Kapitel 13 – Die Nacht, die niemals endete

Der Kristall zerbrach. Ein heller Blitz durchzuckte die unterirdische Halle. Lena schrie auf. Max taumelte zurück. Dann wurde alles schwarz. Keine Geräusche. Keine Kälte. Keine Angst. Nur Stille. Bis Lena plötzlich ihre eigene Stimme hörte.

„Max…“ Sie öffnete die Augen. Doch sie war nicht mehr in Caer. Sie stand in einem Wald. Der Himmel war dunkelrot. Zwölf Monolithen standen um sie herum. In der Mitte befand sich die silberne Eiche. Und vor ihr stand ein kleines Mädchen. Lena. Sechs Jahre alt. Das Mädchen hielt den silbernen Kristall in beiden Händen. „Nein“, flüsterte Lena. Dann sah sie Max. Auch er war wieder sechs Jahre alt. Er stand auf der anderen Seite des Steinkreises. Zwischen ihnen lag ein vierter Kristall. Schwarz. Doch in seinem Inneren bewegte sich etwas. Etwas Lebendiges. Lena spürte, wie ihr Herz raste. „Das ist keine Erinnerung.“ Max stand plötzlich neben ihr. „Doch.“ Seine Stimme zitterte. „Es ist unsere.“


Zwanzig Jahre zuvor

Der Wind peitschte über die Lichtung. Elias Dorn stand zwischen den Monolithen. Neben ihm befand sich Lenas Mutter. Sie hielt ihre Tochter an der Hand. Auf der anderen Seite stand der Mann, der später zum Hüter ohne Gesicht werden sollte. Damals hatte er noch ein Gesicht. Doch seine Augen waren voller Angst. „Wir müssen das Ritual abbrechen“, sagte Elias. „Es ist bereits zu spät“, antwortete der Mann. Lenas Mutter schüttelte den Kopf. „Die Kinder dürfen davon nichts erfahren.“ Elias sah zu Lena und Max. „Sie sind die Einzigen, die es schaffen können.“

„Oder die Einzigen, die es zerstören können.“ Dann begann die Erde zu beben. Die vier Schlüssel leuchteten auf. Silber. Blau. Rot. Schwarz. Die Kinder standen zwischen ihnen. Lena hielt den ersten Schlüssel. Max den zweiten. Der dritte lag vor Elias. Der vierte zwischen den Kindern. Dann geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte. Die vier Schlüssel reagierten nicht auf die Erwachsenen. Sie reagierten auf Lena und Max. Ein Lichtstrahl verband die beiden. Lena schrie. Max ebenfalls. Und tief unter dem Berg öffnete sich etwas. Etwas, das seit Jahrhunderten geschlafen hatte. Eine Stimme drang aus dem Boden. „Endlich.“ Der Mann trat zurück. „Nein.“ Die Stimme wurde lauter. „Die beiden sind zurück.“ Elias schrie: „Beendet das Ritual!“ Doch es war zu spät. Der vierte Schlüssel zerbrach. Eine Druckwelle raste über die Lichtung. Lena wurde durch die Luft geschleudert. Max stürzte zu Boden. Sein Herz blieb stehen.


Lena sah alles. Sie sah, wie Max regungslos im Gras lag. Sie sah seine Mutter schreien. Sie sah Elias auf die Knie fallen. Und sie sah sich selbst. Ein kleines Mädchen, das weinend zu Max lief. Sie kniete sich neben ihn. „Bitte.“ Sie nahm seine Hand. „Bitte wach auf.“ Nichts. Sie drückte den Kristall an seine Brust. „Du darfst nicht gehen.“ Der Kristall begann zu leuchten. Lena schrie: „Komm zurück!“ Ein Lichtblitz. Dann schlug Max‘ Herz wieder. Einmal. Zweimal. Dreimal. Doch gleichzeitig ging irgendwo unter dem Berg eine Tür auf.


Lena riss die Augen auf. Sie lag wieder in Caer. Max lag wenige Meter entfernt. Er atmete schwer. Sie kroch zu ihm. „Max.“ Er öffnete die Augen. Für einen Augenblick schimmerten sie silbern. Dann wurde der Blick wieder normal. „Ich erinnere mich.“ Lena setzte sich neben ihn. „Ich auch.“ Sie sahen sich an. Beide wussten jetzt, dass ihre Verbindung nicht erst vor wenigen Tagen begonnen hatte. Sie hatte vor zwanzig Jahren begonnen. Vielleicht sogar früher.


Elias stand am Rand der Halle. Er wirkte plötzlich alt. Erschöpft. Gebrochen. Lena stand auf. „Du hast uns angelogen.“ Elias senkte den Blick. „Ja.“ „Du hast unsere Erinnerungen gelöscht.“ „Ja.“ „Warum?“ Elias antwortete: „Weil ihr sonst gestorben wärt.“ Max trat vor. „Und was ist damals wirklich passiert?“ Elias sah ihn an. „Du bist gestorben.“ Max wurde blass. „Das weiß ich.“ „Nein.“ Elias schüttelte den Kopf. „Du weißt nur, dass dein Herz aufgehört hat zu schlagen.“ Er zeigte auf Max. „Was danach geschah, weißt du nicht.“ Max schwieg. Elias fuhr fort: „Als du gestorben bist, bist du nicht einfach zurückgekehrt.“ „Was dann?“ „Du hast etwas mitgebracht.“ Die Halle wurde still. Lena sah Max an. „Die Stimme.“ Elias nickte. „Ja.“ Max berührte seine Brust. „Was ist in mir?“ Elias antwortete nicht. Stattdessen sagte er: „Etwas, das älter ist als Caer.“


Plötzlich begann Max‘ Hand zu leuchten. Das Zeichen der silbernen Eiche erschien erneut. Lena trat näher. Das Zeichen bewegte sich. Von seiner Handfläche wanderte es langsam über seinen Arm. Bis zu seiner Brust. Max schrie auf. Er fiel auf die Knie. „Max!“ Lena wollte ihn berühren. Doch Elias rief: „Nicht!“ Zu spät. Lena legte ihre Hand auf seine Schulter. Ein gewaltiger Strom von Bildern schoss durch ihren Kopf. Sie sah Max als Kind. Sie sah den Krankenhausflur. Sie sah Elias. Sie sah ihre Mutter. Dann sah sie etwas anderes. Ein Mann stand am Ende des Flurs. Der Mann, der später zum Hüter ohne Gesicht werden sollte. Er blickte auf Max. Und sagte: „Wenn er zurückkehrt, wird er sich erinnern.“ Elias antwortete: „Das darf niemals geschehen.“ Der Mann lächelte. „Du kannst Erinnerungen löschen.“ Pause. „Aber du kannst keine Wahrheit töten.“


Lena riss ihre Hand zurück. Sie fiel auf die Knie. „Ich habe ihn gesehen.“Elias wurde bleich. „Wen?“ „Den Mann.“ „Was hat er gesagt?“ Lena sah Elias an. „Dass die Wahrheit nicht getötet werden kann.“ Elias schloss die Augen. „Dann beginnt es wieder.“


Die vier Schlüssel

Elias führte sie in einen Nebenraum. Dort befand sich eine Wand voller uralter Zeichen. Vier Symbole waren in den Stein gemeißelt. Lena trat näher. „Das sind die vier Schlüssel.“ Elias nickte. „Aber ihr habt sie falsch verstanden.“ Er deutete auf das erste Symbol. „Der erste Schlüssel ist das Herz.“ Dann auf das zweite. „Der zweite ist die Erinnerung.“ Das dritte. „Der dritte ist die Wahrheit.“ Und schließlich das vierte. Elias zögerte. „Der vierte ist die Entscheidung.“ Max fragte: „Was entscheidet er?“ Elias sah ihn an. „Wer von euch bereit ist, alles zu verlieren.“ Lena spürte einen kalten Schauer. „Alles?“ „Erinnerungen. Vergangenheit. Zukunft.“ Elias sah zwischen ihnen hin und her. „Vielleicht sogar den anderen.“ Max trat näher zu Lena. „Nein.“ Elias: „Du weißt nicht, was du sagst.“ Max: „Doch.“ Er nahm Lenas Hand. „Wenn wir schon einmal zusammen hier waren, werden wir es wieder schaffen.“ Elias sah ihn traurig an. „Genau das habt ihr vor zwanzig Jahren auch gesagt.“


Die Wahrheit über Lena

Lena bemerkte plötzlich eine kleine Inschrift unter den Symbolen. Sie strich den Staub weg. Drei Worte erschienen:

DAS HERZ ERINNERT.

Darunter:

DIE WAHRHEIT WARTET.

Und darunter:

DIE ENTSCHEIDUNG KOMMT.

Lena wurde blass. „Der dritte Schlüssel.“ Elias nickte. „Wir müssen ihn finden.“ „Wo?“ Elias antwortete: „Dort, wo Max seine Erinnerung verloren hat.“ Max sah ihn an. „Das Krankenhaus.“ „Ja.“ Lena verstand.„Dort ist der dritte Schlüssel.“ Elias nickte. „Oder zumindest der Weg zu ihm.“


Sie verließen die Kammer. Doch kurz bevor sie den Tunnel erreichten, blieb Lena stehen. An der Wand war plötzlich eine neue Inschrift erschienen. Sie war vorher nicht da gewesen. Max trat neben sie. Gemeinsam lasen sie:

DREI SCHLÜSSEL WERDEN EUCH DIE WAHRHEIT ZEIGEN.

DER VIERTE WIRD EUCH ZWINGEN, SIE ZU BEZAHLEN.

Darunter standen zwei Namen.

LENA

MAX

Dann erschien langsam ein dritter Name. Buchstabe für Buchstabe.

E L I A S D O R N

Lena sah ihn an. „Warum dein Name?“ Elias antwortete nicht. Max trat näher an die Wand. „Warte.“ Sein Gesicht veränderte sich. „Da ist noch etwas.“ Unter Elias‘ Namen erschien eine weitere Zeile. Max las sie laut:

DER, DER DIE TÜR ÖFFNETE.

Elias schloss die Augen.

„Ich wollte sie niemals öffnen.“ Lena drehte sich zu ihm. „Aber du hast es getan.“ Elias nickte. „Ja.“ „Und was hast du dort gesehen?“ Lange schwieg Elias. Dann sagte er: „Die Zukunft.“


Die Entscheidung

Der Rückweg durch den Tunnel war still. Zu still. Lena ging neben Max. Sie spürte seine Hand in ihrer. Doch diesmal war etwas anders. Max wirkte abwesend. „Was hast du gesehen?“, fragte Lena. Er blieb stehen. „Nichts.“ Lena sah ihn an. „Du lügst.“ Max senkte den Blick. „Ich habe Angst.“ „Wovor?“ Er sah sie an. „Vor dem, was ich über dich gesehen habe.“ Lena wurde blass. „Was hast du gesehen?“ Max schwieg. „Max.“ Er atmete tief ein. „Eine Zukunft.“ „Welche?“ „Du standest in Caer.“ „Und?“ „Du hattest alle vier Schlüssel.“ Lena schluckte. „Was ist passiert?“ Max sah sie lange an. „Ich war dort.“ „Bei dir?“ „Nein.“ Er schüttelte den Kopf. „Dir gegenüber.“ Lena spürte, wie ihr Herz schneller schlug. „Was bedeutet das?“ Max flüsterte: „Du hast mich getötet.“ Lena wich zurück. „Nein.“ „Ich weiß.“ „Ich würde dir niemals etwas antun.“ „Ich weiß.“ „Dann warum?“ Max‘ Augen füllten sich mit Tränen. „Weil du es in der Zukunft vielleicht tun musst.“


In diesem Moment begann Lenas Kristall erneut zu leuchten.

Sie blickte darauf. Eine Stimme ertönte. Ihre Stimme. Aber älter. Verzweifelt. Fast flüsternd. „Max hat die Wahrheit gesehen.“ Lena erstarrte. Die Stimme fuhr fort: „Jetzt wird er dich verraten.“ Max schüttelte den Kopf. „Nein.“ Die Stimme lachte. „Das hast du vor zwanzig Jahren auch gesagt.“ Der Kristall bekam einen Riss. Dann zerbrach er vollständig. Lena schrie. Ein silbernes Licht raste durch den Tunnel.Max wurde von den Füßen gerissen. Elias hielt sich an der Wand fest. Dann war alles wieder still. Lena sah zu Max. Er lag reglos auf dem Boden. „Max!“ Sie rannte zu ihm. Doch bevor sie ihn erreichen konnte, öffnete er die Augen. Sie waren silbern. Vollständig silbern. Er sah Lena an. Und sagte mit einer Stimme, die nicht ganz seine war: „Ich weiß jetzt, wo der dritte Schlüssel ist.“ Lena blieb stehen. „Wo?“ Max zeigte hinter sie. „Im Krankenhaus.“ Elias wurde blass. „Nein.“ Max stand langsam auf. „Und ich weiß jetzt auch, wer dort auf uns wartet.“ Lena sah ihn an. „Wer?“ Max antwortete nicht. Stattdessen blickte er in die Dunkelheit.Und irgendwo tief unter Caer begann eine Stimme zu lachen. Eine Stimme, die Max bereits kannte. Eine Stimme, die ihn seit seinem sechsten Lebensjahr begleitet hatte. Die Stimme des Mannes, der ihn damals zurückgeholt hatte. Und plötzlich verstand Lena: Der dritte Schlüssel war nicht einfach irgendwo im Krankenhaus versteckt. Er hatte auf Max gewartet.

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