Das geheimnisvolle Buch 2

Kapitel 11 – Der Waggon im Regen

Patrick stand wie erstarrt auf dem Bahnsteig.

Um ihn herum tobte ein Bahnhof, der nicht existieren durfte.

Menschen liefen an ihm vorbei. Herren in dunklen Mänteln und Hüten. Frauen in langen Kleidern. Kofferträger riefen durcheinander, Kinder lachten, irgendwo pfiff ein Schaffner.

Dampf zog in dichten Wolken über die Gleise.

Und mitten darin stand Patrick.

Nass vom Regen.

Mit dem Lederbuch in den Händen.

Er konnte es noch immer nicht begreifen.

Vor wenigen Minuten war dies eine verlassene Ruine gewesen.

Und jetzt…

Leben.

Überall Leben.

Langsam ging Patrick den Bahnsteig entlang.

Sein Blick wanderte über die Menschenmengen.

Über Gesichter.

Fenster.

Waggons.

Immer wieder glaubte er, zwischen den Menschen lange helle Haare zu sehen.

Doch jedes Mal war sie verschwunden.

Dann blieb er plötzlich stehen.

Sein Herz setzte einen Schlag aus.

Dort.

Am dritten Waggon.

Ein Fenster stand offen.

Und aus dem Fenster lehnte sich eine Frau.

Lange helle Haare.

Dunkler Mantel.

Ihre Augen blickten direkt zu ihm.

Sie.

Es war sie.

Die geheimnisvolle Frau.

Für einen Moment schien alles um ihn herum still zu werden.

Kein Regen.

Keine Stimmen.

Keine Schritte.

Nur sie.

Und dieses Lächeln.

Ganz vorsichtig hob sie ihre Hand.

Und winkte ihm zu.

Patrick machte einen langsamen Schritt nach vorn.

Dann noch einen.

Die Frau sagte kein Wort.

Sie sah ihn nur an.

Und deutete dann langsam zur Tür des Waggons.

Komm.

Steig ein.

Patrick spürte, wie sein Herz schneller schlug.

Er wusste nicht warum.

Aber plötzlich hatte er das Gefühl, dass er diesen Moment bereits erlebt hatte.

Nicht hier.

Nicht heute.

Irgendwann.

Irgendwo.

Ein Blitz zuckte über den Himmel.

Und plötzlich vibrierte etwas in seiner Hand.

Das Lederbuch.

Wieder.

Stärker als jemals zuvor.

Fast panisch.

Patrick öffnete es sofort.

Die Seiten schlugen von selbst um.

Schneller.

Immer schneller.

Bis sie abrupt stoppten.

Neue Tinte erschien.

Unruhig.

Als würden die Worte unter Zeitdruck geschrieben.

„Wenn der Zug erneut abfährt,

kehrt zurück, was verloren war.“

Noch eine Zeile erschien.

Dann noch eine.

„Doch manche Türen öffnen nicht nur Wege.

Manche schließen sie für immer.“

Patrick wurde kalt.

Der Regen prasselte lauter gegen das Dach des Bahnsteigs.

Und als er langsam aufsah —

war die Frau noch immer dort.

Sie lächelte.

Aber diesmal lag etwas in ihrem Blick.

Etwas Trauriges.

Als würde sie wissen, was gleich geschehen würde.

Dann ertönte plötzlich ein lautes Pfeifen.

Die Dampflok stieß weißen Dampf aus.

Und der Zug begann sich langsam zu bewegen.


Kapitel 12 – Der Mann, der schon alles wusste

Das laute Pfeifen der Dampflok hallte noch in Patricks Ohren.

Der Regen.

Der Dampf.

Die Menschen.

Die Frau am Fenster.

Alles war noch vor wenigen Sekunden so echt gewesen.

Viel zu echt.

Patrick lief los.

Er rannte am Waggon entlang, vorbei an verschwommenen Gestalten, vorbei an Lichtern und Stimmen.

„Warte!“

Seine Stimme ging im Donner unter.

Noch ein Schritt.

Noch einer.

Dann—

Stille.

Absolute Stille.

Patrick blieb abrupt stehen.

Sein Herz raste.

Langsam hob er den Blick.

Der Bahnsteig war leer.

Vollkommen leer.

Kein Zug.

Keine Menschen.

Keine Stimmen.

Kein Dampf.

Nichts.

Nur Wind.

Nur Regen.

Die alten, zerbrochenen Lampen hingen wieder schief von der Decke. Rostige Schienen verschwanden in Dunkelheit. Das Unkraut wuchs zwischen den Gleisen.

Der Bahnhof war wieder eine Ruine.

Als wäre nie etwas geschehen.

Patrick drehte sich langsam im Kreis.

Ungläubig.

Verstört.

„Nein…“

Er ging einige Schritte.

Dann schneller.

Er suchte die Gleise ab.

Den Bahnsteig.

Den Waggon.

Doch da war nichts.

Nur Regenwasser auf altem Stein.

Und sein Spiegelbild in den Pfützen.

Unter seinem Arm vibrierte kurz das Lederbuch.

Einmal.

Dann hörte es wieder auf.

Patrick wollte es nicht öffnen.

Nicht jetzt.

Er wollte nur Antworten.

Und es gab nur einen Ort, an den er gehen konnte.

Winter & Sohn.


Der Regen hatte inzwischen die ganze Stadt verschluckt.

Straßenlaternen flackerten im Wind. Wasser rann über Fensterscheiben. Patrick lief durch die dunklen Straßen, bis endlich das vertraute Schild auftauchte.

Winter & Sohn

Die Glocke klingelte, als er die Tür aufstieß.

„Herr Winter!“

Keine Antwort.

Der Laden war still.

Zu still.

Patrick ging zwischen den Regalen hindurch.

„Herr Winter?“

Nichts.

Dann blieb er stehen.

Ganz hinten.

Am kleinen Tisch.

Dort saß jemand.

Ein alter Mann.

Grauer Mantel.

Dunkler Hut.

Freundliche Augen.

Und ein ruhiges Lächeln.

Patrick erstarrte.

Der Mann aus dem Park.

Der Alte hob langsam den Blick.

Als hätte er bereits auf ihn gewartet.

„Du warst also am Bahnhof.“

Keine Frage.

Eine Feststellung.

Patrick trat näher.

„Sie…“

Der Alte lächelte.

„Ja.“

„Wer sind Sie?“

Der Mann faltete ruhig die Hände.

„Im Moment stellt du die falsche Frage.“

Patrick spürte Wut in sich aufsteigen.

„Falsche Frage? Ich habe Dinge gesehen, die unmöglich sind! Menschen, die verschwinden! Einen Bahnhof aus einer anderen Zeit! Diese Frau—“

Der Alte hob leicht die Hand.

Und Patrick verstummte.

„Du hast sie gesehen.“

Stille.

Dann nickte Patrick langsam.

Der alte Mann sah ihn lange an.

Fast traurig.

„Und du hast sie erkannt.“

Patrick runzelte die Stirn.

„Erkannt? Ich kenne sie nicht.“

Der Alte schwieg.

Draußen grollte Donner.

Dann sah er auf das Lederbuch.

„Doch.“

Patrick blickte ebenfalls darauf.

Langsam.

Unsicher.

Der Alte lächelte wieder.

„Das Buch zeigt keine Zukunft.“

Patrick sagte nichts.

„Es zeigt Erinnerungen.“

Plötzlich wurde es still im Laden.

Unnatürlich still.

Und in diesem Moment öffnete sich das Lederbuch von selbst.

Langsam.

Die Seiten bewegten sich allein.

Blätterten.

Stopp.

Neue Tinte erschien.

Diesmal nur ein einziger Satz:

„Er erinnert sich noch nicht an den Tag, an dem er sie verlor.“

Der alte Mann sah Patrick an.

Und sagte leise:

„Aber bald wird er es.“


Kapitel 13 – Die Frau mit dem seltsamen Blick

Patrick starrte auf die Worte im Lederbuch.

„Er erinnert sich noch nicht an den Tag, an dem er sie verlor.“

Der Satz ließ ihn nicht los.

Verlor?

Wen verloren?

Die geheimnisvolle Frau?

Aber wie sollte man jemanden verlieren, den man nie gekannt hatte?

Der alte Mann saß ihm gegenüber und betrachtete ihn ruhig. Draußen prasselte Regen gegen die Fensterscheiben des Buchladens. Das warme Licht der alten Lampen flackerte leicht und tauchte die Regale in lange Schatten.

Patrick schüttelte langsam den Kopf.

„Nein.“

Seine Stimme klang müde.

„Nein… ich verstehe gar nichts mehr.“

Der Alte lächelte nicht mehr.

„Erinnerungen sind merkwürdige Dinge.“

Patrick sah ihn an.

„Dann sagen Sie es mir endlich.“

Stille.

„Wer ist sie?“

Der alte Mann antwortete nicht.

Stattdessen hob er langsam den Blick.

Zur Eingangstür.

Im selben Augenblick erklang das vertraute Läuten der kleinen Messingglocke.

Patrick drehte sich um.

Eine Frau betrat den Laden.

Sie trug einen hellen Mantel, auf dessen Schultern noch einzelne Regentropfen glitzerten. Langsam sah sie sich um.

Nicht hastig.

Nicht wie jemand, der ein bestimmtes Buch suchte.

Eher neugierig.

Fast vorsichtig.

Sie ging langsam zwischen den Regalen entlang und ließ ihre Finger über die Buchrücken gleiten.

Patrick beobachtete sie.

Etwas an ihr wirkte seltsam.

Nicht unheimlich.

Eher… vertraut.

Als hätte er sie schon einmal gesehen.

Aber wo?

Die Frau blieb plötzlich stehen.

Ihr Blick fiel auf den kleinen Tisch.

Auf das Lederbuch.

Patricks Lederbuch.

Sie trat näher.

Und in dem Moment veränderte sich ihr Gesichtsausdruck.

Ganz leicht.

Fast unmerklich.

Doch Patrick sah es.

Erst Überraschung.

Dann Verwirrung.

Und schließlich etwas anderes.

Etwas, das aussah wie Angst.

Oder Erinnerung.

Die Frau betrachtete das dunkelblaue Lederbuch lange.

Zu lange.

Dann hob sie langsam den Blick.

„Entschuldigung…“

Ihre Stimme war ruhig.

Aber unsicher.

„Darf ich… es mir einmal ansehen?“

Patrick sagte nichts.

Etwas in ihm zog sich zusammen.

Neben ihm wurde es plötzlich still.

Sehr still.

Langsam drehte er sich zum alten Mann.

Doch sein Platz war leer.

Die Tasse.

Der Stuhl.

Alles war da.

Nur der Alte war verschwunden.

Schon wieder.

Patrick sah erschrocken zurück zur Frau.

Sie blickte noch immer auf das Buch.

Und jetzt bemerkte er etwas.

Etwas Merkwürdiges.

Etwas, das ihm sofort eine Gänsehaut über den Rücken jagte.

Die Frau lächelte nicht.

Aber ihre Augen…

Ihre Augen wirkten plötzlich, als hätte sie Tränen zurückgehalten.

Und ganz leise sagte sie:

„Komisch…“

Eine kleine Pause.

Dann sah sie Patrick direkt an.

Und flüsterte:

„Ich habe das Gefühl… ich kenne dieses Buch.“


Kapitel 14 – Die Geschichte, die das Buch bereits kannte

Patrick stand regungslos neben dem kleinen Tisch.

Der Regen rann in dünnen Linien über die Fensterscheiben des Buchladens. Das warme Licht der alten Lampen spiegelte sich auf dem dunkelblauen Lederbuch, das die junge Frau noch immer vorsichtig in den Händen hielt.

Sie wirkte verändert.

Nicht mehr wie eine gewöhnliche Kundin.

Eher wie jemand, der etwas lange Verlorenes wiedergefunden hatte.

Patrick betrachtete sie aufmerksam.

„Wer sind Sie?“

Die Frau hob langsam den Blick.

Für einen Moment sagte sie nichts.

Dann lächelte sie schwach.

Traurig.

„Das versuche ich selbst herauszufinden.“

Patrick runzelte die Stirn.

„Was soll das heißen?“

Sie strich vorsichtig mit den Fingern über den Einband des Buches.

„Seit einigen Wochen… passieren seltsame Dinge.“

Ihre Stimme war ruhig geworden.

Fast so, als würde sie etwas erzählen, das sie selbst kaum verstand.

„Ich träume immer wieder denselben Traum.“

Patrick schwieg.

„Regen.“

Sie blickte kurz zum Fenster hinaus.

„Ein Bahnhof.“

Sein Herz zog sich zusammen.

„Und ein Mann.“

Jetzt sah sie ihn direkt an.

„Ich sehe sein Gesicht nie richtig.“

Patrick spürte eine Gänsehaut.

Die Frau sprach weiter.

„Aber jedes Mal habe ich das Gefühl… dass ich ihn suche.“

Der Laden wurde still.

Nur das leise Ticken einer alten Uhr war zu hören.

„Und dann“, sagte sie leise, „bin ich vor einigen Tagen zufällig an diesem Buchladen vorbeigegangen.“

Sie lächelte kurz unsicher.

„Seitdem zieht mich irgendetwas immer wieder hierher.“

Patrick sah auf das Lederbuch.

„Und das Buch?“

Die Frau atmete langsam aus.

„Ich habe es nie zuvor gesehen.“

Eine Pause.

„Und trotzdem kommt es mir vertraut vor.“

Plötzlich begann das Lederbuch leicht zu vibrieren.

Beide erschraken.

Langsam öffnete sich das Buch von selbst.

Die Seiten blätterten.

Eine.

Noch eine.

Dann stoppte es abrupt.

Neue schwarze Tinte erschien.

Langsam.

Fast feierlich.

Die Frau wich einen Schritt zurück.

Patrick las laut:

„Sie erinnert sich an den Regen.

An den Bahnhof.

An das Versprechen.“

Die Frau wurde blass.

Ihre Augen füllten sich plötzlich mit Tränen.

„Nein…“

Doch die Schrift schrieb weiter.

„Was verloren schien,

beginnt zurückzukehren.“

Patrick hob langsam den Blick.

„Was bedeutet das?“

Die Frau sah ihn an.

Und plötzlich wirkte ihr Gesicht verändert.

Nicht äußerlich.

Sondern in ihrem Blick.

Als würde sie sich an etwas erinnern.

An etwas Schmerzhaftes.

„Ich glaube…“

Ihre Stimme zitterte leicht.

„…das Buch kennt meine Geschichte.“

Im selben Moment flackerten die Lampen im Laden.

Ein kalter Luftzug zog zwischen den Regalen hindurch.

Und auf der nächsten Seite erschien ein neuer Satz.

Nur einer.

„Sie hieß einst Emilia.“

Die Frau erstarrte.

Ihre Lippen öffneten sich langsam.

Und kaum hörbar flüsterte sie:

„Woher kennt das Buch meinen Namen?“


Kapitel 15 – Der Ruf aus dem Regen

Die Worte standen noch immer auf der Seite.

„Sie hieß einst Emilia.“

Im Buchladen herrschte plötzlich eine Stille, die schwerer wirkte als zuvor. Selbst der Regen draußen schien für einen Moment leiser geworden zu sein.

Die Frau – Emilia – sah auf das Lederbuch, als würde sie hoffen, dass die Tinte verschwand.

Aber sie blieb.

Schwarz.

Unverändert.

Und ihr Blick veränderte sich.

„Emilia…“

Sie sprach den Namen langsam aus.

Vorsichtig.

Als würde sie ein vergessenes Wort wieder lernen.

„Ich weiß nicht, warum… aber als ich ihn gelesen habe…“

Sie legte ihre Hand auf ihre Brust.

„…hat es sich richtig angefühlt.“

Patrick sah sie an.

Noch vor wenigen Tagen hätte er sich selbst ausgelacht, wenn ihm jemand erzählt hätte, dass ein geheimnisvolles Buch Namen kennt, Erinnerungen schreibt und Menschen zusammenführt.

Doch jetzt…

Jetzt fühlte sich alles anders an.

Plötzlich flackerte das Licht.

Einmal.

Zweimal.

Ein kalter Luftzug zog durch den Laden.

Patrick drehte sich instinktiv um.

Zum Fenster.

Und sein Atem stockte.

Draußen.

Auf der anderen Straßenseite.

Unter einer flackernden Straßenlaterne.

Stand sie.

Die Frau mit dem roten Regenschirm.

Der dunkle Mantel.

Die langen hellen Haare, die im Regen leicht vom Wind bewegt wurden.

Reglos.

Fast unwirklich.

Sie sah direkt zu ihm.

Zu Patrick.

Und langsam hob sie ihre Hand.

Nicht zum Gruß.

Nicht zum Winken.

Sie deutete.

In eine Richtung.

Zum Stadtrand.

Zum alten Bahnhof.

Patrick erstarrte.

„Nein…“

Er trat einen Schritt näher ans Fenster.

Die Frau blieb stehen.

Ihr Blick wirkte ruhig.

Fast erwartungsvoll.

Dann verstand Patrick plötzlich.

Schlagartig.

Er drehte sich zu Emilia um.

„Der Bahnhof.“

Sie sah ihn verwirrt an.

„Was?“

Patrick trat einen Schritt auf sie zu.

„Der alte Bahnhof.“

Seine Stimme wurde fester.

„Immer wieder führt alles dorthin.“

Er dachte an den Zug.

An die Menschen.

An den Bahnsteig.

An die Worte im Buch.

Und an sie.

Immer wieder an sie.

Er sah Emilia direkt an.

„Wir gehen dorthin.“

Sie blinzelte.

„Jetzt?“

Draußen grollte Donner.

Als Antwort zuckte ein Blitz über den Himmel.

Patrick blickte erneut aus dem Fenster.

Doch die Frau auf der anderen Straßenseite…

war verschwunden.

Nur der Regen fiel noch.

Nichts sonst.

Patrick sah zurück zu Emilia.

„Wir gehen zum alten Bahnhof“, sagte er leise.

„Und schauen, ob wir dort etwas finden, das uns weiterhilft.“

Emilia blickte auf das Lederbuch.

Und in genau diesem Moment begann es erneut zu vibrieren.


Kapitel 16 – Waggon 3

Patrick und Emilia standen regungslos am kleinen Tisch im Buchladen.

Draußen schlug der Regen unaufhörlich gegen die Scheiben. Der Wind ließ die alte Messingglocke an der Eingangstür leise zittern, und irgendwo zwischen den Regalen knarrte Holz.

Doch keiner von beiden sagte etwas.

Ihre Blicke ruhten auf dem Lederbuch.

Auf dem dunkelblauen Einband.

Auf diesem seltsamen Buch, das mehr wusste als es wissen durfte.

Dann begann es erneut.

Zuerst ganz leicht.

Ein Zittern.

Dann vibrierte es stärker.

Der Tisch bewegte sich kaum sichtbar.

Emilia wich einen halben Schritt zurück.

Patrick hielt den Atem an.

Langsam öffnete sich das Buch.

Von selbst.

Die Seiten blätterten.

Eine Seite.

Zwei.

Zehn.

Zwanzig.

Immer schneller.

Der Wind im Laden wurde stärker. Lose Zettel bewegten sich über den Boden. Die Lampen flackerten.

Dann—

Stopp.

Mitten im Buch.

Leere Seiten.

Nichts.

Sekunden vergingen.

Patrick und Emilia sahen schweigend darauf.

Dann erschien ein schwarzer Punkt.

Klein.

Mitten auf der Seite.

Noch einer.

Und plötzlich begann sich schwarze Tinte über das Papier auszubreiten.

Nicht wie sonst.

Schneller.

Direkter.

Nur ein einziges Wort entstand.

Groß.

Dunkel.

Fast in das Papier gedrückt.

Waggon 3

Stille.

Kein weiteres Wort.

Keine Erklärung.

Nur:

Waggon 3

Emilia sah Patrick an.

Patrick sah Emilia an.

Für einen Moment sagte keiner etwas.

Dann flüsterte Emilia:

„Der Zug.“

Patrick nickte langsam.

Sofort dachte er an den Bahnhof.

An die Menschen aus einer anderen Zeit.

An die Frau im Fenster.

Und plötzlich erinnerte er sich.

Die Zahl am Waggon.

Die dunklen Wände.

Das geöffnete Fenster.

Waggon 3.

Er sprang auf.

„Das war der Waggon.“

Emilia blickte ihn an.

„Du bist sicher?“

Patrick zögerte nicht.

„Ja.“

Das Lederbuch vibrierte noch einmal.

Kurz.

Als würde es bestätigen, dass sie verstanden hatten.

Patrick griff danach und schlug es zu.

Zum ersten Mal fühlte es sich nicht an wie ein Rätsel.

Sondern wie ein Wegweiser.

Er nahm seinen Mantel.

Emilia ebenfalls.

Dann liefen beide zur Tür.

Als Patrick sie aufstieß, peitschte ihnen kalter Regen entgegen.

Draußen war die Straße leer.

Keine rote Frau.

Niemand.

Nur Regen.

Und irgendwo in der Ferne—

ganz leise—

hörte Patrick ein Geräusch.

Ein langgezogenes Pfeifen.

Wie das einer alten Dampflok.

Er sah Emilia an.

Sie hatte es ebenfalls gehört.

Keiner sagte etwas.

Dann rannten beide los.

Durch den Regen.

Zum alten Bahnhof.


Kapitel 17– Waggon 3

Der Regen peitschte ihnen ins Gesicht, als Patrick und Emilia den Weg zum alten Bahnhof hinaufstiegen.

Pfützen spiegelten das fahle Licht des Mondes. Alles wirkte verlassen. Verfallen. Vergessen.

Als sie den Bahnhof erreichten, stockten sie.

Die Ruine lag genau so da wie zuvor.

Zerbrochene Fenster. Abgeblätterte Farbe. Verrostete Schienen.

Keine Lokomotive.

Keine Menschen.

Keine geheimnisvolle Frau.

Nur Wind.

Nur Regen.

Nur Stille.

Patrick und Emilia sahen sich an.

„Das kann nicht sein“, flüsterte Emilia.

Patrick sagte nichts. Er spürte, dass sie einfach warten mussten.

Und dann geschah es.

Mitten auf dem Abstellgleis, wo vorher nichts war, begann der Nebel sich zu verdichten.

Er wirbelte, drehte sich, bewegte sich wie Rauch in Zeitlupe.

Ein metallisches Knarzen erklang, obwohl kein Wetterzug zu hören war.

Der Nebel wurde dichter.

Dichter.

Dichter.

Und dann stand er da.

Ein einzelner alter Waggon.

Eine Donnerbüchse.

Dunkel.

Schwer.

Real.

Patrick und Emilia starrten ungläubig.

Langsam traten sie näher.

An der Seite des Waggons war ein Schild befestigt.

„Waggon 3“

Patrick schluckte.

Emilia legte eine Hand auf seine Schulter.

Gemeinsam stiegen sie die Stufen hinauf und öffneten die schwere Tür.

Ein warmer, goldener Schein schlug ihnen entgegen.

Sie traten ein.

Und blieben atemlos stehen.

Der Innenraum war pompös eingerichtet.

Dunkle Holzvertäfelungen.

Samtvorhänge.

Messinglampen.

Polsterstühle.

Alles wirkte wie aus einer anderen Zeit.

Luxuriös.

Majestätisch.

Als wäre dieser Waggon für jemanden bestimmt gewesen, der mehr als nur ein Ziel hatte.

Sie gingen langsam den Mittelgang entlang.

Vorbei an kleinen Tischen, die mit weißen Tischtüchern gedeckt waren.

Vorbei an Spiegeln. Vorbei an alten Gemälden. Bis sie ganz hinten ankamen.

Der letzte Tisch. Auf dem weißen Tischtuch lag eine Tasche.

Eine alte Ledertasche. Dunkelbraun. Abgenutzt. Doch nicht zerfallen.

Patrick und Emilia sahen die Tasche an.

Und beide wussten im selben Moment: Diese Tasche gehörte hier nicht zufällig hin.


Kapitel 18 – Melisande

Patrick und Emilia standen am Ende des luxuriösen Waggons.

Vor ihnen lag die alte Ledertasche auf dem weißen Tischtuch.

Der Regen trommelte gegen die Fensterscheiben des Waggons. Draußen war der verlassene Bahnhof kaum noch zu erkennen. Nur gelegentlich erhellte ein Blitz die Dunkelheit.

Niemand sprach.

Beide sahen die Tasche an.

„Sollen wir sie öffnen?“, fragte Emilia schließlich.

Patrick antwortete nicht sofort.

Etwas hielt ihn zurück.

Als würde die Tasche nicht nur Gegenstände enthalten, sondern Erinnerungen.

Geheimnisse.

Vielleicht sogar Antworten.

Vorsichtig trat Emilia näher.

Da bemerkte sie etwas.

An einem der Verschlüsse hing ein kleiner Messinganhänger.

Alt.

Leicht angelaufen.

Sie nahm ihn zwischen die Finger.

Darauf war ein Name eingraviert.

Melisande

Patrick las ihn laut vor.

„Melisande.“

Der Name kam ihm fremd vor.

Und doch löste er etwas in ihm aus.

Ein kaum greifbares Gefühl.

Eine Erinnerung, die sich hinter einem Schleier verbarg.

„Wer ist Melisande?“, flüsterte Emilia.

In diesem Moment vibrierte das Lederbuch.

Zuerst leicht.

Dann stärker.

Es lag noch immer unter Patricks Arm.

Fast erschrocken nahm er es hervor.

„Nicht schon wieder“, murmelte er.

Doch das Buch reagierte nicht auf ihn.

Langsam öffnete es sich von selbst.

Die Seiten blätterten.

Immer schneller.

Dann hielten sie an.

Eine vollkommen leere Seite.

Für einen Augenblick geschah nichts.

Dann erschien ein einzelner schwarzer Buchstabe.

Und noch einer.

Wort für Wort begann sich eine Geschichte zu schreiben.

Patrick und Emilia traten näher.

Die Tinte floss über das Papier wie lebendige Schatten.

Und sie lasen:

„Vor langer Zeit lebte eine junge Frau namens Melisande.“

Neue Zeilen erschienen.

„Sie war die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns und für ihre Schönheit in der ganzen Region bekannt.“

Die Schrift schrieb weiter.

„Doch ihr Herz gehörte einem Mann, den ihre Familie niemals akzeptieren würde.“

Emilia spürte eine Gänsehaut.

Patrick konnte den Blick nicht abwenden.

Die Geschichte wuchs Zeile um Zeile.

„Sein Name war Adrian. Er besaß weder Reichtum noch Ansehen. Nur seine Liebe zu Melisande.“

Draußen grollte Donner.

Die Lampen im Waggon flackerten.

Und das Buch schrieb weiter.

„Jede Nacht trafen sie sich heimlich am Bahnhof.“

Patrick und Emilia wechselten einen Blick.

Bahnhof.

Natürlich.

Alles führte immer wieder hierher.

Die Tinte floss weiter.

„Sie planten gemeinsam fortzugehen.“

„Fort von den Erwartungen ihrer Familien.“

„Fort von einer Zukunft, die andere für sie bestimmt hatten.“

Dann verlangsamte sich die Schrift.

Die nächsten Worte erschienen schwerer.

Dunkler.

„Doch in der Nacht ihrer Flucht kam Adrian nie zum Bahnsteig.“

Emilia hielt unwillkürlich den Atem an.

Patrick spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.

Das Buch schrieb weiter.

„Melisande wartete im Regen.“

„Eine Stunde.“

„Zwei Stunden.“

„Die ganze Nacht.“

Ein Blitz zuckte am Himmel.

Die Fensterscheiben erzitterten.

Und schließlich erschienen die nächsten Zeilen.

„Am Morgen erfuhr sie die Wahrheit.“

„Adrian war auf dem Weg zum Bahnhof verunglückt.“

„Er hatte sie nie verlassen wollen.“

Die Tinte wurde dunkler.

Fast schwarz wie Kohle.

„Doch Melisande glaubte, er habe sie im Stich gelassen.“

„Sie lebte viele Jahre mit diesem Schmerz.“

„Und starb, ohne die Wahrheit zu erfahren.“

Die Schrift stoppte.

Stille erfüllte den Waggon.

Nur der Regen war zu hören.

Patrick blickte langsam zu Emilia.

„Das ist furchtbar.“

Emilia nickte.

Doch bevor einer von beiden etwas sagen konnte, erschien eine neue Zeile.

Nur eine einzige.

Langsam.

Fast zögernd.

„Die Tasche enthält den Brief, den Adrian niemals übergeben konnte.“

Die beiden starrten auf die Worte.

Dann blickten sie gleichzeitig zur alten Ledertasche.

Und plötzlich wirkte sie schwerer als zuvor.

Als würde darin mehr liegen als nur Papier.

Als läge darin das Ende einer Geschichte, die über hundert Jahre auf ihre Wahrheit gewartet hatte.


Kapitel 19 – Die Wahrheit über Adrian

Patrick und Emilia standen noch immer vor der alten Ledertasche.

Das Lederbuch lag geöffnet auf dem Tisch. Die letzten Worte waren noch nicht verblasst:

„Die Tasche enthält den Brief, den Adrian niemals übergeben konnte.“

Keiner von beiden wagte es, die Tasche zu öffnen.

Zu groß war das Gefühl, dass sie an etwas rührten, das über ein Jahrhundert verborgen geblieben war.

Dann hörten sie Schritte.

Langsam.

Ruhig.

Nicht draußen auf dem Bahnsteig.

Sondern im Waggon.

Patrick fuhr herum.

Am anderen Ende des Waggons stand der alte Mann aus dem Park.

Als wäre er schon immer dort gewesen.

Grauer Mantel.

Dunkler Hut.

Freundliche Augen.

Und dieses geheimnisvolle Lächeln.

„Sie schon wieder“, sagte Patrick.

Der Alte nickte.

„Manche Geschichten brauchen einen Zeugen.“

Emilia betrachtete ihn aufmerksam.

„Kennen Sie Melisande?“

Der alte Mann trat langsam näher.

Sein Blick fiel auf den Anhänger an der Tasche.

Dann nickte er.

„Ja.“

Er strich mit den Fingern über die Tischkante.

„Melisande ist ein sehr alter Name.“

Der Regen wurde stärker.

Donner grollte über dem verlassenen Bahnhof.

„Der Name stammt aus alten Legenden.“

Patrick hörte aufmerksam zu.

„Er bedeutet nicht nur Stärke oder Schönheit.“

Der Alte sah zu Emilia.

„Melisande wird oft mit verlorener Liebe verbunden.“

Stille.

„Mit einer Liebe, die nicht erfüllt werden konnte.“

Emilia blickte auf den Anhänger.

Der Name wirkte plötzlich schwerer.

Trauriger.

„Und Adrian?“, fragte Patrick.

Der Alte wurde ernst.

Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung.

„Adrian liebte sie mehr als sein eigenes Leben.“

Die Lampen im Waggon flackerten.

„In jener Nacht wollte er zum Bahnhof kommen.“

Der Alte blickte hinaus in die Dunkelheit.

Als würde er etwas sehen, das längst vergangen war.

„Er hatte alles vorbereitet.“

„Was geschah?“, fragte Emilia leise.

Der Alte schwieg einen Moment.

Dann erzählte er:

„Es war dieselbe Strecke, die zum Bahnhof führte.“

Vor Patricks innerem Auge entstanden Bilder.

Regen.

Dunkle Straßen.

Pferdekutschen.

Nasses Kopfsteinpflaster.

„Ein schweres Gewitter zog über die Stadt.“

Der Alte sprach ruhig weiter.

„Adrian war spät dran.“

„Er wusste, dass Melisande wartete.“

„Also nahm er den kürzesten Weg.“

Ein Blitz erhellte den Himmel.

Im selben Augenblick erschien im Fenster des Waggons für einen Sekundenbruchteil die Silhouette eines jungen Mannes.

Dann war sie verschwunden.

Der Alte bemerkte es nicht.

Oder tat zumindest so.

„Auf einer alten Brücke über dem Fluss wurde sein Pferd vom Donner aufgeschreckt.“

Emilia hielt den Atem an.

„Die Kutsche geriet ins Schleudern.“

„Das Geländer brach.“

Patrick spürte eine Kälte in seiner Brust.

„Und Adrian stürzte mit der Kutsche in die Tiefe.“

Stille.

Nur Regen.

Nichts sonst.

Der Alte senkte den Blick.

„Er starb noch in derselben Nacht.“

Emilia schloss die Augen.

„Und Melisande wusste nichts davon.“

Der Alte nickte.

„Sie wartete bis zum Morgen.“

„Und glaubte schließlich, er hätte sie verlassen.“

Patrick dachte an die Geschichte im Buch.

An die Jahre des Schmerzes.

An das Missverständnis.

Ein ganzes Leben voller Trauer.

Nur wegen einer Wahrheit, die nie ankam.

Dann sah der Alte zur Ledertasche.

„Doch Adrian hatte etwas bei sich.“

Sein Blick wurde ernst.

„Etwas, das Melisande niemals erhielt.“

Patrick und Emilia folgten seinem Blick.

Zur Tasche.

Zum Brief.

Der Brief, der über hundert Jahre zu spät war.

Und plötzlich begann sich der Verschluss der Tasche ganz von allein zu öffnen.


Kapitel 20 – Der Brief in der Tasche

Patrick und Emilia standen regungslos vor dem letzten Tisch im Waggon.

Die alte Ledertasche lag vor ihnen.

Der Verschluss hatte sich gerade wie von unsichtbarer Hand geöffnet.

Langsam.

Lautlos.

Fast ehrfürchtig.

Der Regen trommelte gegen die Fensterscheiben.

Irgendwo in der Ferne grollte Donner.

Niemand sprach.

Beide blickten gespannt auf die Tasche.

Dann hob Emilia vorsichtig den Deckel an.

Ein Geruch von altem Papier und Leder stieg auf.

Im Inneren lagen einige vergilbte Dokumente.

Ein altes Taschentuch.

Ein silbernes Medaillon.

Und ganz unten…

Ein zusammengefalteter Brief.

Versiegelt mit rotem Wachs.

Patrick spürte, wie sein Herz schneller schlug.

„Das muss er sein“, flüsterte Emilia.

„Adrians Brief.“

Für einen Moment wagte keiner von beiden, ihn zu berühren.

Dann drehte sich Patrick um.

Er wollte dem alten Mann eine Frage stellen.

Doch sein Satz blieb ihm im Hals stecken.

Der Platz hinter ihnen war leer.

Der alte Mann war verschwunden.

Keine Schritte.

Kein Geräusch.

Kein Schatten.

Nichts.

Als hätte er niemals im Waggon gestanden.

Patrick sah sich um.

„Nein…“

Er ging einige Schritte den Gang entlang.

„Wo ist er?“

Doch natürlich erhielt er keine Antwort.

Emilia stand noch immer am Tisch.

„Patrick.“

Ihre Stimme klang angespannt.

Er drehte sich um.

In diesem Moment begann das Lederbuch erneut zu vibrieren.

Diesmal stärker.

Viel stärker.

Es lag auf einem der Sitze neben dem Tisch.

Die Seiten bewegten sich von selbst.

Erst langsam.

Dann immer schneller.

Der ganze Waggon schien auf das Buch zu reagieren.

Die Lampen flackerten.

Die Fensterscheiben erzitterten.

Draußen heulte der Wind.

Patrick trat näher.

„Nicht schon wieder…“

Doch das Buch hatte längst begonnen.

Die Seiten blätterten wild.

Bis sie plötzlich stoppten.

Mitten im Buch.

Eine leere Seite.

Sekundenlang erschien nichts.

Dann floss schwarze Tinte über das Papier.

Schnell.

Drängend.

Als hätte die Geschichte es eilig.

Eine Zeile entstand:

„Der Brief enthält die Wahrheit.“

Noch eine.

„Doch die Wahrheit hat ihren Preis.“

Emilia schluckte.

Die Tinte schrieb weiter.

Langsamer nun.

Fast warnend.

„Wenn der Brief gelesen wird,

wird die letzte Erinnerung erwachen.“

Stille.

Patrick und Emilia sahen sich an.

Der Brief lag noch immer in der geöffneten Tasche.

Unberührt.

Als hätte er über hundert Jahre genau auf diesen Augenblick gewartet.

Und plötzlich begann das rote Wachssiegel ganz von allein zu knacken.


Kapitel 21 – Die Anweisung

Patrick nahm den Brief vorsichtig aus der Ledertasche.

Das vergilbte Papier fühlte sich erstaunlich gut erhalten an. Das rote Wachssiegel war bereits aufgebrochen, als hätte die Zeit selbst entschieden, dass sein Inhalt endlich gelesen werden musste.

Emilia trat näher.

„Mach ihn auf“, sagte sie leise.

Patrick nickte.

Langsam schob er einen Finger unter die Lasche des Briefes.

In diesem Moment zuckte ein greller Blitz über den Himmel.

Das Licht erfüllte den gesamten Waggon.

Für einen Sekundenbruchteil.

Dann folgte ein gewaltiger Donnerschlag.

Emilia fuhr erschrocken zusammen.

Patrick blickte instinktiv zum Fenster.

Und erstarrte.

Draußen.

Direkt vor dem Waggon.

Stand die Frau mit dem roten Regenschirm.

Regungslos.

Der Regen fiel durch sie hindurch wie ein Schleier.

Ihr dunkler Mantel bewegte sich leicht im Wind.

Ihre langen hellen Haare glänzten im Licht des Gewitters.

Und ihre Augen blickten direkt in den Waggon.

Direkt zu Patrick.

Direkt zu Emilia.

Keiner von beiden sagte ein Wort.

Die Frau hob langsam ihre Hand.

Nicht warnend.

Nicht drohend.

Eher als wolle sie auf etwas aufmerksam machen.

Dann verschwand das Licht des Blitzes.

Und die Gestalt war wieder kaum zu erkennen.

„Hast du das gesehen?“, flüsterte Emilia.

Patrick nickte nur.

Sein Herz schlug bis zum Hals.

Plötzlich begann das Lederbuch erneut zu vibrieren.

Heftiger als jemals zuvor.

Es lag auf dem Tisch neben der geöffneten Tasche.

Die Seiten flatterten.

Schneller.

Immer schneller.

Der Wind im Waggon wurde stärker, obwohl alle Fenster geschlossen waren.

Die Lampen flackerten.

Die Vorhänge bewegten sich.

Dann schlug das Buch auf.

Mitten im Buch.

Leere Seiten.

Langsam erschien schwarze Tinte.

Zeile für Zeile.

Patrick und Emilia traten näher.

Die Schrift formte klare Worte:

„Lest den Brief nicht hier.“

Die beiden sahen sich an.

Neue Zeilen erschienen.

„Der Waggon bewahrt Erinnerungen.“

„Die Wahrheit darf nicht an diesem Ort erwachen.“

Draußen donnerte es erneut.

Die Frau vor dem Fenster stand noch immer dort.

Unbeweglich.

Als würde sie warten.

Das Buch schrieb weiter:

„Geht zum alten Wartesaal.“

„Unter der Uhr, die niemals weiterlief.“

Patrick erinnerte sich sofort.

Die alte Bahnhofsuhr.

22:17 Uhr.

Die Uhr, die seit Jahrzehnten stillstand.

Noch eine Zeile erschien.

Langsamer als die anderen.

Fast feierlich.

„Dort wurde das Versprechen gegeben.“

Die Tinte stockte kurz.

Dann entstand der letzte Satz.

Der Satz, der beiden eine Gänsehaut über den Rücken jagte:

„Nur dort kann der Brief gefahrlos geöffnet werden.“

Die Schrift verblasste.

Das Lederbuch schloss sich mit einem dumpfen Schlag.

Stille.

Nur der Regen war noch zu hören.

Patrick blickte auf den Brief in seiner Hand.

Dann zur Frau mit dem roten Regenschirm.

Und schließlich zu Emilia.

„Dann gehen wir zum Wartesaal.“

In diesem Augenblick lächelte die geheimnisvolle Frau draußen zum ersten Mal. Nur ganz leicht.

Und verschwand im nächsten Blitzlicht spurlos aus der Dunkelheit.

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