Max entriegelte seinen dunkelgrauen Kombi und öffnete Lena die Beifahrertür.
„Nicht besonders spektakulär“, sagte er mit einem schiefen Lächeln. „Aber er bringt uns überall hin.“
„Das muss er heute wohl beweisen.“
Sie stieg ein und schloss die Tür. Im Wagen roch es nach Kaffee und einem Hauch von Leder. Max startete den Motor, während das Display des Infotainmentsystems langsam hochfuhr.
„Dann sehen wir mal, ob dieser Ort überhaupt existiert.“
Er öffnete das Navigationssystem und gab die Koordinaten ein, die er aus einer archäologischen Datenbank notiert hatte.
51.248…
Er kontrollierte die Zahlen ein zweites Mal und bestätigte die Eingabe.
Einen Augenblick blieb der Bildschirm schwarz.
Dann erschien die Route.
Ziel gefunden.
Fahrzeit: 47 Minuten.
Max runzelte die Stirn.
„Das ging erstaunlich problemlos.“
„Vielleicht möchte uns der Ort finden“, sagte Lena nachdenklich.
„Bitte fang nicht damit an.“
Sie lächelte.
„Du glaubst doch selbst nicht mehr, dass das alles Zufall ist.“
Max antwortete nicht.
Insgeheim wusste er, dass sie recht hatte.
Die Stadt blieb langsam hinter ihnen zurück.
Hohe Bürogebäude wichen Wohnhäusern, die wiederum Feldern und kleinen Wäldern Platz machten. Der Himmel war wolkenlos, und die Nachmittagssonne tauchte die Landschaft in warmes Licht.
Im Radio lief leise Musik.
Niemand sprach.
Beide hingen ihren Gedanken nach.
Nach einigen Kilometern bemerkte Lena eine Bewegung am Straßenrand.
„Max…“
„Hm?“
„Siehst du den Raben?“
Max blickte nach vorne.
Auf einem Leitpfosten saß ein großer schwarzer Rabe.
Im selben Moment breitete er seine Flügel aus und flog los.
Nicht davon.
Sondern genau in ihre Fahrtrichtung.
„Seltsamer Zufall“, murmelte Max.
„Findest du?“
Der Vogel flog immer gerade weit genug voraus, dass er nicht aus dem Blickfeld verschwand.
Immer wenn Max an einer Kreuzung oder Gabelung ankam, wechselte der Rabe seine Richtung – noch bevor das Navigationsgerät eine Abbiegeanweisung gab.
„Das bildet ihr euch ein“, sagte Max mehr zu sich selbst als zu Lena.
„Vielleicht.“
Doch auch er glaubte seine eigenen Worte nicht mehr.
Nach einer halben Stunde wurde die Straße immer schmaler.
Dichte Wälder umgaben sie.
Der Handyempfang verschwand.
Eine Meldung erschien auf dem Display.
Kein Mobilfunknetz verfügbar.
„Na toll“, sagte Max.
„Jetzt sind wir wirklich abgeschnitten.“
Lena blickte aus dem Fenster.
Zwischen den Bäumen glaubte sie, immer wieder hohe Steine zu erkennen.
Doch wenn sie genauer hinsah, waren es nur Felsen oder alte Baumstämme.
„Hast du das Gefühl…“, begann sie.
„…dass der Wald uns beobachtet?“
Sie nickte.
„Genau das.“
Max lachte nervös.
„Früher hätte ich dich für diesen Satz ausgelacht.“
„Und heute?“
„Heute hoffe ich einfach, dass der Wald freundlich ist.“
Nur noch drei Kilometer.
Das Navi kündigte die letzte Abbiegung an.
„In dreihundert Metern links abbiegen.“
Max setzte den Blinker.
Plötzlich flackerte das Display.
Einmal.
Zweimal.
Dann wurde die Kartenansicht schwarz.
„Nicht jetzt…“
Statt der Straße erschienen feine silberne Linien.
Sie bewegten sich über den Bildschirm wie flüssige Tinte.
Lena hielt den Atem an.
„Das sind Runen.“
Immer mehr Zeichen entstanden.
Sie drehten sich langsam umeinander und bildeten ein Muster.
Max fuhr vorsichtig weiter.
„Bitte sag mir, dass das irgendein Softwarefehler ist.“
Doch niemand antwortete.
Die Runen begannen zu leuchten.
Das Navigationssystem gab nun keine Straßennamen mehr aus.
Stattdessen erschien Zeile für Zeile eine Botschaft.
ᛖ ᚨ ᛚ ᚷ ᛁ ᛉ
Weitere Zeichen folgten.
Sie waren älter als jede Rune, die Max jemals gesehen hatte.
Das Display summte leise.
Dann wechselten die Zeichen plötzlich in eine Sprache, die beide lesen konnten.
Der Pfad endet.
Der Weg beginnt.
Im selben Augenblick verstummte die elektronische Stimme des Navigationsgeräts.
Die Positionsanzeige verschwand.
Die Karte löste sich vollständig auf.
An ihrer Stelle war nur noch das Symbol der silbernen Eiche zu sehen.
Ein Kreis.
Eine Eiche.

Und darunter ein einzelner, pulsierender Punkt.
„Das ist… unser Standort“, flüsterte Max.
Der Punkt bewegte sich langsam auf den Mittelpunkt des Symbols zu.
„Wir sind fast da“, sagte Lena.
Kaum hatte sie den Satz beendet, erhob sich der Rabe erneut aus den Baumwipfeln.
Er flog direkt über die Motorhaube hinweg und verschwand zwischen den Bäumen zu ihrer Linken.
Gleichzeitig fiel das Navigationssystem vollständig aus.
Der Bildschirm wurde schwarz.
Der Motor lief weiter, doch alle Anzeigen des Infotainments waren erloschen.
Max trat auf die Bremse.
Vor ihnen endete der Asphalt.
Ein schmaler, überwucherter Waldweg führte tiefer zwischen die uralten Bäume.
Kein Schild.
Keine Absperrung.
Nichts deutete darauf hin, dass hier jemals Menschen unterwegs gewesen waren.
Lena öffnete langsam die Tür.
Eine ungewohnte Stille lag über dem Wald.
Nicht einmal Vögel waren zu hören.
Sie blickte zu Max.
„Ich glaube, ab hier führt uns kein Navi mehr.“
Max nickte und sah auf den dunklen Waldweg.
„Nein“, sagte er leise.
„Ab hier führt uns etwas anderes.“
Hoch über ihnen erklang das raue Krächzen des Raben.
Es hallte zwischen den Bäumen wider, als würde der Wald selbst ihre Ankunft begrüßen.
