Das geheimnisvolle Buch 1

Kapitel 1 – Das geheimnisvolle Buch

Der Regen fiel in feinen, silbernen Fäden vom Himmel, als Patrick die schmale Kopfsteinpflasterstraße entlangging. Es war ein Donnerstagabend wie viele andere zuvor. Die Straßenlaternen spiegelten sich auf dem nassen Boden, und der Duft von frischem Kaffee zog aus dem kleinen Café an der Ecke herüber. Doch Patrick achtete kaum darauf. Seine Gedanken waren bereits bei dem Ort, den er jede Woche besuchte.

Der Buchladen.

Zwischen einer alten Schneiderei und einem Antiquitätengeschäft lag „Winter & Sohn“, ein kleiner Laden mit dunklen Holzregalen, knarrendem Boden und staubigen Fenstern. Für andere wirkte er unscheinbar. Für Patrick war er ein zweites Zuhause.

Als er die Tür öffnete, erklang das vertraute Läuten der kleinen Messingglocke.

„Du bist spät dran heute“, sagte eine warme Stimme hinter dem Tresen.

Herr Winter, der Besitzer, hob den Blick von seiner Zeitung. Sein grauer Bart war ordentlich gestutzt, und seine runden Brillengläser spiegelten das Licht der alten Lampen wider.

Patrick lächelte leicht.
„Die Arbeit.“

„Die Arbeit wird dich noch eines Tages umbringen.“

„Und Bücher retten mich wieder.“

Herr Winter lachte leise.
„Dann bist du hier genau richtig.“

Patrick zog seinen Mantel aus und begann wie immer langsam durch die Regale zu wandern. Er liebte diesen Laden nicht nur wegen der Bücher, sondern wegen der Ruhe. Hier schien die Zeit langsamer zu vergehen.

Seine Finger glitten über Buchrücken voller Geschichten, Geheimnisse und vergessener Leben.

Doch an diesem Abend war etwas anders.

Ganz hinten im Laden, dort wo normalerweise nur alte Lexika und beschädigte Ausgaben standen, bemerkte Patrick ein einzelnes Buch auf einem kleinen Tisch. Er war sich sicher, dass es gestern noch nicht dort gelegen hatte.

Das Buch war in dunkelblaues Leder gebunden, fast schwarz im schwachen Licht. Keine Schrift auf dem Einband. Kein Titel.

Neugierig trat Patrick näher.

„Interessierst du dich dafür?“

Patrick drehte sich um. Herr Winter stand plötzlich hinter ihm. Seltsam war nur, dass Patrick seine Schritte nicht gehört hatte.

„Woher kommt dieses Buch?“

Der alte Mann schwieg einen Moment.
„Ich weiß es nicht.“

„Du weißt es nicht? Du weißt sonst von jedem Buch hier die Geschichte.“

Herr Winter betrachtete das Buch mit einem merkwürdigen Ausdruck.
„Dieses hier wurde heute Morgen vor der Tür abgelegt. Ohne Namen. Ohne Nachricht.“

Patrick hob es vorsichtig an. Das Leder fühlte sich ungewöhnlich warm an.

„Darf ich?“

Herr Winter nickte langsam.
„Wenn das Buch von dir gefunden werden wollte.“

Patrick runzelte die Stirn.
„Das klingt unheimlich.“

„Vielleicht ist es das.“

Er öffnete die erste Seite.

Keine Worte.

Nur ein einzelner Satz, geschrieben in feiner schwarzer Tinte:

„Die Geschichte beginnt mit der Frau am Fenster.“

Patrick blätterte weiter.

Leere Seiten.

Alle leer.

„Komisch …“

In diesem Moment zog ein kalter Luftzug durch den Laden. Die Lampen flackerten kurz.

Und dann sah Patrick sie.

Draußen, auf der anderen Straßenseite, stand eine junge Frau unter einer Straßenlaterne. Sie trug einen dunklen Mantel und hielt einen roten Regenschirm in der Hand. Ihr Gesicht war halb im Schatten verborgen, doch ihre Augen blickten direkt zu ihm herüber.


Patrick spürte plötzlich ein seltsames Ziehen in der Brust.

Als würde er sie kennen.

Obwohl er sie noch nie zuvor gesehen hatte.

Für einen kurzen Augenblick lächelte die Frau.

Dann fuhr ein Bus vorbei.

Und als die Sicht wieder frei war, war sie verschwunden.

Patrick trat näher ans Fenster.
„Wer war das?“

Doch Herr Winter antwortete nicht sofort.

Als Patrick sich umdrehte, stand der alte Buchhändler regungslos da und sah ihn mit ernster Miene an.

„Patrick“, sagte er leise.
„Manche Bücher erzählen keine Geschichten.“

Er deutete auf das geheimnisvolle Buch in Patricks Händen.

„Manche Bücher beginnen sie.“


Kapitel 2 – Die leeren Seiten

Patrick konnte in dieser Nacht kaum schlafen.

Immer wieder sah er die Frau vor sich. Den roten Regenschirm. Die dunklen Augen, die ihn angesehen hatten, als hätten sie ihn schon lange gekannt. Und dieses kurze Lächeln, das sofort wieder im Regen verschwunden war.

Er hatte versucht, sich einzureden, dass es Zufall gewesen war. Eine Fremde auf der Straße. Nichts weiter.

Doch tief in ihm wusste er, dass etwas nicht stimmte.

Vor allem wegen des Buches.

Das dunkelblaue Lederbuch lag die ganze Nacht auf seinem Küchentisch. Patrick hatte mehrmals versucht, darin weiterzulesen. Doch jedes Mal waren die Seiten leer geblieben.

Bis auf den ersten Satz.

„Die Geschichte beginnt mit der Frau am Fenster.“

Nicht ein weiteres Wort war erschienen.

Am nächsten Morgen stand Patrick früher auf als gewöhnlich. Der Himmel war grau, und feiner Nebel hing zwischen den Häusern. Ohne Frühstück zog er seinen Mantel an, nahm das Buch unter den Arm und machte sich auf den Weg zu „Winter & Sohn“.

Die Glocke über der Tür klingelte, als er eintrat.

Der Laden war noch leer. Der Duft von altem Papier und Holz lag in der Luft. Herr Winter stand hinter dem Tresen und sortierte einige Bücherstapel.

„Du siehst aus, als hättest du Geister gesehen“, sagte der alte Mann ohne aufzusehen.

Patrick legte das Buch auf den Tresen.
„Die Seiten sind leer.“

Herr Winter nickte langsam, als hätte er genau das erwartet.
„Und trotzdem bist du zurückgekommen.“

„Wer war diese Frau gestern Abend?“

„Ich dachte, du würdest nach dem Buch fragen.“

„Ich frage nach beidem.“

Herr Winter schwieg einen Moment. Dann nahm er seine Brille ab und sah Patrick ernst an.

„Manche Geschichten zeigen dir nur das, was du sehen sollst.“

„Das beantwortet meine Frage nicht.“

„Nein“, sagte Herr Winter ruhig. „Aber vielleicht beantwortet das Buch sie.“

Patrick öffnete das Lederbuch erneut. Wieder leere Seiten.

Frustriert blätterte er weiter.

Nichts.

Dann blieb sein Blick plötzlich hängen.

Mitten auf einer zuvor leeren Seite erschienen langsam Worte. Als würden sie direkt in das Papier geschrieben werden.

Patrick erstarrte.

Die schwarze Tinte bewegte sich Zeile für Zeile über das Papier.

„Patrick suchte sie am nächsten Morgen zwischen den Straßen der Stadt.“

Er schluckte.

Weitere Worte erschienen.

„Doch die Frau mit dem roten Regenschirm war verschwunden.“

Patrick hob den Blick.
„Das ist unmöglich.“

Herr Winter sagte nichts.

Die Schrift schrieb weiter.

„Er wusste noch nicht, dass manche Menschen nicht zufällig in unser Leben treten.“

Plötzlich fiel draußen ein lautes Donnern vom Himmel. Die Lampen im Laden flackerten erneut.

Und mitten zwischen den Regalen hörte Patrick ein Geräusch.

Leise Schritte.

Er drehte sich um.

Niemand.

Doch auf einem kleinen Tisch am Ende des Ganges lag etwas, das vorher nicht dort gewesen war.

Ein roter Regenschirm.

Noch nass vom Regen.

Kapitel 3

Patrick und Herr Winter sehen sich im Buchladen um.
Zwischen den hohen Regalen herrschte ein unheimliches Schweigen.

Nur das Knistern des Regens gegen die Fensterscheiben war zu hören. Hin und wieder rollte ein ferner Donner über die Stadt, als wollte der Himmel selbst warnen.

Patrick hielt das Lederbuch fest in der Hand. Es war, als würde es auf etwas warten.

„Glauben Sie, sie hat etwas mit dem Buch zu tun?“, flüsterte Patrick.

Herr Winter antwortete nicht sofort. Seine Augen waren nachdenklich. „Manche Menschen treten in unser Leben, weil eine Geschichte sie ruft.“

In diesem Moment peitschte der Regen gegen die Fenster. Das Gewitter tobte nun mit voller Kraft.

Die Frau mit den hellen, langen Haaren. Sie stand auf der anderen Straßenseite, unter dem roten Regenschirm.

Ihre Augen trafen das Fenster. Und vielleicht … vielleicht sah sie Patrick.

Doch im Nächsten Moment senkte sie den Blick, und der Regen verschlang sie.

Patrick spürte ein Ziehen in der Brust.

Etwas Unerklärliches hatte begonnen.


Kapitel 4 – Stimmen im Regen

Patrick verließ den Buchladen früher als sonst.

Er sagte nichts. Herr Winter ebenfalls nicht.

Zwischen den hohen Regalen hatte plötzlich eine seltsame Stille geherrscht. Eine Stille, die schwer auf seinen Gedanken lag. Und dieses Gefühl wurde stärker, je länger er an die Frau dachte.

An ihre hellen, langen Haare.

An den roten Regenschirm.

An diesen kurzen Blick zum Fenster.

Als hätte sie gewusst, dass er dort stand.

Patrick zog den Kragen seines Mantels hoch und klemmte das dunkelblaue Lederbuch fest unter den Arm. Draußen hatte der Regen inzwischen an Stärke gewonnen. Schwere Tropfen peitschten gegen Schaufenster und Hausfassaden. Der Wind jagte durch die Straßen und riss kleine Wasserströme über das Pflaster.

Ein fernes Donnergrollen zog über die Dächer.

Dann noch eines.

Der Himmel schien unruhig geworden zu sein.

Patrick ging schneller.

Vorbei an geschlossenen Geschäften. Vorbei an flackernden Straßenlaternen. Vorbei an Menschen, die ihre Köpfe gesenkt hielten und so schnell wie möglich nach Hause wollten.

Doch seine Gedanken waren längst woanders.

Bei ihr.

Wer war sie?

Die Frage tauchte immer wieder in seinem Kopf auf.

Wer war sie?

Er hatte sie nur wenige Augenblicke gesehen. Eigentlich viel zu kurz.

Und trotzdem fühlte es sich seltsam vertraut an.

Fast so, als würde er sich an etwas erinnern, das nie passiert war.

Ein Blitz zuckte am Himmel.

Für den Bruchteil einer Sekunde wurde die Straße taghell.

Und Patrick blieb abrupt stehen.

Auf der anderen Straßenseite — zwischen Regen und Schatten — glaubte er eine Gestalt zu erkennen.

Eine Frau.

Dunkler Mantel.

Lange, helle Haare.

Sein Herz schlug schneller.

Er trat einen Schritt auf die Straße.

Ein Auto fuhr vorbei und spritzte Wasser auf.

Patrick hob den Arm, blinzelte.

Die Stelle war leer.

Niemand stand dort.

Nur Regen.

Nichts als Regen.

„Du bildest dir das ein“, murmelte er leise.

Doch seine Stimme klang nicht überzeugt.

Wenige Minuten später erreichte er seine Wohnung. Er schloss die Tür hinter sich, lehnte sich dagegen und atmete tief durch.

Stille.

Endlich.

Er legte seinen nassen Mantel ab und sah auf das Lederbuch.

Noch immer fühlte es sich merkwürdig warm an.

Langsam setzte er sich an den Küchentisch.

Draußen trommelte der Regen gegen die Fensterscheiben.

Patrick öffnete das Buch.

Die Seiten waren leer.

Wieder.

Er wollte es gerade enttäuscht schließen —

da erschien plötzlich ein neuer Satz.

Langsam.

Wort für Wort.

Schwarze Tinte breitete sich über das Papier aus.

„In dieser Nacht begann Patrick zu begreifen, dass nicht er die Geschichte las.“

Die Schrift hielt an.

Für einen Moment geschah nichts.

Dann erschien die nächste Zeile.

„Die Geschichte las ihn.“

Im selben Augenblick erlosch in der Wohnung das Licht.

Und im dunklen Fenster hinter ihm spiegelte sich plötzlich eine zweite Gestalt.

Eine Frau.

Reglos.

Direkt hinter Patrick.

Kapitel 5


Kapitel 6 – Das Rätsel unter den Bäumen

Patrick saß regungslos auf der alten Parkbank.

Die Morgensonne fiel durch die Baumkronen und zeichnete helle Flecken auf den Weg vor ihm. Um ihn herum begann der Tag ganz gewöhnlich. Menschen gingen spazieren, irgendwo bellte ein Hund, und in der Ferne lachte ein Kind.

Doch für Patrick fühlte sich nichts mehr gewöhnlich an.

Sein Blick ruhte auf dem geöffneten Lederbuch in seinen Händen.

Leere Seiten.

Und trotzdem starrte er hinein, als würde er erwarten, dass jeden Moment etwas geschah.

Er dachte an die Nacht.

An die Gestalt im Fenster.

An den Buchladen.

Und an sie.

Die Frau mit den langen, hellen Haaren.

Wer bist du?

Plötzlich hörte er langsame Schritte auf dem Kiesweg.

Patrick blickte auf.

Ein alter Mann näherte sich der Bank. Er trug einen langen grauen Mantel, einen dunklen Hut und hatte freundliche Augen. Sein Gesicht war von tiefen Falten durchzogen, doch sein Lächeln wirkte seltsam vertraut.

Er blieb stehen.

„Entschuldigen Sie“, sagte er freundlich. „Darf ich mich setzen?“

Patrick wollte gerade antworten.

Doch im selben Augenblick geschah es.

Direkt vor seinen Augen erschienen schwarze Linien auf dem Papier.

Worte.

Zeile für Zeile.

Langsam breitete sich die Tinte aus.

Patrick erstarrte.

Der alte Mann bemerkte seinen Blick und setzte sich schweigend neben ihn.

Die Schrift schrieb weiter:

„Wer den Regen sucht, findet keine Antwort.

Wer den Schatten folgt, sieht keine Wahrheit.

Doch wer in Augen blickt, die ihn längst kennen,

wird finden, was niemals verloren war.“

Patrick las die Zeilen zweimal.

Dann ein drittes Mal.

„Was soll das bedeuten?“, flüsterte er.

Neben ihm lächelte der alte Mann.

„Ein Rätsel.“

Patrick sah ihn überrascht an.

„Sie… haben das gelesen?“

Der Mann blickte nach oben in die stillen Baumkronen.

„Manche Worte erscheinen nicht zufällig.“

Ein leises Rauschen ging durch die Blätter.

Wieder.

Obwohl kein Wind wehte.

Patrick spürte eine Gänsehaut.

Der alte Mann schwieg einen Moment. Dann sah er geradeaus, als würde er in Erinnerungen blicken.

„Vor vielen Jahren“, begann er ruhig, „erzählte man sich hier eine seltsame Geschichte.“

Patrick hörte sofort zu.

„Es ging um eine junge Frau.“

Er machte eine kleine Pause.

„Sie hatte lange, helle Haare.“

Patricks Herz schlug schneller.

„Die Menschen sagten, sie tauche immer dann auf, wenn Regen und Gewitter die Stadt erreichten.“

Er schluckte.

Der alte Mann sprach weiter.

„Manche begegneten ihr nur für Sekunden. Andere sahen sie mehrfach.“

Patrick umklammerte das Buch fester.

„Und diejenigen, die ihr begegneten“, sagte der Mann leise, „vergaßen sie nie wieder.“

Stille.

Patrick sah ihn an.

Langsam.

Unsicher.

„Wie… sah sie aus?“

Der alte Mann drehte den Kopf und lächelte.

„Dunkler Mantel.“

Patrick hielt den Atem an.

„Lange, helle Haare.“

Seine Finger wurden kalt.

„Und oft trug sie…“

Der alte Mann sah zu ihm.

„…einen roten Regenschirm.“

Patrick wurde blass.

Es war dieselbe Frau.

Genau dieselbe.

Er sprang auf.

„Wer ist sie?“

Doch in diesem Moment zog eine Wolke vor die Sonne.

Der Park wurde dunkler.

Und als Patrick sich wieder zur Bank umdrehte —

war der alte Mann verschwunden.

Einfach verschwunden.

Nur das Lederbuch lag noch aufgeschlagen da.

Und auf der letzten Seite erschien langsam ein neuer Satz:

„Manche Geschichten beginnen nicht beim ersten Treffen.“

„Manche begannen schon vor langer Zeit.“


Kapitel 7 – Der Satz, der nicht da sein sollte

Patrick stand noch immer im Park.

Die Morgensonne schien unverändert durch die Bäume, Menschen gingen vorbei, irgendwo zwitscherten Vögel — und doch fühlte sich plötzlich alles fremd an.

Der alte Mann war verschwunden.

Nicht langsam gegangen.

Nicht zwischen den Wegen verschwunden.

Einfach fort.

Als hätte er nie dort gesessen.

Patrick sah sich hektisch um. Die Kieswege waren leer. Keine Spur von ihm.

Nur das Lederbuch lag auf der Bank.

Aufgeschlagen.

Und die Worte auf den Seiten standen noch immer dort:

„Manche Geschichten beginnen nicht beim ersten Treffen.“

„Manche begannen schon vor langer Zeit.“

Patrick schlug das Buch zu.

Zu viele Fragen.

Viel zu viele.

Er griff danach und machte sich sofort auf den Weg.

Es gab nur einen Menschen, der vielleicht Antworten hatte.

Herr Winter.

Der Himmel hatte sich inzwischen zugezogen. Die Sonne verschwand hinter grauen Wolken, und je näher Patrick dem Buchladen kam, desto schwerer wurde die Luft.

Als er „Winter & Sohn“ erreichte, läutete die kleine Glocke über der Tür.

Herr Winter hob sofort den Blick.

Und noch bevor Patrick etwas sagen konnte, musterte der alte Buchhändler ihn aufmerksam.

„Du siehst aus, als hättest du etwas gesehen, das nicht gesehen werden sollte.“

Patrick blieb stehen.

„Woher wissen Sie das?“

Herr Winter antwortete nicht.

Patrick legte das Lederbuch auf den Tresen.

„Im Park saß ein alter Mann neben mir.“

Keine Reaktion.

„Er erzählte mir von einer Frau.“

Herr Winter wurde still.

Patrick sprach weiter:

„Lange helle Haare. Dunkler Mantel. Roter Regenschirm.“

Jetzt hob Herr Winter langsam den Blick.

Zum ersten Mal wirkte selbst er beunruhigt.

„Und dann war er plötzlich verschwunden.“

Stille.

Draußen begann es wieder leicht zu regnen.

Ein fernes Grollen zog über die Stadt.

Patrick trat näher.

„Wer ist sie?“

Keine Antwort.

„Und dieses Rätsel…“

Er schlug das Buch auf.

„Wer den Regen sucht, findet keine Antwort. Wer den Schatten folgt, sieht keine Wahrheit… Was bedeutet das alles?“

Herr Winter sah auf die Seiten.

Dann auf Patrick.

Langsam nahm er seine Brille ab.

„Vor langer Zeit“, sagte er leise, „gab es Geschichten über Menschen, die auf seltsame Weise miteinander verbunden waren.“

Patrick schwieg.

„Menschen, die sich begegneten… obwohl ihre Geschichte viel früher begonnen hatte.“

„Früher?“

Herr Winter nickte.

„Manche glaubten, Erinnerungen könnten verloren gehen.“

Eine Pause.

„Andere glaubten… sie warten nur darauf, wiedergefunden zu werden.“

Ein Blitz erhellte kurz den Laden.

Die Lampen flackerten.

Patrick spürte wieder dieses Ziehen in der Brust.

„Sie wissen mehr.“

Herr Winter sah ihn nur an.

„Ja.“

„Dann sagen Sie es mir.“

Doch der alte Mann schwieg. Minuten vergingen.

Nur der Regen prasselte gegen die Fensterscheiben.

Patrick atmete schwer aus.

„Gut“, sagte er schließlich. „Wenn Sie nichts sagen wollen…“

Er nahm das Lederbuch.

„…dann finde ich es selbst heraus.“

Er drehte sich zur Tür.

Ein Schritt.

Noch einer.

Doch plötzlich wurde das Buch warm.

Sehr warm.

Patrick blieb stehen.

Langsam öffnete er es.

Neue schwarze Tinte erschien.

Nicht langsam wie sonst.

Schneller.

Unruhiger.

Zeile für Zeile.

Dann hielt sie an.

Patrick las:

„Die Frau sucht ihn nicht mehr.“

„Denn heute Nacht wird er sie finden.“

Stille.

Und darunter erschien noch eine letzte Zeile.

Dunkler.

Fast so, als hätte jemand die Worte in das Papier gedrückt:

„Dort, wo die Geschichte einst endete.“

Herr Winter wurde blass.

Und flüsterte kaum hörbar:

„Nein…“


Kapitel 8 – Der Ort, an dem alles endete

Das Wort hallte noch in Patricks Gedanken nach.

„Dort, wo die Geschichte einst endete.“

Herr Winter stand regungslos hinter dem Tresen. Sein Gesicht war bleich geworden, und zum ersten Mal wirkte der alte Buchhändler nicht geheimnisvoll.

Sondern verängstigt. Patrick sah ihn an.

„Was bedeutet das?“ Keine Antwort.

„Herr Winter.“ Stille.

Dann griff der alte Mann langsam nach dem Rand des Tresens und atmete tief ein. „Es gibt Orte“, sagte er leise, „die Erinnerungen festhalten.“

Patrick runzelte die Stirn. „Erinnerungen?“

„Nicht deine gewöhnlichen Erinnerungen.“

Draußen peitschte der Regen stärker gegen die Fensterscheiben. Wieder grollte Donner über der Stadt. Herr Winter sah aus dem Fenster.

„Manche Orte vergessen nie.“

Patrick spürte Unruhe in sich aufsteigen.

„Welcher Ort?“

Herr Winter schwieg lange.

Zu lange.

Dann flüsterte er:

„Der alte Bahnhof.“

Patrick blickte ihn verwirrt an.

„Der Bahnhof draußen am Stadtrand? Der seit Jahren geschlossen ist?“

Herr Winter nickte langsam.

Patrick erinnerte sich.

Der alte Bahnhof war verlassen. Zerbrochene Fenster, rostige Gleise, überwucherte Wege. Früher war dort Leben gewesen.

Heute mied ihn fast jeder.

Und plötzlich erinnerte Patrick sich an etwas.

Als Kind hatte er Geschichten darüber gehört.

Von Lichtern in den Fenstern.

Von Schritten in leeren Hallen.

Von Menschen, die glaubten, dort Stimmen gehört zu haben.

Er schluckte.

„Warum dort?“

Herr Winter antwortete nicht sofort.

Dann sah er Patrick an.

„Weil dort vor vielen Jahren etwas geschah.“

Ein Blitz erhellte den Laden.

Für einen Augenblick wirkte Herr Winters Gesicht alt. Sehr alt.

„Etwas, das nie beendet wurde.“

Patrick spürte wieder dieses seltsame Ziehen in der Brust.

Wie bei ihrem ersten Blick.

Wie im Park.

Wie jedes Mal.

Er nahm das Lederbuch erneut in die Hand.

Warm.

Fast lebendig.

Langsam öffnete er es.

Die Seiten waren leer.

Dann erschien Tinte.

Langsam.

Ungewöhnlich langsam.

Nur ein Satz:

„Manche Herzen erinnern sich früher als der Verstand.“

Patrick starrte auf die Worte.

Und plötzlich sah er Bilder. Nur für einen Augenblick.

Regen.

Ein Bahnsteig. Nasses Pflaster.

Eine Frau mit langen hellen Haaren.

Ein roter Regenschirm.

Und ihre Augen.

Dieselben Augen.

Sie lächelte.

Traurig.

Dann war alles verschwunden.

Patrick keuchte auf und griff an den Tresen.

„Was war das?“

Herr Winter sah ihn erschrocken an.

„Was hast du gesehen?“

Patrick antwortete nicht.

Denn in diesem Moment begann die Glocke über der Ladentür zu klingeln.

Einmal.

Dann noch einmal.

Obwohl niemand den Laden betreten hatte.

Langsam drehte sich Patrick um.

Die Tür stand offen.

Draußen fiel dichter Regen.

Und auf der anderen Straßenseite — unter einer flackernden Straßenlaterne —

stand sie.

Die Frau.

Lange helle Haare.

Dunkler Mantel.

Roter Regenschirm.

Und diesmal verschwand sie nicht.

Sie sah direkt zu ihm.

Dann hob sie langsam ihre Hand.

Und deutete in eine Richtung.

Zum Stadtrand.

Zum alten Bahnhof.


Kapitel 9 – Der Bahnhof der Erinnerungen

Patrick blieb im Eingang des Buchladens stehen.

Der Regen fiel unaufhörlich vom Himmel. Schwere Tropfen schlugen gegen das Pflaster, liefen in kleinen Strömen die Straßen hinab und ließen die Lichter der Stadt verschwimmen.

Noch immer sah er die Stelle vor sich.

Die Frau. Der rote Regenschirm. Und ihre ausgestreckte Hand.

Sie hatte ihm den Weg gezeigt. Zum alten Bahnhof.

Patrick schloss kurz die Augen.

Das ist verrückt.

Der Bahnhof war seit Jahren verlassen. Eine Ruine. Ein Ort voller Staub, Rost und alter Geschichten.

Und doch…

Dieses Ziehen in seiner Brust war wieder da. Stärker als zuvor. Als würde etwas ihn dorthin rufen.

Hinter ihm sagte Herr Winter leise:

„Nicht jeder Ort möchte erinnert werden.“

Patrick drehte sich nicht um. Dann trat er hinaus in den Regen.


Der Weg zum Stadtrand schien heute länger zu sein als sonst.

Der Wind wurde stärker. Regen peitschte durch die dunklen Straßen. Immer wieder erhellten Blitze den Himmel für wenige Sekunden.

Schließlich tauchte er vor ihm auf.

Der alte Bahnhof. Verlassen. Dunkel.

Die Fenster waren zerbrochen. Rost hatte sich durch die Schienen gefressen. Alte Lampen hingen schief von den Wänden. Unkraut wuchs zwischen den Gleisen und überwucherte die Wege.

Früher war dort Leben gewesen.

Lachende Menschen. Abschiede. Wiedersehen.

Heute war nur noch Stille geblieben.

Patrick blieb vor dem Eingang stehen.

Ein Donnerschlag ließ die Fensterscheiben zittern.

Dann ging er hinein.

Die schwere Tür bewegte sich knarrend.

Im Inneren war die Luft kalt.

Zu kalt.

Wassertropfen fielen von der Decke auf den Boden. Wind strich durch die verlassenen Hallen und bewegte lose Papierfetzen über die alten Fliesen.

Patrick sah sich um.

Niemand.

Keine Schritte.

Keine Stimme.

Keine Frau.

Er ging langsam weiter.

Vorbei an alten Fahrplänen.

Vorbei an verrosteten Sitzbänken.

Vorbei an einer Uhr, deren Zeiger seit Jahren stillstanden.

22:17 Uhr.

Plötzlich blieb Patrick stehen. Er hatte etwas gehört.

Ein Geräusch. Ganz leise. Als würde irgendwo entfernt eine Durchsage erklingen.

Verzerrt.

Kaum hörbar.

Dann Stille.

Patrick drehte sich langsam um.

Nichts. Nur Schatten.

Und dann spürte er es. Unter seinem Arm.

Das Lederbuch. Es vibrierte.

Zuerst nur leicht.

Dann stärker.

Immer stärker.

Patrick nahm es langsam in die Hände.

Das dunkelblaue Leder fühlte sich warm an.

Fast lebendig.

Er öffnete es.

Die Seiten flatterten von allein.

Schneller. Schneller.

Bis sie plötzlich stoppten. Mitten im Buch.

Neue schwarze Tinte erschien.

Nicht Zeile für Zeile. Sondern auf einmal.

Als hätte es die Worte eilig.

„Sie wartet dort,

wo Regen niemals aufhört.

Wo ein Versprechen nie gehalten wurde.

Wo zwei Wege einst getrennt wurden.“

Patrick starrte auf die Schrift. Dann hörte er plötzlich Schritte.

Nicht vor sich. Nicht hinter sich.

Über sich. Langsam hob er den Blick.

Oben. Auf dem alten Bahnsteig.

Zwischen Dunkelheit und Regen stand eine Gestalt.

Lange helle Haare.

Reglos.

Und in ihrer Hand — ein roter Regenschirm.

Kapitel 10

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