Das geheimnisvolle Buch 3


Kapitel 22 – Die Uhr schlägt 22

Patrick schlug das Lederbuch zu und klemmte es unter den Arm.

Emilia nahm die alte Ledertasche an sich.

„Los“, sagte Patrick.

Gemeinsam verließen sie den Waggon.

Kaum traten sie hinaus, schlug ihnen der Regen entgegen. Der Wind heulte über die Gleise, und das Wasser lief in Strömen über das alte Pflaster des Bahnhofs.

Sie rannten.

Vorbei an den rostigen Schienen.

Vorbei an den überwucherten Bahnsteigen.

Direkt auf das alte Bahnhofsgebäude zu.

Plötzlich hörte Patrick hinter sich ein Geräusch.

Ein dumpfes Klopfen.

Als hätte jemand gegen eine Scheibe geschlagen.

Er blieb stehen und blickte zurück.

Der Waggon stand noch immer auf dem Abstellgleis.

Reglos.

Dunkel.

Doch im Fenster war nun eine Gestalt zu erkennen.

Die Silhouette eines jungen Mannes.

Er stand direkt am Fenster und blickte ihnen nach.

Regungslos.

Für einen Augenblick glaubte Patrick sogar, dessen Hand auf der Scheibe zu erkennen.

Dann zuckte ein Blitz über den Himmel.

Das Licht erlosch.

Und die Gestalt war verschwunden.

„Patrick!“

Emilias Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

„Komm!“

Er nickte und lief weiter.


Wenig später erreichten sie den alten Wartesaal.

Die schweren Holztüren standen offen.

Als sie eintraten, schien die Luft sich schlagartig zu verändern.

Der Regen war plötzlich weit entfernt.

Die Halle wirkte heller.

Lebendiger.

Fast warm.

Und dann geschah etwas Unmögliches.

Die alte Bahnhofsuhr, die seit Jahrzehnten stillgestanden hatte, begann sich zu bewegen.

Langsam.

Tick.

Tick.

Tick.

Die Zeiger rückten vor.

Bis sie genau auf 22:00 Uhr standen.

In diesem Moment schlug die Uhr.

Einmal.

Dann ein zweites Mal.

Der Klang hallte durch die gesamte Halle.

Und plötzlich knackte ein Lautsprecher über ihnen.

Eine verzerrte Stimme ertönte:

„Der Zug nach Falkenau fährt heute von Gleis 3 ab. Bitte Vorsicht bei der Einfahrt.“

Patrick und Emilia sahen sich erschrocken an.

Dann hörten sie es.

Das ferne Pfeifen.

Tief.

Langgezogen.

Und kurz darauf rollte eine Dampflokomotive in den Bahnhof ein.

Weiße Dampfwolken füllten die Halle.

Menschen erschienen aus allen Richtungen.

Wie aus dem Nichts.

Frauen in langen Kleidern.

Männer mit Hüten und Mänteln.

Reisende mit Koffern.

Kinder, die an den Händen ihrer Eltern liefen.

Alle wirkten, als wären sie direkt aus dem vergangenen Jahrhundert gekommen.

Die Halle füllte sich mit Stimmen.

Mit Schritten.

Mit Leben.

Patrick konnte kaum glauben, was er sah.

„Es ist wieder passiert“, flüsterte Emilia.

Patrick nickte.

„Diesmal sind wir mitten darin.“

Sie drängten sich durch die Menschenmenge.

Immer weiter zur großen Bahnhofsuhr in der Mitte der Halle.

Dort hatte das Lederbuch sie hingeführt.

Dort sollte der Brief geöffnet werden.

Doch plötzlich stieß jemand gegen Patrick.

Hart.

So hart, dass er beinahe das Gleichgewicht verlor.

„He!“

Im selben Augenblick hörte Emilia einen erschrockenen Schrei.

„Die Tasche!“

Patrick fuhr herum.

Ein junger Mann hatte ihr die Ledertasche aus der Hand gerissen.

Keine zwanzig Jahre alt.

Dunkler Mantel.

Nasse Haare.

Entschlossener Blick.

Mit der Tasche unter dem Arm rannte er durch die Menschenmenge.

„Nein!“, rief Emilia.

„Bleib stehen!“

Doch der junge Mann verschwand zwischen den Reisenden.

Patrick setzte sofort zur Verfolgung an.

Vergeblich.

Die Menge war zu dicht.

Innerhalb weniger Sekunden war der Dieb verschwunden.

Einfach verschwunden.

Als hätte die Halle ihn verschluckt.

Patrick kehrte keuchend zurück.

Emilia stand bleich unter der Uhr.

„Der Brief…“

Ihre Stimme zitterte.

„Der Brief ist weg.“ Patrick sah sich hektisch um. Überall Menschen. Überall Bewegung.

Keine Spur von dem jungen Mann. Keine Spur der Tasche. Die beiden standen sprachlos da.

Entsetzt. Ratlos.

Und genau in diesem Augenblick erklang hinter ihnen eine vertraute Stimme.

„Ich hatte gehofft, dass ihr ihn nicht aus den Augen verliert.“ Patrick drehte sich um.

Emilia ebenfalls.

Dort, zwischen den Reisenden, stand Herr Winter.

Trocken.

Ruhig.

Als wäre er nie verschwunden gewesen.

Und in seinen Augen lag ein Ausdruck, der Patrick sofort klar machte:

Herr Winter wusste genau, wer den Brief gestohlen hatte.


Kapitel 23 – Die Uhr bleibt stehen

Patrick starrte Herrn Winter an.

Zwischen ihnen lag die verlassene Bahnhofshalle voller Menschen, Stimmen und Geheimnisse. Die Dampflok zischte noch immer auf Gleis 3, Reisende drängten an ihnen vorbei, und über allem hing das Ticken der großen Bahnhofsuhr.

Doch Patrick hatte nur eine Frage.

Wer war der junge Mann, der die Tasche gestohlen hatte?

Neben ihm verlor Emilia die Geduld.

„Wer war der Mann?“

Ihre Stimme hallte durch die Halle.

Mehrere Reisende drehten sich kurz um.

Emilia trat einen Schritt auf Herrn Winter zu.

„Sie wissen es doch!“

Herr Winter sah sie ruhig an.

„Ja.“

„Dann sagen Sie es!“

Patrick bemerkte zum ersten Mal, dass Herr Winter traurig wirkte.

Nicht erschrocken.

Nicht überrascht.

Traurig.

Als hätte er diesen Augenblick lange erwartet.

Er öffnete den Mund.

Doch bevor er antworten konnte, begann das Lederbuch erneut zu vibrieren.

Heftiger als jemals zuvor.

Patrick hielt es fest.

Die Seiten flatterten wild auf und zu.

Ein kalter Windstoß fegte durch die Bahnhofshalle.

Die Lampen flackerten.

Menschen blieben stehen.

Dann verschwammen sie.

Wie Nebel.

Wie Erinnerungen.

Ein Mann mit Hut löste sich auf.

Eine Frau mit einem Koffer verschwand.

Die Dampflok wurde durchsichtig.

Die Stimmen verklangen.

Innerhalb weniger Sekunden begann die ganze Welt um sie herum zu zerfallen.

Emilia keuchte erschrocken.

„Patrick!“

Die Bahnhofsuhr schlug ein letztes Mal.

Dann wurde alles still.

Vollkommen still.

Als Patrick wieder aufsah, war die Halle leer.

Verlassen.

Dunkel.

Die Dampflok war verschwunden.

Die Menschen waren fort.

Staub lag auf dem Boden.

Fenster waren zerbrochen.

Die Wände wieder verfallen.

Die alte Ruine war zurück.

Nur sie drei standen noch dort.

Patrick.

Emilia.

Und Herr Winter.

Langsam wanderten ihre Blicke zur Bahnhofsuhr.

Die Zeiger bewegten sich nicht mehr.

Sie waren stehen geblieben.

Auf 22:17 Uhr.

Genau wie zuvor.

Das Lederbuch wurde ruhig.

Die Seiten lagen offen.

Leer.

Zum ersten Mal seit langer Zeit erschien keine neue Schrift.

Herr Winter trat unter die Uhr.

Sein Blick ruhte auf den Zeigern.

„22:17 Uhr.“

Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Zu dieser Zeit geschah alles.“

Patrick spürte eine Gänsehaut.

„Was geschah?“

Herr Winter schwieg einen Moment.

Dann setzte er sich auf eine alte Holzbank.

Als würde ihn eine Last niederdrücken, die er viele Jahre getragen hatte.

„Der junge Mann, der die Tasche gestohlen hat…“

Er sah zu Patrick.

„…war kein Dieb.“

Emilia runzelte die Stirn.

„Er hat die Tasche genommen und ist weggelaufen!“

Herr Winter nickte langsam.

„Ja.“

Dann blickte er zur Uhr.

„Weil die Tasche ursprünglich ihm gehörte.“

Stille.

Patrick erstarrte.

„Was?“

Herr Winter faltete die Hände.

„Der junge Mann, den ihr gesehen habt…“

Ein ferner Donner rollte über den Himmel.

„…war Adrian.“

Niemand sagte etwas.

Nicht einmal der Wind war zu hören.

„Das ist unmöglich“, flüsterte Emilia.

Herr Winter sah sie an.

„Für die Welt da draußen vielleicht.“

Sein Blick wanderte zur Bahnhofsuhr.

„Aber nicht hier.“

Patrick spürte, wie sein Herz schneller schlug.

„Dann lebt Adrian?“

Herr Winter schüttelte langsam den Kopf.

„Nein.“

Eine Pause.

„Aber manche Geschichten enden nicht, wenn die Menschen sterben.“

Die Worte hingen schwer in der Luft.

Dann stand Herr Winter auf.

Langsam.

Und blickte zu den dunklen Gleisen hinaus.

„Vor über hundert Jahren geschah in diesem Bahnhof etwas, das nie abgeschlossen wurde.“

Er drehte sich wieder zu ihnen um.

„Und solange die Wahrheit nicht ihren Weg findet, kehren die Erinnerungen immer wieder zurück.“

Patrick sah auf das Lederbuch.

Emilia auf die Uhr.

22:17 Uhr.

Die Zeit des Unglücks.

Die Zeit, in der alles begann.

Und plötzlich erschien auf einer zuvor leeren Seite des Buches eine neue Zeile:

„Findet Adrian, bevor die Uhr erneut schlägt.“

Darunter erschien noch ein letzter Satz:

„Denn diesmal wird nicht nur eine Erinnerung verloren gehen.“


Kapitel 24 – Fragen in der Dunkelheit

Die Worte im Lederbuch standen regungslos auf der Seite:

„Findet Adrian, bevor die Uhr erneut schlägt.“

„Denn diesmal wird nicht nur eine Erinnerung verloren gehen.“

Patrick starrte auf die Schrift.

Emilia ebenso.

Dann sahen beide gleichzeitig zu Herrn Winter.

„Wie sollen wir ihn finden?“, fragte Patrick.

Herr Winter antwortete nicht sofort.

„Und wo?“, fügte Emilia hinzu.

Ihre Stimme hallte durch die verlassene Bahnhofshalle.

Draußen trommelte der Regen gegen die zerbrochenen Fensterscheiben.

Die alte Uhr über ihnen zeigte weiterhin 22:17 Uhr.

Unverändert.

Regungslos.

Patrick fuhr sich durch die nassen Haare.

„Sollen wir im Waggon suchen?“

Keine Antwort.

„Oder auf dem Bahnsteig?“

Herr Winter schwieg.

„Oder ganz woanders?“

Emilia verschränkte die Arme.

„Und überhaupt…“

Sie sah Herrn Winter direkt an.

„Wer sind Sie wirklich?“

Stille.

Eine unangenehme Stille.

Herr Winter senkte den Blick.

Als hätte er diese Frage lange gefürchtet.

Patrick dachte an den alten Mann im Park.

An seine Geschichten.

An sein plötzliches Verschwinden.

An sein Wissen.

„Und der alte Mann?“

Herr Winter blickte auf.

„Was hat er damit zu tun?“

Die Fragen sammelten sich wie Gewitterwolken.

Wer war Adrian?

Wer war die Frau mit dem roten Regenschirm?

Wer war Melisande?

Wer war der alte Mann?

Und warum schien Herr Winter mehr zu wissen als alle anderen?

Fragen über Fragen.

Doch Antworten gab es keine.

Noch nicht.

Plötzlich begann ein kalter Wind durch die Halle zu ziehen.

Lose Papierfetzen bewegten sich über den Boden.

Die Lampen flackerten.

Und wieder begann das Lederbuch zu vibrieren.

Patrick hob es vorsichtig auf.

„Nicht schon wieder…“

Doch das Buch öffnete sich bereits.

Langsam.

Seite für Seite.

Diesmal erschien die Schrift nicht sofort.

Erst nach einigen Sekunden floss schwarze Tinte über das Papier.

Ein Satz entstand.

Dann ein zweiter.

„Nicht jeder, der euch führt,

gehört in eure Zeit.“

Patrick runzelte die Stirn.

Neue Worte erschienen.

„Nicht jeder, der verschwindet,

ist fort.“

Emilia sah Herrn Winter an.

Der alte Buchhändler wirkte plötzlich angespannt.

Sehr angespannt.

Die Schrift schrieb weiter.

„Folgt den Schritten des Mannes,

der niemals einen Schatten wirft.“

Die Tinte hielt an.

Stille.

Patrick blickte langsam auf.

„Der alte Mann.“

Emilia nickte sofort.

„Im Park.“

„Im Buchladen.“

„Im Waggon.“

Herr Winter schloss kurz die Augen.

Als hätte er genau diese Erkenntnis verhindern wollen.

Dann erschien die letzte Zeile.

Dunkler als alle zuvor.

„Er wartet dort,

wo die Reise wirklich begann.“

Die Schrift stoppte.

Das Buch schloss sich.

Mit einem dumpfen Schlag.

Niemand sprach.

Draußen zuckte ein Blitz über den Himmel.

Und in seinem Licht glaubte Patrick für einen Sekundenbruchteil eine Gestalt am anderen Ende der Bahnhofshalle zu erkennen.

Einen alten Mann.

Mit grauem Mantel.

Und dunklem Hut.

Als der Donner folgte, war die Gestalt verschwunden.

Herr Winter atmete tief aus.

Dann sagte er leise:

„Ich hatte gehofft, dass es nicht so weit kommt.“

Patrick sah ihn an.

„Was meinen Sie damit?“

Herr Winter blickte zur Uhr.

22:17 Uhr.

Dann antwortete er:

„Weil ihr nun herausfinden werdet, wer der alte Mann wirklich ist.“


Kapitel 25 – Zurück nach Waggon 3

„Dort!“

Patrick zeigte zum anderen Ende der Bahnhofshalle.

Die Gestalt des alten Mannes war im Licht des Blitzes eindeutig zu erkennen gewesen.

Grauer Mantel.

Dunkler Hut.

Reglos zwischen den Schatten.

Ohne nachzudenken liefen Patrick und Emilia los.

Ihre Schritte hallten durch die verlassene Halle. Vorbei an den alten Bänken, vorbei an den zerbrochenen Fenstern und den verstaubten Fahrplantafeln.

„Warten Sie!“, rief Patrick.

Keine Antwort.

Sie erreichten das Ende der Halle.

Doch dort war niemand.

Der alte Mann war verschwunden.

Einfach fort.

Patrick sah sich hektisch um.

Links.

Rechts.

Zwischen den Säulen.

Hinter den Türen.

Nichts.

Nur Dunkelheit.

Nur Staub.

Und das ferne Grollen des Gewitters.

Emilia blieb stehen und atmete schwer.

„Das ist unmöglich.“

Patrick nickte.

„Er war hier.“

„Ich habe ihn gesehen.“

„Ich auch.“

Für einen Moment standen sie schweigend da.

Dann drehte sich Emilia um.

„Herr Winter!“

Sie wollte seinen Rat.

Er musste wissen, was das alles bedeutete.

Doch als sie zur Mitte der Halle zurückblickte, stockte ihr der Atem.

Der Platz unter der Bahnhofsuhr war leer.

Herr Winter war verschwunden.

Auch er.

Ohne ein Geräusch.

Ohne eine Spur.

Patrick und Emilia liefen zurück.

Doch dort war niemand.

Nur die große Uhr.

Unbeweglich.

Ihre Zeiger standen weiterhin auf 22:17 Uhr.

„Nein…“

Emilia schüttelte ungläubig den Kopf.

„Nicht schon wieder.“

Patrick sah sich um.

„Sie sind beide weg.“

Die Erkenntnis ließ die Halle noch leerer erscheinen als zuvor.

Herr Winter.

Der alte Mann.

Beide verschwunden.

Und mit ihnen jede Hoffnung auf Antworten.

Für einige Sekunden sagte keiner etwas.

Dann fiel Patricks Blick auf die Gleise vor dem Bahnhof.

Und auf das Abstellgleis dahinter.

„Der Waggon.“

Emilia sah ihn an.

„Waggon 3.“

Patrick nickte.

„Das Buch hat uns dorthin geführt.“

„Die Tasche war dort.“

„Der Brief auch.“

Emilia dachte kurz nach.

Dann nickte sie langsam.

„Vielleicht haben wir etwas übersehen.“

Es war die einzige Spur, die ihnen geblieben war.

Gemeinsam verließen sie die Bahnhofshalle.

Draußen peitschte ihnen zunächst noch der Regen entgegen.

Doch je näher sie dem Abstellgleis kamen, desto schwächer wurde er.

Das Donnern entfernte sich.

Der Wind legte sich.

Und schließlich hörte der Regen vollständig auf.

Eine unnatürliche Stille breitete sich aus.

Der Waggon stand noch immer dort.

Dunkel.

Schweigend.

Als hätte er auf sie gewartet.

Die Messingbeschläge glänzten schwach im Licht des Mondes, der nun zwischen den Wolken hervorkam.

Patrick blieb kurz stehen.

„Kommt dir das nicht seltsam vor?“

Emilia blickte zum Himmel.

Kein Regen mehr.

Kein Wind.

Nicht einmal ein Geräusch.

„Ja.“

Langsam gingen sie näher.

Vor ihnen hing noch immer das Schild:

Waggon 3

Patrick legte die Hand auf den Türgriff.

Das kalte Metall fühlte sich überraschend warm an.

Er tauschte einen Blick mit Emilia.

Dann öffnete er die Tür.

Der vertraute goldene Lichtschein fiel nach draußen.

Der Waggon war erleuchtet.

Genau wie zuvor.

Als wäre seit ihrer letzten Begegnung keine einzige Minute vergangen.

Gemeinsam stiegen sie die Stufen hinauf.

Und kaum hatten sie den Waggon betreten, fiel die Tür hinter ihnen mit einem dumpfen Geräusch ins Schloss.

Die beiden fuhren erschrocken herum.

Doch die Tür ließ sich nicht mehr öffnen.

Im selben Moment begann irgendwo im Inneren des Waggons eine alte Taschenuhr zu ticken.

Langsam.

Regelmäßig. Tick. Tick. Tick.

Und das Lederbuch unter Patricks Arm begann erneut zu vibrieren.


Kapitel 26 – Das Lächeln im Mondlicht

Das regelmäßige Ticken der unsichtbaren Uhr erfüllte den Waggon.

Tick.

Tick.

Tick.

Patrick spürte das Vibrieren des Lederbuches in seinen Händen.

Diesmal war es anders.

Ruhiger.

Fast so, als wolle es nicht warnen, sondern etwas zeigen.

Er legte das Buch vorsichtig auf einen der kleinen Tische zwischen den Polstersitzen.

Sofort schlug es sich auf.

Die Seiten blätterten langsam.

Doch diesmal erschien keine Schrift.

Keine Botschaft.

Nur leere Seiten.

Patrick fuhr sich durch die Haare.

„Wo ist der Hinweis auf Adrian?“

Emilia sah sich im Waggon um.

Die Samtvorhänge.

Die Messinglampen.

Die dunklen Holzvertäfelungen.

Alles wirkte unverändert.

Und doch hatte Patrick das Gefühl, dass sie etwas Entscheidendes übersahen.

„Vielleicht ist dieser Waggon selbst der Hinweis“, sagte Emilia.

Patrick blickte durch den Gang.

„Aber was ist hier passiert?“

Seine Stimme hallte leise zwischen den Wänden wider.

„Warum führt uns alles immer wieder hierher?“

Keine Antwort.

Nur das Ticken.

Tick.

Tick.

Tick.

Plötzlich bemerkte Emilia etwas.

„Patrick.“

Sie zeigte auf eines der Fenster.

„Dort.“

Patrick drehte sich um.

Und erstarrte.

Vor dem Waggon stand eine Frau.

Regungslos.

Wie schon so oft.

Der dunkle Mantel.

Die langen hellen Haare.

Die schlanke Gestalt.

Doch diesmal hielt sie keinen roten Regenschirm in der Hand.

Der Regen hatte längst aufgehört.

Mondlicht lag über den Gleisen.

Silbern.

Still.

Die Frau stand nur wenige Meter entfernt.

Und sah direkt zu ihnen.

Emilia trat näher an das Fenster.

„Sie ist wieder da.“

Patrick spürte, wie sein Herz schneller schlug.

Seit Beginn dieser Geschichte hatte die geheimnisvolle Frau sie geführt.

Zum Buchladen.

Zum Bahnhof.

Zum Waggon.

Immer war sie erschienen.

Immer war sie verschwunden.

Doch diesmal war etwas anders.

Die Frau wirkte nicht traurig.

Nicht geheimnisvoll.

Nicht unerreichbar.

Langsam hob sie den Blick.

Und lächelte.

Zum ersten Mal.

Ein warmes, sanftes Lächeln.

Fast erleichtert.

Emilia flüsterte:

„Glaubst du…“

Sie sprach den Gedanken kaum aus.

„…dass sie Melisande ist?“

Patrick antwortete nicht sofort.

Er erinnerte sich an die Geschichte im Buch.

An die junge Frau, die ihr Leben lang auf eine Wahrheit gewartet hatte.

An den Brief.

An Adrian.

An den Bahnhof.

Und plötzlich schien alles miteinander verbunden.

Die Frau draußen nickte leicht.

Als hätte sie Emilias Frage gehört.

Dann hob sie langsam ihre Hand.

Nicht zum Gruß.

Nicht als Warnung.

Sie zeigte auf das andere Ende des Waggons.

Ganz nach hinten.

Dort, wo sie die Tasche gefunden hatten.

Patrick und Emilia drehten sich gleichzeitig um.

Der letzte Tisch stand noch immer dort.

Leer.

Zumindest glaubten sie das.

Doch im Licht der Messinglampe lag nun etwas auf dem Tisch, das zuvor nicht dort gewesen war.

Ein kleiner, vergilbter Fahrschein.

Und direkt daneben begann das Lederbuch, das bis eben still gewesen war, erneut zu vibrieren.


Kapitel 27 – Die Abfahrt

Patrick und Emilia standen am Ende von Waggon 3 und starrten auf den vergilbten Fahrschein.

Das Lederbuch auf dem Tisch begann erneut zu vibrieren.

Zunächst nur leicht.

Dann immer stärker.

Die Seiten flatterten aufgeregt.

Fast hektisch.

„Es will uns etwas zeigen“, sagte Emilia leise.

Patrick nickte.

Doch bevor einer von beiden das Buch berühren konnte, ertönte plötzlich eine Stimme.

Dumpf.

Verzerrt.

Wie aus großer Entfernung.

Eine Lautsprecherdurchsage.

„Der Zug nach Falkenau fährt in wenigen Augenblicken ab. Reisende werden gebeten einzusteigen.“

Patrick und Emilia blickten sich erschrocken an.

Die Stimme kam eindeutig aus dem Bahnhof.

Doch eben war dort noch nichts gewesen.

Dann ging ein Ruck durch den Waggon.

Kräftig genug, dass die Messinglampen schwankten.

Die Gläser klirrten.

Emilia musste sich am Tisch festhalten.

„Habst du das gespürt?“

Doch Patrick hatte die Antwort bereits gehört.

Draußen.

Vor dem Waggon.

Ein langgezogenes Zischen.

Dampf.

Metall.

Maschinenkraft.

Dann ertönte das tiefe, kraftvolle Schnaufen einer Dampflokomotive.

Die Lok hatte angekuppelt.

Und setzte den Zug in Bewegung.

Langsam.

Mit einem schweren Ruck.

Der Waggon begann zu rollen.

Patrick lief zum Fenster.

Draußen bewegte sich das Abstellgleis an ihnen vorbei.

Die dunklen Schienen.

Das überwucherte Gras.

Die verlassene Ruine.

Doch während der Zug Fahrt aufnahm, veränderte sich die Welt erneut.

Wie Nebel, der sich auflöst.

Die verfallenen Mauern wurden neu.

Fensterscheiben erschienen.

Laternen entzündeten sich.

Die Dunkelheit wich warmem Licht.

Der Bahnhof erwachte.

Wieder.

Innerhalb weniger Sekunden war aus der Ruine ein lebendiger Bahnhof geworden.

Genau wie vor hundert Jahren.

Menschen liefen über die Bahnsteige.

Kofferträger eilten durch den Dampf.

Kinder lachten.

Reisende verabschiedeten sich.

Pferdekutschen standen vor dem Gebäude.

Der Zug rollte zischend in die Bahnhofshalle ein.

Bremsen quietschten.

Dampf füllte die Luft.

Und sofort strömten Menschen herbei.

Frauen in langen Mänteln.

Männer mit Hüten.

Soldaten.

Geschäftsleute.

Familien mit Gepäck.

Sie stiegen ein.

Direkt in Waggon 3.

An Patrick und Emilia vorbei.

Doch niemand beachtete sie.

Niemand sah sie an.

Eine ältere Dame ging sogar direkt durch den Platz, an dem Patrick stand, als wäre er gar nicht da.

Emilia erschrak.

„Sie können uns nicht sehen.“

Patrick schluckte.

„Wir sind nicht wirklich hier.“

Die Menschen setzten sich.

Unterhielten sich.

Lasen Zeitungen.

Als wäre alles vollkommen normal.

Und mitten in diesem geschäftigen Treiben begann das Lederbuch plötzlich von selbst aufzuschlagen.

Die Seiten blätterten schneller als je zuvor.

Wind fuhr durch den Waggon.

Die Lampen flackerten.

Dann stoppte das Buch.

Eine leere Seite lag vor ihnen.

Langsam erschien schwarze Tinte.

Zeile für Zeile.

Wort für Wort.

„Ihr seid angekommen.“

Weitere Schrift entstand.

„Die letzte Reise hat begonnen.“

Patrick spürte eine Gänsehaut.

Die Tinte schrieb weiter:

„Sucht den Mann mit dem Fahrschein.“

„Er trägt die Antwort bei sich.“

Dann erschien eine letzte Zeile.

Langsam.

Dunkel.

Fast feierlich.

„Und wenn die Uhr 22:17 schlägt,

wird sich entscheiden, wer erinnert wird.“

Die Schrift verstummte. Das Buch blieb geöffnet liegen.

Und genau in diesem Moment öffnete sich die Tür am anderen Ende des Waggons.

Ein junger Mann trat ein. Dunkler Mantel.

Nasse Haare.

Und in seiner Hand hielt er einen vergilbten Fahrschein.


Kapitel 28 – Der Mann mit dem Fahrschein

Mit einem langen Pfeifen setzte sich der Zug endgültig in Bewegung.

Langsam glitt er aus der Bahnhofshalle hinaus.

Dampf zog an den Fenstern vorbei. Die Lichter des Bahnhofs wurden kleiner und verschwanden schließlich in der Dunkelheit der Nacht.

Das rhythmische Klackern der Räder erfüllte den Waggon.

Klack-klack.

Klack-klack.

Klack-klack.

Patrick und Emilia nahmen an einem kleinen Tisch Platz.

Zwischen ihnen lag das Lederbuch.

Noch immer geöffnet auf der letzten Seite.

Die Worte standen unverändert dort:

„Sucht den Mann mit dem Fahrschein.“

„Er trägt die Antwort bei sich.“

„Und wenn die Uhr 22:17 schlägt, wird sich entscheiden, wer erinnert wird.“

Emilia las die Zeilen erneut.

Und noch einmal.

Doch sie wurden dadurch nicht verständlicher.

„Wer erinnert wird?“

Sie blickte zu Patrick.

„Was soll das bedeuten?“

Patrick schüttelte den Kopf.

„Ich weiß es nicht.“

Sein Blick wanderte durch den Waggon.

Zu dem jungen Mann.

Der saß einige Reihen weiter am Fenster.

Allein.

Schweigend.

Der vergilbte Fahrschein lag noch immer in seiner Hand.

Von Zeit zu Zeit blickte er darauf.

Als wolle er sich vergewissern, dass er noch da war.

Dann sah er wieder hinaus in die Nacht.

„Er weiß etwas“, sagte Patrick.

Emilia nickte.

„Die Frage ist nur was.“

Sie beobachteten ihn aufmerksam.

Der junge Mann wirkte nervös.

Immer wieder schaute er sich um.

Nicht hektisch.

Eher vorsichtig.

Als hätte er Angst, von jemandem erkannt zu werden.

Oder verfolgt zu werden.

Plötzlich zog er eine Taschenuhr aus seiner Manteltasche.

Er öffnete sie.

Sah auf die Zeit.

Und schloss sie wieder.

Patrick bemerkte es sofort.

„Hast du das gesehen?“

„Ja.“

„Er wartet auf etwas.“

Emilia sah erneut zum Lederbuch.

„Oder auf jemanden.“

Für einige Minuten sagte keiner etwas.

Der Zug fuhr weiter durch die Nacht.

Draußen zogen Wälder und Felder vorbei.

Silbern beleuchtet vom Mond.

Im Waggon unterhielten sich die Reisenden.

Eine ältere Dame las eine Zeitung.

Ein Geschäftsmann schrieb in ein Notizbuch.

Ein Kind schlief auf dem Schoß seiner Mutter.

Alles wirkte normal.

Und doch wusste Patrick, dass nichts daran normal war.

Er schlug eine weitere Seite des Lederbuches auf.

Leer.

Die nächste Seite ebenfalls.

Dann plötzlich erschien Tinte.

Ganz langsam.

Als würde jemand zögern.

Ein einzelner Satz entstand:

„Vertraut nicht dem ersten Eindruck.“

Patrick runzelte die Stirn.

Neue Worte erschienen.

„Der Suchende ist nicht der Gejagte.“

Emilia las die Zeilen mehrmals.

„Das ergibt keinen Sinn.“

Doch Patrick war sich nicht sicher.

Er blickte erneut zum jungen Mann.

Und bemerkte etwas.

Der junge Mann beobachtete nicht die anderen Reisenden.

Nicht den Schaffner.

Nicht die Landschaft.

Er beobachtete die Tür am Ende des Waggons.

Ununterbrochen.

Als würde er auf jemanden warten.

Oder sich vor jemandem fürchten.

Dann geschah etwas Seltsames.

Der junge Mann wurde plötzlich blass.

Sein Blick richtete sich auf die Fensterscheibe neben ihm.

Langsam.

Sehr langsam.

Stand er auf.

Patrick und Emilia folgten seinem Blick.

Und sahen nichts.

Nur ihr eigenes Spiegelbild.

Doch der Ausdruck im Gesicht des jungen Mannes verriet etwas anderes.

Er hatte dort etwas gesehen.

Etwas, das ihn erschreckte.

Er griff den Fahrschein fester.

Und flüsterte ein einziges Wort.

So leise, dass Patrick es kaum hören konnte.

„Melisande.“

Im selben Augenblick begann das Lederbuch erneut zu vibrieren.


Kapitel 29 – Der Bahnhof in der Nacht

Das Lederbuch vibrierte erneut.

Nicht heftig.

Nicht warnend.

Eher wie ein Herzschlag.

Ruhig.

Regelmäßig.

Patrick und Emilia saßen noch immer an ihrem Tisch, während der Zug durch die mondbeschienene Nacht fuhr.

Der junge Mann mit dem Fahrschein stand weiterhin am Fenster.

Sein Blick war angespannt.

Seine Finger umklammerten das vergilbte Ticket.

Und dann geschah etwas.

Die Bremsen quietschten.

Ein langes Zischen hallte durch den Zug.

Die Reisenden blickten kurz auf.

Einige schlossen ihre Bücher.

Andere richteten ihre Hüte.

Langsam wurde der Zug langsamer.

Noch langsamer.

Bis er schließlich zum Stehen kam.

Mitten in der Nacht.

Mitten im Nirgendwo.

Patrick blickte aus dem Fenster.

Ein kleiner Bahnhof lag vor ihnen.

Kaum mehr als ein einzelner Bahnsteig.

Eine Wartehalle.

Eine Laterne.

Und ein Schild, dessen Schrift im Dunkeln kaum zu erkennen war.

Kein Laut war zu hören.

Keine Stimmen.

Kein Wind.

Nur das leise Zischen der Dampflok.

Dann bemerkte Emilia etwas.

„Patrick…“

Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Dort.“

Sie zeigte auf den Bahnsteig.

Unter einer einzelnen Laterne stand eine Frau.

Ganz allein.

Regungslos.

Der Schein der Lampe fiel auf ihre hellen Haare.

Ihr Mantel bewegte sich leicht.

Patrick spürte sofort eine Gänsehaut.

„Die Frau…“

Emilia nickte langsam.

„Ist sie das?“

Niemand sprach den Namen aus.

Doch beide dachten dasselbe.

Melisande.

Die Frau bewegte sich nicht.

Sie stand einfach dort.

Als würde sie auf den Zug warten.

Oder auf jemanden darin.

Das Lederbuch begann stärker zu vibrieren.

Patrick legte seine Hand darauf.

Die Seiten bewegten sich leicht.

Fast unmerklich.

Dann flackerten die Lampen im Waggon.

Einmal.

Zweimal.

Dreimal.

Die Schatten an den Wänden tanzten.

Doch etwas war seltsam.

Niemand sonst reagierte.

Die ältere Dame las weiter ihre Zeitung.

Der Geschäftsmann schrieb weiter in sein Notizbuch.

Das schlafende Kind rührte sich nicht.

Als würden nur Patrick und Emilia das Flackern bemerken.

„Sie sehen es nicht“, sagte Emilia leise.

Patrick nickte.

Die Lampen flackerten erneut.

Diesmal stärker.

Für einen Augenblick wurde der gesamte Waggon dunkel.

Als das Licht zurückkehrte, stand die Frau auf dem Bahnsteig näher am Zug.

Viel näher.

Fast direkt vor ihrem Fenster.

Patrick zuckte zusammen.

Er war sicher, dass sie sich nicht bewegt hatte.

Und doch war sie näher gekommen.

Langsam hob die Frau ihren Kopf.

Ihre Augen blickten direkt in den Waggon.

Direkt zu Patrick.

Direkt zu Emilia.

Und dann geschah etwas noch Seltsameres.

Der junge Mann mit dem Fahrschein hatte sie ebenfalls gesehen.

Sein Gesicht wurde schlagartig blass.

Er stand auf.

Stieß beinahe seinen Sitz um.

Und flüsterte erschrocken:

„Nein…“

Das Lederbuch schlug plötzlich von selbst auf.

Die Seiten flatterten.

Schneller.

Immer schneller.

Dann stoppten sie.

Schwarze Tinte erschien.

Nur ein einziger Satz schrieb sich auf das Papier:

„Steigt nicht aus, bevor die Frau den Zug betritt.“

Im selben Augenblick öffnete sich draußen auf dem Bahnsteig langsam eine Waggontür.


Kapitel 30 – Bevor der Zug abfährt

Patrick und Emilia starrten auf die Waggontür.

Langsam.

Knarrend.

Öffnete sie sich.

Der kalte Nachtwind strich durch den Wagen und ließ die Flammen der Messinglampen zittern.

Niemand sprach.

Die Reisenden schienen von alldem nichts zu bemerken.

Die ältere Dame las weiter ihre Zeitung.

Der Geschäftsmann schrieb noch immer in sein Notizbuch.

Das schlafende Kind bewegte sich nicht.

Nur Patrick und Emilia hielten den Atem an.

Kam jetzt die geheimnisvolle Frau?

Die Frau vom Bahnsteig?

Melisande?

Oder jemand ganz anderes?

Die Tür stand nun halb offen.

Doch niemand trat ein.

Draußen ertönte plötzlich eine Lautsprecherdurchsage.

Knisternd.

Verzerrt.

Wie aus weiter Ferne.

„Abfahrt in einer Minute. Bitte einsteigen.“

Im selben Moment erklang das tiefe Pfeifen der Dampflokomotive.

Ein langgezogener Ton durchschnitt die Nacht.

Emilia fuhr zusammen.

„Nein.“

Sie blickte zum Bahnsteig.

„Sie muss einsteigen.“

Patrick dachte sofort an die Warnung des Lederbuches.

„Steigt nicht aus, bevor die Frau den Zug betritt.“

Was würde geschehen, wenn der Zug vorher abfuhr?

War die Frau der Schlüssel?

Die Antwort?

Oder die Erinnerung, nach der sie suchten?

Draußen setzte sich der Schaffner bereits in Bewegung.

Mit seiner Kelle in der Hand ging er den Bahnsteig entlang.

Routiniert.

Unaufhaltsam.

Bereit, das Abfahrtsignal zu geben.

Patrick spürte, wie die Zeit gegen sie arbeitete.

„Wo ist sie?“

Emilia blickte hinaus.

Der Bahnsteig war fast leer.

Die geheimnisvolle Frau war nicht mehr zu sehen.

Und plötzlich fiel Patrick etwas auf.

„Der junge Mann.“

Emilia sah ihn an.

„Was ist mit ihm?“

Patrick blickte durch den Waggon.

Die Sitzreihe am Fenster.

Leer.

Der Platz, auf dem er eben noch gesessen hatte.

Verlassen.

Der junge Mann mit dem Fahrschein war verschwunden.

„Er ist weg.“

Emilia stand sofort auf.

„Wann?“

„Ich weiß es nicht.“

Beide sahen sich suchend um.

Doch nirgendwo war er zu entdecken.

Nicht im Gang.

Nicht zwischen den Reisenden.

Nicht an den Türen.

Als hätte er sich einfach in Luft aufgelöst.

Die Geschichte wurde immer verzwickter.

Mit jeder Antwort entstanden neue Fragen.

Wer war der junge Mann wirklich?

Warum hatte er Melisandes Namen geflüstert?

Warum war er verschwunden?

Und warum schien jeder Mensch in dieser Geschichte mehr zu wissen als Patrick und Emilia?

Ein weiterer Pfiff der Lokomotive hallte über den Bahnhof.

Dampf zog an den Fenstern vorbei.

Dann geschah etwas.

Nur für einen Augenblick.

Patrick glaubte, zwei Gestalten auf dem Bahnsteig zu erkennen.

Direkt unter einer flackernden Laterne.

Herr Winter.

Und der alte Mann.

Nebeneinander.

Regungslos.

Als würden sie den Zug beobachten.

Als würden sie auf etwas warten.

Patrick blinzelte.

Ein Reisender lief durch sein Blickfeld.

Als die Sicht wieder frei war, waren beide verschwunden.

„Emilia!“

„Ich habe sie gesehen.“

„Wen?“

„Herrn Winter. Und den alten Mann.“

Emilia sah sofort hinaus.

Doch dort war niemand mehr.

Nur Nebel. Dampf. Und die Nacht.

In diesem Augenblick begann das Lederbuch erneut zu vibrieren.

Heftig. Stärker als je zuvor. Die Seiten schlugen von selbst auf.

Wind fuhr durch den Waggon.

Die Lampen flackerten.

Die Reisenden bemerkten weiterhin nichts.

Schwarze Tinte erschien auf einer leeren Seite.

Schnell. Drängend.

Als hätte das Buch Angst, zu spät zu kommen.

Ein Satz entstand.

„Die Entscheidung fällt beim nächsten Halt.“

Noch eine Zeile erschien.

„Wenn die Tür geschlossen wird,

gibt es keinen zweiten Weg mehr.“

Patrick und Emilia sahen sich an.

Und genau in diesem Moment erklang draußen der Ruf des Schaffners:

„Einsteigen bitte! Türen schließen!“

Langsam begann sich die Waggontür zu bewegen.


Kapitel 31 – Die Notbremsung

Ein langes Pfeifen durchschnitt die Nacht.

Die Dampflokomotive stieß eine gewaltige Wolke aus Dampf aus und setzte sich zischend in Bewegung.

Langsam zuerst.

Dann schneller.

Immer schneller.

Der kleine Bahnhof verschwand hinter ihnen. Die Lichter wurden kleiner, bis sie schließlich vollkommen von der Dunkelheit verschluckt wurden.

Patrick und Emilia saßen noch immer an ihrem Tisch.

Das Lederbuch lag zwischen ihnen.

Geschlossen.

Unheimlich still.

Emilia blickte auf ihre Armbanduhr.

Dann zu Patrick.

In ihren Augen lag Verzweiflung.

„Es ist gleich 22:17 Uhr.“

Patrick sagte nichts.

Sie schüttelte den Kopf.

„Und wir sitzen hier im Zug.“

Draußen raste die Landschaft vorbei.

Mondbeschienene Felder.

Dunkle Wälder.

Nebel über Wiesen.

Alles verschwamm zu grauen Schatten.

„Wie sollen wir jemals dieses Rätsel lösen?“

Ihre Stimme wurde leiser.

„Wir wissen nicht einmal, wer Melisande wirklich war.“

„Oder Adrian“, ergänzte Patrick.

„Oder der alte Mann.“

„Oder Herr Winter.“

Emilia nickte.

„Und jetzt sind auch noch die Frau und der Junge verschwunden.“

Patrick blickte durch den Waggon.

Sie hatte recht.

Von der geheimnisvollen Frau fehlte jede Spur.

Ebenso vom jungen Mann mit dem Fahrschein.

Nur die übrigen Reisenden waren noch da.

Die ältere Dame las weiter ihre Zeitung.

Der Geschäftsmann schrieb noch immer in sein Notizbuch.

Andere unterhielten sich leise.

Niemand schien zu bemerken, dass sie durch eine Geschichte fuhren, die eigentlich längst vergangen war.

Der Zug beschleunigte weiter.

Das Stampfen der Lokomotive wurde lauter.

Die Räder hämmerten über die Schienen.

Klack-klack.

Klack-klack.

Klack-klack.

Immer schneller.

Immer schneller.

Plötzlich zog draußen ein Schatten vorbei.

Dann noch einer.

Patrick glaubte für einen Moment, eine Gestalt neben den Gleisen laufen zu sehen.

Doch schon war sie wieder verschwunden.

Der Zug raste inzwischen mit atemberaubender Geschwindigkeit durch die Nacht.

Und dann geschah es.

Ein schrilles Kreischen.

Metall auf Metall.

Ein gewaltiger Ruck.

Der gesamte Zug erzitterte.

„Festhalten!“, rief Patrick.

Zu spät.

Die Notbremsung traf den Zug mit voller Wucht.

Koffer stürzten aus den Gepäcknetzen.

Zeitungen flogen durch die Luft.

Ein Serviertablett krachte zu Boden.

Mehrere Reisende wurden aus ihren Sitzen geschleudert.

Schreie hallten durch den Waggon.

Die Lampen schwankten wild.

Gläser zerbrachen.

Der Zug bremste mit einem ohrenbetäubenden Quietschen.

Dann—

Stille.

Absolute Stille.

Nur das leise Zischen der Lokomotive war noch zu hören.

Patrick blinzelte.

Er saß noch immer auf seinem Platz.

Emilia ebenfalls.

Wie durch ein Wunder hatte sich keiner von ihnen bewegt.

Um sie herum herrschte Chaos.

Koffer lagen verstreut.

Stühle waren umgekippt.

Mehrere Reisende standen erschrocken auf.

Doch Patrick bemerkte etwas Seltsames.

Sie alle wirkten wie eingefroren.

Als wäre die Zeit für einen Moment stehen geblieben.

Niemand sprach.

Niemand bewegte sich.

Emilia bemerkte es ebenfalls.

„Patrick…“

Ihre Stimme war kaum hörbar.

„Was ist hier los?“

Dann begann das Lederbuch zu vibrieren. Langsam. Rhythmisch.

Wie ein Herzschlag.

Bumm. Bumm. Bumm.

Die Vibration wurde stärker. Die Messinglampen flackerten. Ein kalter Luftzug zog durch den Waggon.

Und ganz langsam öffnete sich das Buch von selbst.

Seite für Seite. Bis es mitten im Buch innehielt. Leere Seiten. Schwarze Tinte begann zu erscheinen.

Ein Wort. Dann ein zweites. Patrick beugte sich vor. Emilia ebenfalls.

Die Schrift formte einen einzigen Satz:

„Jemand hat den Zug angehalten.“

Noch bevor weitere Worte erscheinen konnten, hörten sie draußen Schritte.

Langsame Schritte. Direkt neben dem Waggon. Jemand näherte sich.


Kapitel 32 – Die Geschichte der geheimnisvollen Frau

Die Schritte vor dem Waggon kamen näher.

Langsam.

Ruhig.

Als hätte die Person draußen alle Zeit der Welt.

Patrick und Emilia blickten gleichzeitig zur Waggontür.

Das Lederbuch vibrierte noch immer.

Die Messinglampen flackerten.

Der kalte Luftzug wurde stärker.

Dann öffnete sich die Tür.

Langsam.

Knarrend.

Im Türrahmen erschien eine Gestalt.

Eine junge Frau.

Lange, helle Haare fielen über ihren dunklen Mantel.

In ihrer Hand hielt sie den roten Regenschirm.

Auf ihrem Mantel glitzerten Regentropfen, obwohl draußen längst kein Regen mehr fiel.

Sie trat einen Schritt in den Waggon.

Dann noch einen.

Die Tür schloss sich lautlos hinter ihr.

Die übrigen Reisenden schienen sie nicht wahrzunehmen.

Die ältere Dame las weiter ihre Zeitung.

Der Geschäftsmann schrieb unbeirrt in sein Notizbuch.

Ein Schaffner ging an ihr vorbei, ohne auch nur den Blick zu heben.

Als wäre sie unsichtbar.

Doch für Patrick und Emilia war sie so wirklich wie alles andere in diesem Waggon.

Die junge Frau blieb in der Mitte des Ganges stehen.

Ihre hellen Augen ruhten auf Patrick.

Dann auf Emilia.

Und schließlich auf dem Lederbuch.

Sie lächelte.

Ein stilles, trauriges Lächeln.

Als würde sie wissen, dass dieser Augenblick irgendwann kommen musste.

„Sind Sie … Melisande?“, fragte Emilia vorsichtig.

Die Frau antwortete nicht.

Stattdessen trat sie langsam an den kleinen Tisch heran.

Sie legte eine Hand auf den Einband des Lederbuches.

Sofort hörte das Vibrieren auf.

Für einen Augenblick wurde es vollkommen still.

Dann schlug das Buch sich von selbst auf.

Die Seiten waren leer.

Doch nicht lange.

Wie flüssige schwarze Tinte erschienen die ersten Worte.

Langsam.

Zeile für Zeile.

Patrick und Emilia lasen schweigend.

„Sie hieß nicht Melisande.“

Patrick runzelte die Stirn.

Neue Zeilen entstanden.

„Melisande war der Name, unter dem sie in Erinnerung blieb.“

Die Frau schloss für einen Moment die Augen.

Als würde sie jedes einzelne Wort fühlen.

Die Schrift floss weiter über das Papier.

„Ihr wahrer Name war Elise.“

Emilia sah überrascht auf.

„Elise …“

Das Buch schrieb weiter.

„Sie liebte Adrian.“

„Sie wollten gemeinsam fortgehen.“

„Mit dem letzten Zug.“

Patrick spürte, wie sich die Puzzleteile langsam zusammenfügten.

Die Schrift hielt nicht an.

„In ihrer Tasche trug sie einen Brief.“

„In seiner Tasche trug Adrian den Fahrschein.“

„Beides sollte sie in eine gemeinsame Zukunft führen.“

Die junge Frau blickte aus dem Fenster.

Ihr Spiegelbild war darin nicht zu sehen.

Nur die vorbeiziehende Nacht.

Dann erschien ein neuer Satz.

„Doch sie erreichte den Zug nie.“

Patrick hob langsam den Blick.

„Warum?“

In diesem Moment schloss die Frau die Augen.

Eine einzelne Träne lief über ihre Wange.

Das Lederbuch antwortete an ihrer Stelle.

„Jemand hielt sie auf.“

Stille.

Patrick und Emilia wechselten einen Blick.

Sie wussten sofort, dass dies der entscheidende Teil der Geschichte war.

Doch das Buch schrieb weiter.

Langsam.

Fast widerwillig.

„Adrian wartete bis zur letzten Minute.“

„Dann musste der Zug abfahren.“

„Er glaubte, sie habe ihn verlassen.“

Die junge Frau öffnete die Augen.

Zum ersten Mal sprach sie.

Mit leiser, klarer Stimme sagte sie:

„Er hat nie erfahren, warum ich nicht gekommen bin.“

Ihre Worte ließen Patrick und Emilia erstarren.

Es war das erste Mal, dass sie ihre Stimme hörten.

Sie war ruhig.

Warm.

Und voller Traurigkeit.

Das Lederbuch vibrierte erneut.

Eine letzte Zeile erschien auf der Seite:

„Findet die Wahrheit über jene Nacht – und entscheidet, ob die Geschichte endlich enden darf.“

Als die Schrift verblasste, hob Elise langsam den Blick.

Dann sah sie Patrick direkt in die Augen und flüsterte:

„Ihr habt nur noch einen Halt.“


Kapitel 33 – Das letzte Kapitel

Stille.

Nur das leise Ticken der Räder auf den Schienen war noch zu hören.

Patrick und Emilia saßen schweigend am kleinen Tisch.

Zwischen ihnen lag das geheimnisvolle Lederbuch.

Die letzten Worte von Elise hallten noch in ihren Gedanken nach.

„Ihr habt nur noch einen Halt.“

Sie blickten aus dem Fenster.

Die Nacht glitt lautlos an ihnen vorbei.

Keiner von beiden wusste, was sie am nächsten Bahnhof erwarten würde.

Würden sie Adrian finden?

Würden Elise und Adrian endlich die Wahrheit erfahren?

Würde die Uhr jemals wieder weiterlaufen?

Oder würde die Geschichte für immer zwischen Vergangenheit und Gegenwart gefangen bleiben?

Vielleicht lag die Antwort im nächsten Augenblick.

Vielleicht auch nie.

Patrick schloss langsam das Lederbuch.

Für einen Moment schien es, als würde es ein letztes Mal warm werden.

Dann vibrierte es sanft.

Nicht mehr wie eine Warnung.

Nicht mehr wie ein Ruf.

Sondern wie ein leiser Abschiedsgruß.

Ganz langsam öffnete es sich ein letztes Mal.

Auf der letzten Seite erschien in schwarzer Tinte eine einzige Botschaft:

„Jede Geschichte lebt nur so lange, wie sich jemand an sie erinnert.“

Darunter entstand eine zweite Zeile.

„Danke, dass ihr diese Reise begleitet habt.“

Die Schrift wartete einen Augenblick.

Dann erschien der letzte Satz.

„Vielleicht begegnet euch eines Tages wieder ein dunkelblaues Lederbuch.“

Die Tinte verblasste.

Langsam.

Bis die Seiten wieder vollkommen leer waren.

Patrick legte behutsam seine Hand auf den Einband.

Emilia lächelte.

Keiner sagte ein Wort.

Manche Geschichten brauchen kein endgültiges Ende.

Sie leben in der Fantasie derjenigen weiter, die sie gelesen haben.

Und vielleicht fährt irgendwo, in einer regnerischen Nacht, noch immer ein alter Zug durch die Dunkelheit.

Mit einem geheimnisvollen Waggon.

Einem roten Regenschirm.

Und einem Lederbuch, das darauf wartet, die nächste Geschichte zu erzählen.

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