Kapitel 16 – Die vier Schlüssel

Die Dunkelheit verschluckte Lena und Max. Für einen Augenblick gab es weder Raum noch Zeit. Lena spürte nur Max‘ Hand. Fest umklammert. Warm. Lebendig. Dann kam der Boden zurück. Sie stolperte nach vorne und fiel auf die Knie. Kalter Wind schlug ihr ins Gesicht. Sie hob den Kopf. Der Steinkreis. Caer. Doch diesmal war etwas anders. Die zwölf Monolithen leuchteten von innen heraus. Dünne silberne Linien zogen sich über den uralten Stein und verbanden die einzelnen Säulen miteinander. Über ihnen war kein normaler Nachthimmel. Die Sterne bewegten sich. Als würde der Himmel selbst atmen. Max stand neben ihr. Er sah sich um. „Wir sind wieder hier.“ Lena nickte. „Hier hat alles angefangen.“ Hinter ihnen erschien Elias. Dann Lenas Vater. Beide blieben am Rand des Steinkreises stehen. Keiner wagte es, die Grenze zu überschreiten. Elias blickte auf die Monolithen. „Wir haben nicht mehr viel Zeit.“ Lena sah ihn an. „Wie viel?“ Elias antwortete nicht. Da begann die Erde zu beben. Ein tiefer Ton drang aus dem Boden. Nicht laut. Aber so tief, dass Lena ihn in ihrer Brust spürte. Max griff nach ihrer Hand. „Er ist wach.“ Lena wusste sofort, wen er meinte. Den Erwachten.


In der Mitte des Steinkreises erschien plötzlich ein Riss. Silbernes Licht drang daraus hervor.

Dann ein zweiter. Ein dritter. Die zwölf Monolithen begannen gleichzeitig zu leuchten. Und aus der Erde erhoben sich vier Lichtkörper. Der erste war silbern. Der zweite blau. Der dritte golden. Der vierte schwarz. Lena hielt den Atem an. Die vier Schlüssel. Sie schwebten vor ihnen. Endlich vollständig. Max trat einen Schritt nach vorne. Der schwarze Schlüssel begann auf ihn zu reagieren.

„Nein“, sagte Elias. Max drehte sich um. „Was?“ „Du darfst ihn nicht berühren.“ „Warum?“ Elias sah zu Lenas Vater. „Weil wir damals genau diesen Fehler gemacht haben.“ Lenas Vater senkte den Blick. „Ich wollte nur meinen Sohn zurück.“ Max erstarrte. „Du hast mich benutzt.“ „Ja.“ Das Wort hing schwer in der Nacht. „Aber ich wusste nicht, was passieren würde.“ Max‘ Stimme wurde hart.

„Du hast mich sterben lassen.“ „Nein.“ Lenas Vater trat näher. „Ich habe versucht, dich zu retten.“ Max lachte bitter. „Und dafür hast du meine Erinnerungen zerstört.“ „Nicht ich.“ Lenas Vater sah zu Elias. „Er.“ Lena wandte sich Elias zu. „Du?“ Elias nickte. „Ich habe eure Erinnerungen verschlossen.“ „Warum?“ „Weil ihr euch sonst an die Wahrheit erinnert hättet.“ „Welche Wahrheit?“

Elias sah zu den vier Schlüsseln. „Dass ihr die vier Schlüssel nicht gefunden habt.“ Er machte eine Pause. „Ihr habt sie erschaffen.“


Lena spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. „Das ist unmöglich.“ „Nein.“ Elias zeigte auf Max. „Der zweite Schlüssel ist die Erinnerung.“ Dann auf Lena. „Der erste ist das Herz.“ Er zeigte auf den goldenen Schlüssel. „Der dritte ist die Wahrheit.“ Und schließlich auf den schwarzen. „Der vierte ist die Entscheidung.“ Lena schüttelte den Kopf. „Aber wer hat sie dann erschaffen?“ Elias antwortete: „Ihr.“ Stille. Der Wind verstummte. Selbst die Blätter der Bäume bewegten sich nicht mehr. Max sah Lena an. „Wir waren Kinder.“ „Eure Körper waren Kinder“, sagte Elias. „Aber eure Seelen waren älter.“ Lena spürte einen eisigen Schauer. „Was soll das heißen?“ Elias sah zum Himmel. „Vor Jahrhunderten gab es bereits einmal zwei Menschen, die die vier Schlüssel trugen.“ „Wer?“ Elias antwortete: „Ihr.“


Plötzlich begann der Steinkreis zu beben. Eine Stimme ertönte. Tief. Alt. Unmenschlich. „Genug.“ Der schwarze Schlüssel explodierte in Dunkelheit. Ein Sturm raste über die Lichtung. Lena wurde zurückgeschleudert. Max fing sie auf. Vor ihnen erhob sich der Erwachte. Diesmal war er größer als zuvor. Sein Körper bestand aus Schatten. Doch in seinem Gesicht erschienen immer wieder menschliche Züge. Lena sah ihre Mutter. Dann Elias. Dann ihren Vater. Dann Max. Und schließlich sich selbst. Die Kreatur sprach: „Ihr erinnert euch.“ Max trat vor. „Wer bist du?“ Die Kreatur lachte. „Ich bin das, was ihr vergessen habt.“ Max schüttelte den Kopf. „Das ergibt keinen Sinn.“ „Doch.“ Die Gestalt zeigte auf Lena. „Sie wollte dich retten.“ Dann auf Max. „Du wolltest sie schützen.“ Die Kreatur hob beide Hände. „Und gemeinsam habt ihr mich erschaffen.“ Lena spürte, wie ihr Herz raste. „Warum?“ Die Kreatur antwortete: „Weil ihr euch geweigert habt, euch zu trennen.“


Eine Erinnerung brach über Lena herein. Sie sah sich selbst vor Jahrhunderten. Nicht als Kind. Als junge Frau. Neben ihr stand Max. Sie hielten sich an den Händen. Vor ihnen lagen die vier Schlüssel. Und hinter ihnen stand der Erwachte. Doch er war damals nicht böse. Er war klein. Schwach. Fast menschlich. Lena hörte ihre eigene Stimme: „Wir können ihn nicht töten.“ Max antwortete: „Dann müssen wir ihn einschließen.“ Sie hatten die vier Schlüssel benutzt. Nicht um den Erwachten zu erschaffen. Sondern um ihn zu binden. Doch etwas war schiefgegangen. Die Macht der Schlüssel hatte einen Teil ihrer eigenen Erinnerungen in den Erwachten übertragen. Angst. Liebe. Schmerz. Schuld. Jahrhunderte lang hatte diese Kreatur all das getragen. Bis aus den Gefühlen ein Bewusstsein entstanden war. Ein Bewusstsein, das nur eines wollte: frei sein.

Lena öffnete die Augen. „Du bist nicht das Böse.“ Die Kreatur sah sie an. „Nein.“ „Du bist unsere Angst.“ „Ja.“ Max trat neben Lena. „Und unsere Schuld.“ Die Kreatur schwieg. Max sah Lena an. „Dann können wir das beenden.“


Der goldene Schlüssel schwebte vor Lena. Der blaue vor Max. Der silberne zwischen ihnen. Der schwarze über der Kreatur. Lena verstand. „Wir müssen sie wieder vereinen.“ Elias rief: „Nein!“ Lena sah ihn an. „Warum?“ „Weil ihr dafür bezahlen müsst.“ Max trat vor. „Wir wissen es.“ Elias schüttelte den Kopf. „Ihr versteht es nicht.“ Seine Stimme brach. „Der Preis ist nicht eine Erinnerung.“ Er sah Lena und Max an. „Der Preis ist eure Verbindung.“ Lena erstarrte. Max ebenfalls. Elias fuhr fort: „Wenn ihr die vier Schlüssel vereint, werdet ihr euch an alles erinnern.“ Pause. „Aber danach werdet ihr einander vergessen.“


Lena sah Max an. Alles wurde still. Sie dachte an ihre erste Begegnung. An die Bibliothek. Das alte Buch. Den Raben. Den Ritualplatz. Die Nächte voller Angst. Die Hände, die sich immer wieder gefunden hatten. Sie dachte an Max. An den Menschen, dem sie inzwischen vertraute. An den Menschen, den sie vielleicht schon vor Jahrhunderten geliebt hatte. „Dann gibt es keinen anderen Weg?“ Elias schüttelte den Kopf. „Nein.“ Max trat näher. „Doch.“ Alle sahen ihn an. Er ging zum schwarzen Schlüssel. „Es gibt immer eine Entscheidung.“ Der Schlüssel begann zu leuchten. Max streckte die Hand aus. Lena packte seinen Arm. „Nein.“ Er sah sie an. „Wenn wir es nicht tun, wird der Erwachte frei.“ „Dann finden wir einen anderen Weg.“ „Wir haben Jahrhunderte gesucht.“ „Aber wir waren damals nicht wir.“ Max lächelte traurig. „Vielleicht ist genau das der Unterschied.“ Lena sah ihn an. „Welcher?“ „Damals wollten wir gewinnen.“ Er nahm ihre Hand. „Heute wollen wir nur, dass niemand mehr dafür bezahlen muss.“


Gemeinsam traten sie in die Mitte des Kreises. Lena nahm den silbernen Schlüssel. Max den blauen. Der goldene schwebte zwischen ihnen. Der schwarze begann sich langsam abzusenken. Der Erwachte schrie. Nicht vor Wut. Vor Schmerz. „Nein!“ Lena sah ihn an. „Wir lassen dich frei.“ Die Kreatur erstarrte. „Was?“ „Du musst unsere Schuld nicht mehr tragen.“ Max fügte hinzu: „Du bist nicht unser Gefängnis.“ Die vier Schlüssel berührten sich. Ein Lichtstoß raste über Caer. Der Erwachte begann sich aufzulösen. Doch bevor er verschwand, nahm seine Gestalt noch einmal menschliche Form an. Ein Mann. Alt. Traurig. Mit müden Augen. Er sah Lena und Max an. Und lächelte. „Endlich.“ Dann verschwand er.


Das Licht wurde heller. Lena hörte Max‘ Stimme. Ganz nah. „Lena.“ Sie sah ihn an. Sein Gesicht war voller Tränen. „Ich habe Angst.“ „Ich auch.“ „Wenn ich dich vergesse…“ Lena legte ihre Stirn an seine. „Dann finden wir uns wieder.“ „Und wenn nicht?“ Sie lächelte unter Tränen. „Dann fangen wir wieder bei der Bibliothek an.“ Max lachte leise. Dann schloss sich das Licht um sie. Die Welt verschwand.


Lena sah Bilder. Jahrhunderte. Immer wieder sie. Immer wieder Max. Immer wieder derselbe Versuch. Immer wieder derselbe Verlust. Doch diesmal war etwas anders. Die Erinnerungen gingen nicht verloren. Sie wurden freigegeben. Alle. Die Wahrheit. Der Schmerz. Die Liebe. Die Schuld. Die Entscheidungen. Alles strömte durch sie hindurch. Und Lena verstand endlich: Sie und Max waren nie dazu bestimmt gewesen, die Vergangenheit zu wiederholen. Sie waren dazu bestimmt, sie zu beenden.


Ein letzter Lichtblitz. Dann Stille. Lena öffnete die Augen. Der Steinkreis war verschwunden. Die zwölf Monolithen standen noch. Doch die Zeichen waren erloschen. Der Himmel war wieder normal. Der Morgen begann. Max lag neben ihr. Lena richtete sich auf. „Max?“ Er öffnete die Augen. Er sah sie an. Lange. Dann lächelte er. „Ich kenne dich.“ Lena begann zu weinen. „Wirklich?“ Max setzte sich auf. „Ich glaube…“ Er legte seine Hand auf ihre. „Ich habe dich nie vergessen.“ Lena schloss die Augen. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie keinen Druck.

Keine Angst. Nur Frieden. Hinter ihnen standen Elias und Lenas Vater. Beide schwiegen. Lenas Vater trat langsam näher. „Es ist vorbei.“ Elias sah auf die erloschenen Monolithen. „Nein.“ Lena blickte ihn an. Elias lächelte schwach. „Diesmal hat es wirklich aufgehört.“ Da fiel etwas aus dem Himmel. Ein kleiner silberner Gegenstand landete im Gras. Lena hob ihn auf. Es war kein Schlüssel. Es war eine kleine silberne Eiche. Max sah sie an. „Was ist das?“ Lena betrachtete das Zeichen. Und irgendwo tief in ihrem Inneren hörte sie noch einmal die Stimme des Erwachten. Doch diesmal war sie ganz leise. Fast wie ein Flüstern im Wind.

„Manche Türen müssen geschlossen werden. Andere warten darauf, geöffnet zu werden.“

Lena sah Max an. Er nickte. Gemeinsam gingen sie den Weg zurück. Doch keiner von ihnen bemerkte, dass sich hinter dem letzten Monolithen für einen einzigen Augenblick ein Schatten bewegte. Ein Schatten mit einem menschlichen Gesicht.

Dann war er verschwunden.

Die vier Schlüssel waren vereint.

Caer war still.

Doch die Geschichte war noch nicht ganz zu Ende.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert