Schritt zurück. „Das darf nicht sein.“ Lena sah ihn an. „Was darf nicht sein?“ Elias flüsterte: „Er erinnert sich.“


Max schloss die Augen. Und plötzlich war er wieder sechs Jahre alt. Er lag in einem Krankenhausbett. Er hörte das Piepen eines Monitors. Seine Mutter weinte. Ein Arzt sprach mit ihr. Doch dann öffnete sich eine Tür. Ein Mann trat ein. Elias. Jünger. Verängstigt. In seinen Händen hielt er einen Kristall. Den zweiten Schlüssel. Max sah sich selbst im Bett. Er hörte den Arzt sagen: „Wir verlieren ihn.“

Dann wurde alles schwarz. Und Max stand plötzlich an einem anderen Ort. Im Wald. Am Ritualplatz. Lena war dort. Ein kleines Mädchen. Sie hielt den silbernen Kristall. Und sie weinte. Max wollte zu ihr. Doch er konnte sich nicht bewegen. Hinter Lena stand jemand. Der Hüter. Aber er hatte ein Gesicht. Max kannte diesen Mann. Er hatte ihn schon einmal gesehen. Nicht in einem Traum. Nicht in einer Vision. In seinem wirklichen Leben. Der Mann beugte sich zu Lena. Dann sagte er:

„Wenn du ihn zurückholst, wird er dir sein Leben lang folgen.“

Das kleine Mädchen schüttelte den Kopf. „Ich will nicht, dass er stirbt.“

Der Mann antwortete: „Dann gib ihm einen Teil von dir.“

Lena hob den Kristall. Ein Lichtblitz. Dann hörte Max einen Schrei. Seinen eigenen.


Max riss die Augen auf. Er fiel auf die Knie. „Max!“ Lena kniete sich neben ihn. „Was hast du gesehen?“ Max atmete schwer. Er sah sie an. Und in seinen Augen lag etwas, das Lena noch nie zuvor gesehen hatte. Verwirrung. Angst. Aber auch Erkenntnis. „Du hast mich zurückgeholt.“ Lena wurde blass. „Was?“ „Damals.“ Max griff nach seiner Hand. Das Zeichen der silbernen Eiche glühte noch immer. „Du hast mich zurückgeholt.“ Elias schloss die Augen. „Nein.“ Lena sah ihn an. „Du hast gesagt, er hätte zwei Minuten lang keinen Herzschlag gehabt.“ „Ja.“ „Aber du hast nicht gesagt, warum er wiederkam.“ Elias schwieg. Lena verstand. „Was hast du uns verschwiegen?“ Elias antwortete: „Max ist nicht einfach zurückgekommen.“ Die Dunkelheit um sie herum schien dichter zu werden. „Was bedeutet das?“ Elias sah Max an. „Etwas ist mit ihm zurückgekommen.“ Stille. Max sah ihn an. „Was?“ Elias antwortete nicht. Aus den Tiefen des Berges kam ein Geräusch. Ein dumpfer Schlag. Dann noch einer.

Bumm.

Der Boden bebte.

Bumm.

Staub rieselte von der Decke.

Bumm.

Lena spürte, wie ihr Herz raste. „Was ist das?“ Elias flüsterte: „Es hat uns gefunden.“


Sie rannten. Elias führte sie durch einen schmalen Gang. Hinter ihnen wurde die Dunkelheit lebendig. Schwarzer Nebel kroch über den Boden. Er bewegte sich gegen die Schwerkraft die Wände hinauf. Lena sah Schatten darin. Gesichter. Hände. Menschen, die im Nebel gefangen waren. Sie hörte Stimmen. Ihre Mutter. Ihren Vater. Dann ihre eigene Stimme als Kind. „Du musst dich erinnern.“ „Lena!“ Max zog sie weiter. „Nicht stehen bleiben!“

Doch dann hörte sie eine andere Stimme. Max. Aber Max lief neben ihr. Die Stimme kam aus dem Nebel. „Lena, hilf mir.“

Sie blieb stehen. „Max?“ Der Max neben ihr packte sie. „Das bin nicht ich!“ Doch dann kam die Stimme erneut. „Lena.“ Diesmal weinte sie. „Bitte.“ Lena wollte sich losreißen. Max hielt sie fest. „Nein!“ „Aber ich höre ihn!“ „Es ist eine Falle!“ „Woher weißt du das?“ Max sah sie an. Sein Gesicht war voller Angst. „Weil ich diese Stimme kenne.“ Lena erstarrte. „Woher?“ Max antwortete: „Weil sie aus mir kommt.“


Sie erreichten eine gewaltige Halle. Elias blieb stehen. Lena und Max kamen hinter ihm zum Stillstand. Vor ihnen lag ein schwarzer See. Kein Wasser. Etwas Dunkleres. Etwas, das sich bewegte. In der Mitte des Sees schwebte ein Kristall. Der zweite Schlüssel. Max konnte den Blick nicht von ihm lösen. Er ging einen Schritt nach vorne. „Max!“ Er blieb stehen. Der Kristall pulsierte. Sein Zeichen auf der Hand begann zu glühen. Der See begann zu kochen. Elias wurde bleich. „Nein.“ Lena sah ihn an. „Was?“ „Das darf nicht geschehen.“ „Was passiert?“ Elias flüsterte: „Der Schlüssel hat ihn erkannt.“ „Dann ist das doch gut.“ „Nein!“ Elias packte Lena am Arm. „Du verstehst es nicht.“ Max ging weiter. „Max!“ Lena wollte ihm folgen. Doch Elias hielt sie fest. „Wenn er den Schlüssel berührt, gibt es kein Zurück.“ Max drehte sich um. „Warum?“ Elias sah ihn an. „Weil du ihn bereits einmal geöffnet hast.“ Max erstarrte. „Was?“ „Vor zwanzig Jahren.“ Der schwarze See explodierte. Eine gewaltige Gestalt erhob sich aus der Dunkelheit. Sie war größer als ein Mensch. Ihr Körper bestand aus schwarzem Nebel. Doch ihr Gesicht veränderte sich ständig. Elias. Lena. Max. Dann Gesichter von Menschen, die sie nicht kannten. Die Kreatur öffnete den Mund. Ihre Stimme war ein Chor aus Hunderten Stimmen. „Ihr seid zurück.“ Lena wich zurück. Max blieb stehen. Die Kreatur wandte sich ihm zu. „Mein Wächter.“ Max wurde kreidebleich. „Nein.“ Die Kreatur lachte. „Du erinnerst dich nicht.“ Max hielt sich den Kopf. „Hör auf!“ „Du hast mich gerufen.“ „Nein!“ „Du hast mich geöffnet.“ „Nein!“ „Und du hast mich wieder geschlossen.“ Max sank auf die Knie. Lena lief zu ihm. „Max!“ Die Kreatur sprach weiter. „Du bist nicht der Wächter des zweiten Schlüssels.“ Lena blieb stehen. Die Kreatur wandte ihr Gesicht zu. „Du bist der Grund, warum es ihn gibt.“ Max blickte auf. Seine Augen waren voller Angst. „Was bedeutet das?“ Die Kreatur antwortete: „Du warst der erste Schlüssel.“ Stille. Lena konnte nicht atmen. Elias flüsterte: „Nein.“ Die Kreatur lachte. „Jetzt erinnerst du dich.“ Max‘ Körper begann zu zittern. Dann geschah etwas. Das Zeichen auf seiner Hand verschwand. Es erschien auf seiner Brust. Direkt über seinem Herzen. Lena sah es. Und plötzlich erinnerte auch sie sich. Nicht an ihre Kindheit. Sondern an etwas, das viel älter war. Sie und Max standen als Erwachsene in einem Kreis. Vier Schlüssel. Vier Menschen. Und einer von ihnen lag tot auf dem Boden. Max. Doch sie selbst hielt seine Hand. Und sie weinte. Eine Stimme sagte: „Nur einer von euch kann zurückkehren.“ Lena schrie auf. Die Vision zerbrach. „Nein!“ Max griff nach ihr. „Was hast du gesehen?“ Lena sah ihn an. „Dich.“ „Was?“ „Ich habe dich sterben sehen.“ Max wurde still. „Wann?“ Lena schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht.“ Die Kreatur erhob sich vollständig aus dem schwarzen See. „Bald.“


Elias trat vor. „Du bekommst sie nicht.“ Die Kreatur wandte sich ihm zu. „Du hast das vor zwanzig Jahren auch gesagt.“ „Ich habe dich besiegt.“ „Nein.“ Die Kreatur lächelte mit Elias‘ Gesicht. „Du hast mich nur eingeschlossen.“ Dann stürzte sie sich auf ihn. Elias wurde durch die Halle geschleudert. „Elias!“ Lena wollte zu ihm. Doch Max hielt sie zurück. „Nein!“ „Wir müssen ihm helfen!“ „Er hat uns belogen!“ „Er ist trotzdem unser einziger Weg hier raus!“ Plötzlich ertönte ein Schrei. Nicht von Elias. Von Max. Er fiel auf die Knie. Sein Körper spannte sich an. Das Zeichen auf seiner Brust begann zu leuchten. Die Kreatur hielt inne. „Ja.“ Sie blickte Max an. „Jetzt.“ Max schrie. Ein Lichtstoß ging durch die Halle. Der schwarze See teilte sich. Der zweite Schlüssel schwebte plötzlich direkt vor Max. Lena sah ihn an. „Max…“ Er hob langsam den Kopf. Seine Augen waren verändert. Für einen kurzen Moment schimmerten sie silbern. Dann sagte er mit einer Stimme, die nicht seine war: „Ich erinnere mich.“ Lena wich zurück. „Max?“ Er sah sie an. Doch für einen Sekundenbruchteil war sie sich nicht sicher, ob es wirklich Max war. Dann flüsterte er: „Lena… lauf.“ Die Kreatur begann zu lachen. Der Hüter ohne Gesicht erschien plötzlich am anderen Ende der Halle. Er sah Max an. Und zum ersten Mal seit ihrer Begegnung wirkte der Hüter nicht wie ein Wächter. Sondern wie jemand, der etwas Unfassbares erkannt hatte. Er flüsterte: „Das ist unmöglich.“ Elias richtete sich mühsam auf. „Was?“ Der Hüter antwortete: „Er ist nicht zurückgekehrt.“ Lena sah ihn an. „Was meinst du?“ Der Hüter blickte auf Max. „Er war niemals weg.“ Max stand langsam auf. Der zweite Schlüssel schwebte vor ihm. Sein silbernes Zeichen leuchtete. Und irgendwo tief unter dem Berg öffnete sich ein zweites Tor. Elias sah Lena an. Sein Gesicht war voller Entsetzen. „Jetzt verstehe ich.“ „Was?“ Elias antwortete: „Warum die Schlüssel euch beide ausgewählt haben.“ „Warum?“ Elias sah zu Max. Dann zu Lena. „Weil ihr nicht die Erben der vier Schlüssel seid.“ Ein tiefer Donner rollte durch den Berg. Elias flüsterte: „Ihr seid ihre Schöpfer.“ Die Kreatur schrie. Der Berg bebte. Und irgendwo tief unter Caer begann etwas zu erwachen, das seit Jahrhunderten geschlafen hatte. Lena griff nach Max‘ Hand.

Doch als ihre Finger seine berührten, hörte sie eine Stimme.

Nicht die Stimme des Hüters.

Nicht die Stimme der Kreatur.

Nicht Elias.

Es war Max.

Aber Max bewegte seine Lippen nicht.

Die Stimme flüsterte direkt in ihrem Kopf:

„Wenn du dich an alles erinnerst, wirst du mich töten müssen.“

Lena erstarrte.

Sie blickte Max an.

Er sah sie an.

Verängstigt.

Verwirrt.

Unschuldig.

Und Lena wusste plötzlich nicht mehr, was schlimmer war.

Dass Max vielleicht der Schlüssel zu ihrer Rettung war.

Oder dass er vielleicht derjenige sein würde, der sie eines Tages vernichten musste.

Hinter ihnen schloss sich das Tor.

Und tief unter dem Berg schlug ein Herz.

Einmal.

Dann ein zweites Mal.

Caer war erwacht.